Hmmm, Frank, lies doch nochmal deine eigenen Worte ...
"Manchmal denke ich, ich weiss, was mein gegenüber meint, aber ich würde das nicht mit Chi oder ähnlichem bezeichnen ... Weicher werden? Hmm, was ist das? Das relaxte Ausführen von techniken und Bewegungen? Okay, aber das mache ich beim Training eh, auch ohne Chi ... Kraft konzentrieren? Jau, sowas in der Art, aber es ist keine "besondere, fliessende, innere" Kraft, sondern einfach meine Kraft und Konzentration durch das bewusste Anspannen oder Entspannen bestimmter Muskelgruppen."
Vielleicht IST genau das bereits Ki/Qi - oder zumindest Aspekte davon. Du musst immer den Kontext sehen: In den meisten asiatischen Weltanschauungen herrscht die Idee der Ganzheitlichkeit vor. Bei der TCM beispielsweise wird der Mensch (und nicht ein einzelnes Symptom bzw. eine isolierte Krankheit) behandelt. In den meisten Fällen ist das sogar wirkungsvoll, denn wenn sich das Allgemeinbefinden bessert und man sich auch geistig wohler fühlt (anstatt dieses "ooooh, mir gehts ja sooo schlecht"), zieht das üblicherweise auch eine Stärkung der Selbstheilung nach sich. Glauben ist Kraft. Auch in der westlichen Medizin nachgewiesen.
In der Idee des Qi steckt wahrscheinlich die gleiche Glaubenskraft. Der Ausübende klammert sich an Bilder oder Ideen, die ihm als Katalysator dienen. Sie vereinfachen ihm den Umgang mit dem eigenen Körper. Zum Beispiel kann sich die intermuskuläre Koordination verbessern, da die benötigten Muskelgruppen unbewusst (und damit optimaler, als bewusst) gesteuert werden. Entsprechende Positivbeispiele sehe ich oft in meinem Behindertentraining: Ich kann einem Menschen mit Spasmus hundertmal sagen, er soll aufhören zu zittern - er wird es nicht können. Arbeite ich aber mit Metaphern, Bildern oder einer Vorstellung von Qi, funktioniert es nachweislich.
Nun wurde früher, mangels besseren Wissens, natürlich vieles, was nicht erforschbar war, in die Idee des Qi aufgenommen. Was heute viele hineininterpretieren, ist aber Unsinn. Viele machen es sich zu leicht. Das wäre vergleichbar mit der Idee "Ich will nichts mehr dazu lernen, für mich bleibt die Erde eine Scheibe (denn das ist ja alles, was ich von ihr gesehen habe)".
Es gibt auch heute noch Aspekte, die nicht hundertprozentig nach westlichen Maßstäben erklärbar sind. Beispiel: Die Meridiane, welche nicht mit Nervenbahnen, Blut- oder Nymphkreislauf identisch sind, aber reflektorische Beziehungen und interessante Wirkungen haben (was ich ebenfalls aus eigener Erfahrung bestätigen kann). Das meiste ist aber schon definiert.
Um Qi zu verstehen, darf man nicht anfangen, Aspekte aus dem Zusammenhang heraus zu reissen. Ein Mensch ist auch mehr, als eine Kohlenstoffverbindung mit einem hohen Anteil an H²O und ein paar Spurenelementen, oder?
Gruß
Dirk |