@bluemonkey
Keine Frage, man kann auch Einzelübungen in hohem Detail lehren und üben. Tatsächlich ist das auch in Chen Zhaokuis Taijiquan ein großer Aspekt - allerdings wird dort zumeist erst die Form unterrichtet, dann werden einzelne Bewegungen herausgenommen, korrigiert und geübt. Das nennt sich dann danshi, und stellt zusammen mit Form und Tuishou einen der großen Blöcke der Übungsmethodik dar.
Probleme habe ich eigentlich nur mit zwei PUnkten. Zum einen damit, dass zwar die Solo-übungen systematisiert und standardisiert werden, die Partnerübung aber weit hinterher hinkt. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die meisten Übenden eben doch "nur" nach einer etwas abwechslungsreicheren Variante des Qigong suchen. Im Vergleich dazu haben Übungssystem wie Yiquan und Iliqchuan beispielsweise sehr systematische Partnerübungen, die der gleichen Idee Folgen wie Zhanzhuang und Chansigong: auch wenn der Lehrer nicht da ist, haben die Schüler etwas zu üben, das überschaubar bleibt aber wirkungsvoll ist.
Zum anderen stört mich die Vergöttlichung von Übungen wie Ein-Hand-Chansigong. Alle diese Einzelübungen sind letztendlich nur Mittel zum Zweck. Was man will, sind Fähigkeiten, die über Übungen zugänglich werden. Um das bekannte Zitat von Zhuang-zi zu nehmen: Wenn man Fische gefangen hat, wirft man das Fischernetz weg. Häufig habe ich das Gefühl, dass die Leute nicht mehr so wirklich an den Fischen interessiert sind, sondern nur noch am Netz. Mich stört auch nicht, dass viele Lehrer ihr Augenmerk auf Einzelübungen richten - wenn das System Resultate bringt, ist es super. Vielmehr wird es nicht selten als der einzig wahre Weg dargestellt, mit der Argumentation, dass z.B. der Weg über den Formunterricht "viiiiiiiiiiieeeeeeeel zu schwer" wäre, als dass man dadurch Taijiquan lernen könnte. Genau das stelle ich in Frage; wie auch in anderen Betätigungen lernt man meiner Erfahrung nach mehr, wenn man sich auch mehr fordert. Die Gefahr ist also nicht, dass man auf einem schwierigeren Weg langsamer lernt, sondern dass man sich überfordert und die Motivation verliert. Daher mein Kommentar im vorigen Beitrag bezüglich überforderter Schüler.
PS
Formunterricht bedeutet für mich nicht zwangsläufig "neue Bewegungen", sondern Korrektur der Form. Das eigentliche Taijiquan-Training beginnt IMO erst, nachdem man die Form gelernt UND auf ein bestimmtes Niveau gebracht hat. Die Frage, wie schnell man Formbewegungen lernt, ist für mich völlig irrelevant. Das Niveau der Korrektur und die Intensität des Trainings sind entscheidend. Dass es für viele Schüler tatsächlich eine große Frage ist, wie schnell und wieviele Formbewegungen man lernt, bedeutet eigentlich nur, dass es für viele Schüler schon schwierig ist, überhaupt den Fuß in die Tür zu kriegen. Auch hier wieder der Verweis auf meinen Kommentar zu den überforderten Schülern. |