Hi John
Zunächst einmal ein Dankeschön für die Erstellung dieses Threats!
Mit einigen Deiner Argumente hast Du sicherlich recht; wenn man sie einfach so betrachtet.
Aber bei genauerem Hinschauen bzw. genug Hintergrundwissen stellt sich so manches anders dar:
1. Ich fange mal mit dem Luta Livre Bezug an, den Du einbringst:
Sicherlich ist ein Luta Livre oder BJJ-Trainer nicht zu vergleichen mit einem Hybrid-System Trainer. (Ich nenne es jetzt einfach mal so, um nicht ständig alle möglichen System-Namen nennen zu müssen.)
Die als Beispiel herangezogenen Grappling-Systeme sind wesentlich komplexer; kommt es doch beim Grappling oftmals auf feinste Nuancen der Technikausführung an. (Dies ist bei den SV-Systemen oftmals nicht der Fall. Hauptsache, die Technik funktioniert, siehe den Threat, wo es um die korrekte Haltung des Armes bei der Abwehrbewegung ging.)
Die Ausbildungsreihen, auf die Du anspielst, z.B. die Luta Livre-Seminarreihe von Andreas Schmidt oder die BJJ-Blaugurt Seminarreihe von Björn Friedrich haben in diesem Zusammenhang eine ganz andere Qualität. Diskussionen hierzu wurden im entsprechenden Forum bereits zur Genüge geführt.
Nur in Kürze: Die Seminare sollten keinesfalls lediglich auf ihre Stundenzahl reduziert werden. Während der zwischen den einzelnen Seminaren liegenden Zeit sollen sich die Teilnehmer selbständig dem Verinnerlichen der Techniken widmen, diese üben, am besten mit Gleichgesinnten, in ihrer Trainingsgruppe usw.
Das Durchlaufen dieser Seminarreihen garantiert noch keineswegs den Erfolg!
2. Kommen wir zu den SV-Systemen:
Ich bin immer wieder erstaunt, wie der eine oder andere doch versucht, ein als einfach zu erlernendes System als besonders komplex darzustellen.
Erst Anfang des Monats war ich in Israel und habe mich mit diversen Leuten über Krav Maga, Kapap, Hisardut usw. ausgetauscht. Nicht nur mit Leuten, mit denen ich trainiert habe, sondern auch mit dem Kellner in der Gaststätte, mit dem Moneychanger, mit dem Verkäufer, dem Sicherheitsmann von einer Einkaufs-Mall, dem einfachen Soldaten am Bahnhof usw.
(An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass jeder in Israel zum Wehrdienst muss: Männer 3 Jahre, Frauen 2 Jahre. Danach bis zur Vollendung des 45 Lebensjahres jedes Jahr 1 Monat zur Auffrischung der Kenntnisse. In dieser Zeit wird einem das Geld, welches man erwirtschaften würde, vom Staat erstattet.)
Ich war ja neugierig und wollte auch unparteiische und nicht verbandsgebundene Stimmen hören. Einhellige Meinung: Jeder hier kann Krav Maga!!! Kein Wunder, wird der Begriff in Israel ähnlich verwendet wie "Selbstverteidigung", "Nahkampf" u.ä. und ist im Grundausbildungsprogramm des Militärs.
Was genau Krav Maga denn nun in den Augen der Israelis ist...nun ja, darin scheiden sich die Geister! Zumindest scheint in ihren Augen Imi nicht die Gallionsfigur des Krav Maga zu sein, für die er uns verkauft wird
(Hmmm, ich greife hier meinem Reisebericht, den ich grade schreibe, ziemlich vor. Diesen Part werde ich dort ausführlicher erläutern!)
Das Ausbildungskonzept und -ziel der Israelis ist ziemlich simpel: Den Anwender tatsächlich innerhalb kürzester Zeit kampffähig machen!
Das sich die Trainingsmethodik innerhalb der Armee von der zivilen unterscheidet, sollte klar sein. Bei den Spezialeinheiten findet auch eine Vertiefung der Materie statt. (So hat erst vor geraumer Zeit ein BJJ-Experte das heilige Land besucht und eine solche Einheit im BJJ unterrichtet. An anderer Stelle werde ich nochmal schreiben, unter welchem Namen diese Trainingseinheit lief

