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Alt 06-05-2008, 12:31
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Ein bisschen Lesestoff:

ARTE | Archiméde

Mehr zum Thema: "Der Patriot isst Roggenbrot" findet sich bei "Ernährung im Schlaglicht - Themen und Herausforderungen musealer Darstellung" von Uwe Spiekermann, Bielefeld, 2002

Zitat:
... Das in Nordhausen unkommentiert gebliebene Titelblatt hätte Anlass für eine spannende Geschichte sein können, nämlich die vom Umgang mit Roggen-, dann immer stärker Vollkornbrot in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Brotsorten gelten heutzutage als Ausdruck einer gesunden, naturverbundenen Ernährungsweise. Doch das vermeintlich ahistorische Produkt hat eine klare Geschichte: Brot ist Politik.

Vollkornbrot ist ein vergleichsweise neues Produkt der Jahrhundertwende, erst zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich der Begriff als Teil eines umfangreichen Wortfeldes um das Adjektiv „voll“. Vollwertige Nahrung wurde zu dieser Zeit zum Problem, verbreiteten sich gewerblich und industriell verarbeitete Lebensmittel doch zunehmend, überschritt deren Anteil an den Gesamtangebot zu diesem Zeitpunkt die 50 %-Marge (Abb. 3).
Zitat:
Die Vorreiter des Vollkornbrotes waren die so genannten Brotreformer, die im Deutschen Reich seit den 1890er Jahren immer neue, komplizierte Fertigungsverfahren ersonnen, um ein natürliches und gesundes Brot herzustellen, welches Kleie noch enthielt. Graham-, Felke-, Steinmetz- und Simonsbrot wurden in den 1890er Jahren marktgängig, es folgten bis zum Ersten Weltkrieg Schlüter-, Finkler- und Klopferbrot. Der Reigen immer neuer urtümlicher Produkte wurde 1927 durch das Knäckebrot wesentlich ergänzt. Die Brotreformer wandten sich
gegen einen Kommerzialisierungsprozess, dessen Grundlage eine immer effizienter arbeitende Müllereiindustrie war. Das Getreide konnte so preiswert von der Kleie befreit und zu Feinmehl verarbeitet werden. Da die Kleie überdurchschnittlich viel Eiweiß, Fett und Mineralstoffe enthielt, schien dies eine Sünde wider die Natur zu sein. Vor dem Hintergrund des damaligen sozialdarwinistischen Diskurses galt die Brotfrage als elementare Lebensfrage der
Volkskraft der Deutschen oder – wie es vielfach auch hieß – der weißen Rasse. Die Industrie beraubte – so schien es – die Menschen ihrer angestammten Kost.

Etablierte Wissenschaft und die breite Mehrzahl der Käufer folgten dieser Logik nicht. Der Erste Weltkrieg ließ die Brotreformer daher frohlocken, schien die höhere Ausmahlung des Brotes doch eine Art Jungbrunnen für die deutsche Nation. Doch die Ergebnisse des Großexperimentes waren ernüchternd. Die dunklen Brote waren vielfach von schlechter Qualität, führten zu Darmbeschwerden, wurden nicht gerne gegessen. Der schon vor dem Ersten Weltkrieg
vielfach beklagte Drang zum weißen Brot, zum Weizenbrot und -brötchen, konnte nicht gestoppt werden. Die Kriegserfahrungen veränderten die Brotfrage deutlich: In den 1920er Jahren wurde kaum mehr um Brotreform und Vollkornbrot gerungen, sondern um die Qualität und die Zukunft des deutschen Roggenbrotes.

Deutsches Roggenbrot, damit verband sich zu dieser Zeit eine wirtschaftliche Frage ersten Ranges, aber auch die Frage deutscher Identität. Vor allem die konservativen Parteien und das Zentrum forderten eine energische Politik für das Roggenbrot, empfahlen umfassende Werbekampagnen unter Mottos wie „Deutsche, eßt deutsches Brot“ oder „Der Patriot ist Roggenbrot“.

