Einer meiner ehemaligen Ausbilder sprach einmal darüber, dass er das Taijiquan erforscht. Heute denke ich ebenfalls, dass diese Erforschung notwendig ist, um zu eigenen Erkenntnissen zu kommen. Im Taijiquan ist diese Forschung vorrangig immer praktischer Art. Auch die Meister, von denen ich heute lernen darf, forschen immer weiter, um ihr Taijiquan zu verfeinern. Es ist hier sehr vorteilhaft, wenn ich einen Lehrer finde, der mich soweit bringen kann, dass meine eigene Forschung nach einigen Jahren Lehrzeit auf einem höheren Niveau ansetzen kann. Beim Taijiquan geht es in den seltensten Fällen darum, das Rad neu zu erfinden, sondern vielmehr darum, das Rad, den Ball und die Spirale zu studieren.
Als ich vor einigen Jahren das Konzept "der goldene Yang-Stil" entwickelte, war mein Hauptziel, den mir bekannten Yang-Stil nach Yang Chengfu durch die für mich neuen Erkenntnisse aus dem alten Chen-Stil des kleinen Rahmens zu reformieren, zu verfeinern, zu verbessern. In diese Arbeit hab' ich viel Zeit, Kraft und stundenlange Diskussionen mit befreundeten Praktikern investiert. Und aus meiner Sicht kann sich das Ergebnis bis heute durchaus sehen lassen (Siehe kurzes
Video von 2006!). Heute würde ich diese Form aufgrund neuerer Erkenntnisse mit Sicherheit wieder etwas anders ausführen. Interessant finde ich, dass ich mit dem Erforschen der Yang-Form darin immer mehr die alte Chen-Form als Ursprung sehen konnte und mir dann sogar klar wurde, was wie im Laufe der Zeit verändert wurde. Manche Quellen behauten ja, dass Yang Luchan, keine Erlaubnis hatte, das Chen Taijiquan zu lehren, so dass er unter anderem eine neue Choreographie entwickelte.
Heute glaube ich, dass viel Mut dazu gehört, sich in ein traditionelles System einzufügen und sich über viele Jahre von dem Lehrer meiner Wahl formen zu lassen. Gleichzeitig respektiere ich, dass es immer wieder Praktiker geben muss, die ganz eigene Wege gehen, die neues probieren und entwickeln. Wofür ich allerdings wenig Verständnis habe, das sind Leute, die kaum die Basis des Taijiquan erfaßt haben und dann ernsthaft glauben, gänzlich auf eigene Faust große Erfolge erringen zu können. Diese schaden der Kunst mehr als sie nützen. Hier darf ich daran erinnern, dass eine realistische Lehrzeit bei einem traditionellen Lehrer bis heute mindestens zwischen 10 und 15 Jahren dauert, um ansatzweise in ein höheres Niveau des Taijiquan vorzudringen. Die meisten Schüler finden einen solchen Lehrer leider nicht oder hören spätestens auf halbem Weg mit dem Studium des Taijiquan auf. Einige Vergleichsfragen zum traditionellen Lehrer-Schüler-Verhältnis: Wie lange dauert eine gute Ehe? Wieviel Mut gehört dazu eine solche einzugehen? Was gebe ich dafür auf, und was kann ich gewinnen? Die antworten erklären im übertragenen Sinn, warum bei traditionellen Lehrern die Schüler langezeit geprüft werden, bevor der Lehrer den Schüler wirklich annimmt. Beide Seiten - Lehrer und Schüler - gehen ein Risiko ein. Doch: Wie wundervoll können die Ergebnisse sein, wenn es gelingt!