)
Zurück zu den Seminarangeboten:
Mit den 80 Stunden meinst Du sicherlich das von kravmaga-street-defence angebotene Ausbildungskonzept. Bis jetzt habe ich vom Michael nur Gutes sowohl über sein Training als auch die von ihm angebotene Ausbildung gehört.
Ich selber biete seit letztem Jahr einen Krav Maga Basic-Instructorkurs an. Dieser Kurs dauert 5 Tage á 8+ Stunden (Allerdings ist Grundlage zur Teilnahme das Absolvieren der vorangegangenen 5 Seminarwochenenden! Der Ausbildungskurs dauert manchmal auch länger als 8 Stunden UND man ist dann immer noch nicht Instructor, sondern lediglich Trainee! Bis zur Zulassung zur Instructorprüfung dauert es dann doch noch eine Weile! Während der Zeit als Trainee wird von denjenigen erwartet, dass sie weiterhin am regulären Training bzw. an den Seminaren teilnehmen. Die Seminare kosten dann nur noch die Hälfte der ursprünglichen Gebühr. NACH Erlangung des Basic-Instructors sind die Basic-Seminare kostenlos, so dass sich die Jungs und Mädels fortlaufend weiterbilden bzw. ihre Technik verfeinern und das Einschleifen von Fehlern unterbunden wird. Von der Teilnahme an den Seminarwochenenden können Ausnahmen bei entsprechender Vorfahrung gemacht werden, aber in der Regel durchlaufen die Anwärter die einzelnen Module.)
Die Kapap-Instructor-Ausbildung wird von der International Kapap Association angeboten. Diese hat doch einiges an Erfahrung in diesem Gebiet. Sieht man sich die Liste ihrer Mitgliedsschulen an, so wird man feststellen, dass dort etliche erfahrene Personen sind, die diese Ausbildung durchlaufen haben.
Sicherlich werden diese Personen sich nicht einfach blenden lassen, sondern schon eine Ausbildung fordern, die ihren Ansprüchen gerecht wird.
Der Instructor Level A im Kapap ist der erste Schritt! Damit ist man noch lange kein vollkommen ausgebildeter Instructor!!! Man bekommt die Grundprinzipien und Techniken des Kapap vermittelt und muss selber natürlich dafür Sorge tragen, dass man kontinuierlich weitertrainiert.
Dafür wiederrum werden wir Sorge tragen, in dem wir die israelischen Ausbilder regelmäßig nach Deutschland holen, Fortbildungen anbieten u.ä.
Von den Teilnehmern der Instructor-Ausbildung wird auch einiges an Vorkenntnissen erwartet. Da genügt es nicht, seit 3 Monaten regelmäßig im KKB zu lesen

(ja, ich weiß, der war jetzt sehr überspitzt. Macht aber hoffentlich deutlich, was ich meine!)
Bei den Bewerbern wird von uns eine Vorauswahl getroffen, wer überhaupt an der Ausbildung teilnehmen darf. Ich schrieb im entsprechenden Threat bereits, dass lediglich die 10 besten Bewerber zur Ausbildung zugelassen werden. Nicht diejenigen, die zuerst die Gebühr überweisen! (Jetzt könnte man darüber diskutieren, nach welchen Auswahlkriterien wir entscheiden werden. Aber lassen wir es einfach dabei bewenden, dass wir die Leute gegeneinander abwägen werden.)
Am besten wären Bewerber, die aus einem schlagenden und tretenden System kommen. Vielleicht sogar noch mit Hebeln, Würgen, Werfen u.ä. wie z.B. aus den verschiedenen JJ-Derivaten. Oder sogar Krav Maga Instructoren (da sind die Ähnlichkeiten immens, es sind aber auch genug Unterschiede vorhanden)!
Wenn diese Personen auch noch Lehrerfahrung besitzen: TOP
So, das ist der Personenkreis, den ich mir auf dem Ausbildungsseminar vorstelle. Heißt aber noch lange nicht, dass das Teilnehmen an dem Seminar impliziert, dass man als Instructor hervorgeht!!! Denn dann muss erstmal das Seminar absolviert und die entsprechenden Maßgaben erfüllt werden.
Viele hier lesen "einfach" nur: Instructor in xy-Stunden! Fertig! Ja, das ist die
Mindestangabe! Was die Leute dafür leisten müssen, wissen aber die Wenigsten bis gar keine!
(Einige Teilnehmer unserer Krav Maga Instructorausbildung können euch da ein Liedchen singen, dass es mehr als nur schwierig ist. Paracetamol und Co sind innerhalb der strapaziösen Stunden und Tage keine Unbekannten!)
Wenn man also die notwendigen Kriterien zur Zulassung zu solch einem Seminar erfüllt UND die Maßgaben innerhalb der Ausbildung besteht, DANN wird man Level A-Instructor/ Basic-Instructor what ever
Den Basic-Instructor sehe ich als Übungsleiter und keineswegs als Meistergrad. Also bitte keine Vergleiche mit dem Erreichen eines schwarzen Gürtels in einem komplexeren System.
Viele Kravisten betreiben nebenbei noch andere Kampfkunst/ -sportarten, da Krav Maga (und Kapap genauso) einfach nur simple (aber sehr effektive!) Selbstverteidigung ist. Sie fordert einen konditionell und man lernt auch eine Menge, aber irgendwann will man auch mehr.
Die Techniken solcher Systeme sind bewußt einfach gehalten, damit sie
a) schnell erlernt werden können
b) auch unter Streß eingesetzt werden können
Hast Du nicht irgendwo geschrieben, dass man nach 3-4 Jahren spätestens nach etwas anderem sucht, das man parallel machen kann!? (Falls ich mich täusche, bitte nicht böse sein.)
Boah, das zu dieser Uhrzeit

Bei eventuellen Schreibfehlern u.ä. bitte ich darum, dies zu entschuldigen. Ich lese es mir morgen nochmal genau durch
Und das Schlimme an der ganzen Sache ist: Die Mühe ist umsonst

Wahrscheinlich wird, noch bevor ich wieder wach bin, jemand kommen, alles, was ich geschrieben habe, einfach ignorieren, einen einzelnen Satz rauspicken und sich daran festbeißen
Daher hilft auch hier nur: Vorbeikommen, ausprobieren, selber die Erfahrung machen. Bis jetzt hatte ich bei mir noch keinen, der unzufrieden war

(Ich werde aber auch liebevoll "Der Schleifer" genannt
So, ich denke, das war mehr als genug von meiner Seite! Sind ja noch mehrere Hybrid-Anbieter an Board.
Schöne Grüße,
Doc
P.S. Erwähnte ich übrigens, dass ich in Israel fast erschossen worden wäre?

Ich hasse es, in den Lauf einer Waffe zu blicken

Aber dazu auch mehr in meinem Reisebericht.