Im Deutschen Reichstag wurden Einfuhrbeschränkungen des billigen und qualitativ besseren amerikanischen Weizens diskutiert, Verkaufbeschränkungen für Weizenprodukte und auch „weizenfreie“ Tage für die städtische Bevölkerung gefordert. Die Roggenfraktion betonte, dass Deutschland ein Roggenland, Weizen in hoher Qualität im Inland nicht genügend anzubauen sei. Weizen sei ein entbehrlicher Luxus, dessen Konsum die deutsche Landwirtschaft gefährde und teuerer und weniger schmackhaft als Roggen sei. Der Ruf nach Staatshilfe und Ernährungslenkung zielte auf eine möglichst auf deutschen Lebensmitteln gründende Ernährungsweise, für die auch der Junge auf dem Titelblatt der Roggenfibel lachte.
Zitat:
Dies war Resultat systematischer Verbrauchslenkung hin auf das dunkle, das deutsche Brot.
Und dieses Brot war nicht länger nur Roggen-, es war vielmehr Vollkornbrot. Die Gründe für
die nun einsetzende nationalsozialistische Vollkornbrotpolitik waren vielschichtig: Abseits
der Importabhängigkeit des Weizenverzehrs waren es vor allem Fragen der „Gesundheitsführung“,
die die Parteinahme für dieses Nahrungsmittel bedingten. Der Brotmarkt galt als Ausdruck
der qualitäts- und gesundheitsgefährdenden Folgen von Technik und Kommerz. Weißes,
weiches Brot verführe zum Schlingen, verweichliche den Körper, der doch hartes, kerniges
benötige. Diese Dekadenzvorstellungen wurden gestützt durch die zunehmend beachtete
Karies. Zahnverfall und Brotfrage wurden intensiv diskutiert, die 1933 gegründete Forschungsgemeinschaft
für Roggenbrotforschung untersuchte Ratten und Waisenkinder. Dunkles
Brot stand für eine natürliche Umwelt, für eines gesundes Volk, für geringe Kosten im
Gesundheitswesen.
Zitat:
Der 1939 gegründete, bis zu 100 Beschäftigte zählende Reichsvollkornbrotausschuss initiierte
umfassenden Werbekampagnen. Plakate, Hörfunksendungen, Werbefilme, Dias im Vorprogramm
der Wochenschauen, eine jährliche Werbewoche während des Erntedankfestes – die
Deutschen wurde systematisch an Vollkornbrot herangeführt. Es war Gegenstand des Schulunterrichtes,
der politischen Schulung der Hitlerjugend und wurde Heranwachsenden nicht
zuletzt über Werbefibeln nahe gebracht (Abb. 5). Und auf dem Verordnungswege regelte der
NS-Staat die Verbreitung von Vollkornbrot in Gaststätten und der zunehmend wichtigeren
Gemeinschaftsverpflegung.
Zitat:
1943 buk ein knappes Viertel der deutschen Bäcker zertifiziertes Vollkornbrot, der Marktanteil
hatte sich gegenüber der Vorkriegszeit verdoppelt, die Zielprojektion lag bei 25, vereinzelt
auch bei 50 %. Doch entscheidender war der parallele Bedeutungswandel. Vollkornbrot
wurde immer stärker mit rassistischen Kategorien aufgeladen, galt als Brot der überlegenen
germanischen Rasse, wurde Zwangsarbeitern oder beherrschten Völkern gezielt vorenthalten.
Vollkornbrot schied den rassisch erwünschten Kern des deutschen Volkes von den vermeintlich
„Gemeinschaftsfremden“. Das wurde auch innerhalb der deutschen Wohnbevölkerung
deutlich, so wenn Kranken gezielt Vollkornbrot verabreicht wurde, galt doch, dass sich der
gesunde Organismus an diese harte Speise anpassen müsse (Abb. 6).
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« Le mensonge et la crédulité s'accouplent et engendrent l'opinion. »
(Paul Valéry)

Geändert von Trinculo (06-05-2008 um 12:47 Uhr).