Meiner Meinung nach ist der Kern des Problems die Angelegenheit, aus welchem Anlass sich jemand wie verhält.
Wenn es bei einer Auseinandersetzung um persönliche Gefühle geht, d.h. wenn sich jemand z.B. in seiner "Ehre", seinem Status, seiner "Funktion" (z.B. als Schiedsrichter, Türsteher, Sozialarbeiter usw.) bedroht sieht, und sich daraus einer körperlich-gewalttätige Auseinandersetzung entwickelt, so ist das logischerweise immer das "Ego", was da kämpft. Der beleidigende oder mit Erniedrigungsabsicht handelnde Angreifer ist logischerweise selbst von seinem Ego gesteuert, und daraus kann sich nur ein Kampf zwischen Ego und Ego entwickeln. Beispiel: Der verwahrloste jugendliche Streetfighter will dem Sozialarbeiter beweisen, dass er sich von niemandem etwas sagen lässt und keine Hilfe braucht, und dazu das Mittel der Gewalttätigkeit hat, um das durch zu setzen, und der Sozialarbeiter kämpft mit seinem Ego dagegen, dass er einen erfolgreichen Job machen kann. Solange es nicht ums Überleben und die körperliche Unversehrtheit geht, ist es das Ego was kämpft, und da kann man meiner Meinung nach keinen noch so unkontrollierten Wutausbruch als Aktion tollster Egolosigkeit bezeichnen.
Sicherlich gibt es einen Bereich, wo es um mögliche schwere seelische Verletzungen geht, und um die Erhaltung der eigenen Würde, so dass das eine Verteidigung (zunächst verbal) trotz fehlender Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit auch bei lediglich verbaler Bedrohung gerechtfertigt ist.
D.h. meiner Meinung nach ist es nicht wirklich "egolos", wenn sich jemand demütig und opferbereit völlig fertig machen lässt, d.h. auf schwere verbale Verletzungen und Erniedrigungen kann man auch mit Abwehrhandlungen reagieren, aber eben auf verbale Angriffe nur mit verbalen Verteidigungen. Wenn dann die Faust eingeschaltet wird, kann das nur das "böse Ego" sein, auch wenn das dem betreffenden vielleicht ganz toll unkontrolliert vorkommt.
Wenn es aber tatsächlich zu einer Notwehrsituation kommt, dann ist es nicht mehr das persönliche Ego, was bedroht wird, sondern tatsächlich die gesamte Person, und erst dann kann man ja überhaupt "egolos" reagieren. D.h. erst dann hat das eigene Ego, und damit meine ich ja auch die eigene Kontrollinstanz, die Chance sich mal kurz zurück zu ziehen, und die Kontrolle an einer übergeordnete intuitive Instanz abzugeben.
Wenn durch einen (verbalen) Angriff lediglich das Ego (d.h. das Selbstbild, die eigene "Eitelkeit", z.B. "ich, der erfolgreiche Sozialarbeiter") bedroht ist, gibt es für die übergeordnete intuitive Instanz ja gar keinen Grund, aktiv zu werden. Deswegen wird es da dann auch nie zu tollen "wirklich egolosen" Aktionen kommen. |