Ich trainiere und unterrichte seit über 30 Jahren Ju Jutsu und habe die verschiedensten Strömungen und Moden mitgemacht. Mal war härteste
SV gefragt (Peter Nehls, Sepp Art), mit kurzen, knackigen Techniken, mal waren komplizierte Flows und Fegetechniken aktuell (Hillebrandt) - das ist und war natürlich auch nach Bundesländern unterschiedlich.
Seit einigen Jahren orientiert sich der DJJV am Wettkampf, da dies die meiste öffentliche Aufmerksamkeit und Außenwerbung bringt. Außerdem reisen die Funktionäre gern zu internationalen Wettkämpfen. Für das internationale Wettkampfsystem hat der DJJV sein eigenes, realistischeres Wettkampfprogramm geopfert. Das ist im Hinblick auf den
SV-Charakter der Sportart schade. Zudem ist dem DJJV die Einbindung des Wettkampfes in das reguläre Trainingsprogramm nicht gelungen (wie beim Judo), so dass für den "normalen"
JJ-Sportler ein gleichzeitig erfolgversprechendes Wettkampf- und Prüfungstechnik-Training selten möglich ist. In vielen Bundesländern ist das Heranführen des Nachwuchses an den Wettkampf außerdem mangels Masse an Anfängerturnieren schwierig. Mal abgesehen davon, dass die technischen Hürden bezüglich Arztattest, Ausrüstung, Gewichtsklasseneinteilung etc. die Motivation mühselig machen.
Die vielbeschworene "Vielseitigkeit" ergibt, dass im deutschen Ju Jutsu alles möglich ist, vor allem seit das Prüfungsprogramm 2000 eingeführt wurde (übrigens tatsächlich in einer Nacht & Nebel Aktion und keineswegs mit langfristiger Beteiligung der Landesverbände). Typisch ist, was mir letztes Wochenende ein 7.Dan auf einem Lehrgang sagte: "Du musst mal sehen, wie Alexander von der Groeben seine Judo-Wurfeingänge macht, einfach fantastisch ..."
Eine solche Aussage (so berechtigt sie ist) zeigt, dass hohe Ju Jutsuka stets andere, speziellere Budo-Sportarten bewundern (welche, das zeigt sich u.a. auf dem jährlichen Bundesseminar). Diese Einstellung findet sich bei allen hochgraduierten
JJ-Lehrern - stets haben sie ihre eigenen "Meister" außerhalb des
JJ-Systems. Das bedeutet aber auch - Ju Jutsu selber ist überhaupt keine eigenständige Sportart. Sie will alles sein und ist am Ende nichts. Sie hat kein eigenes Gesicht und das zeigt sich leider auch im zu komplex aufgebauten Prüfungsprogramm.
Und auch im Trainerwesen hat Ju Jutsu im DJJV eine fatale Entwicklung genommen. Es wurde und wird immer bürokratischer, d.h. die Anforderungen an den Nachwuchs werden vor allem zeitlich immer höher geschraubt. Was man alles an Lehrgänge absolvieren muss, um zu einer Lizenz zu kommen, ist beachtlich - auch um diese Lizenz dann zu behalten. Das ist fatal für einen so komplexen Kampfsport, der auch Breitensport sein will. Es dauert viele Jahre, bis ein Verein qualifizierten Nachwuchs ausgebildet hat - und meist bleiben die Jugendlichen nicht so lange dabei. Eine langer Ausbildungsweg bedeutet leider auch nicht, dass dort besonders gute Trainer herauskommen - dafür sind andere Faktoren ausschlaggebend.
Ich mache weiter Ju Jutsu, hege aber keine Illusionen, was die Einflüsse eines Verbandes angeht. Jeder Funktionär, der neu in ein Amt kommt, will etwas Neues machen, will seinen eigenen Stil einbringen. Da Ju Jutsu keinerlei Traditionspflege besitzt und die "alten Meister" eher abschätzig betrachtet, werden so alle paar Jahre neue Moden und Strömungen für allgemeingültig erklärt. Das mag mancher für eine positive Entwicklung halten, für die Einheit und Integrität einer Kampfsportart kann das jedoch nur schädlich sein. Wenn niemand mehr erklären kann, was Ju Jutsu eigentlich ist ("Äh, das ist so eine Mischung aus ....Wir nehmen uns da das Beste raus!"), dann hat eine Sportart im wahrsten Sinne des Wortes ihr "Gesicht" verloren.