Hallo Ban Yan,
im Moment denke ich Tag und Nacht darüber nach, wie die lange Yang-Form aus der alten Chen-Form entstanden sein könnte. Viele Techniken werden mir dabei immer klarer. Ich könnte heute aus der langen Yang-Form heraus direkt in Passagen der Chen-Form weiterlaufen. Meine persönliche Meinung ist, dass Yang Luchan das Taijiquan der Chen-Familie auf einem sehr hohen Niveau praktiziert haben muss, denn viele Techniken in der langen Yang-Form sind fortgeschrittene Bewegungsmuster, die heute allerdings nur noch selten decodiert werden können, weil entscheidende Grundlagen wie beispielsweise das Seidenfaden-Training fehlen. Wenige Bewegungen in der Yang-Form, wie ich sie kennengelernt habe, sind nicht funktional. Deshalb habe ich diese verändert.
Die einfachen Prinzipien wie Himmel-Erde-Mensch, die Basis des Ball-Prinzips, das Prinzip unten voll oben leer (rein für Anfänger gedacht) sind bis heute geblieben. Das Verständnis beispielsweise von Arm- und Beinspiralen hat sich völlig verändert. Zusätzlich hab' ich durch den Chen-Stil Prinzipien kennen gelernt, von denen ich vorher nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.
In der Entwicklung des Taijiquan in Deutschland sollte man immer bedenken, dass es viele Jahre fast nur Yang-Stil gab. Und dem Yang-Stil verdanke ich bis heute meine Faszination für Taijquan. Ich habe Yang-Stil damals in den genannte Organisationen gelernt mit dem Gefühl, das beste zu lernen, was es überhaupt gibt. Und dieses Gefühl hatten damals, glaube ich, viele. Mit der Verbreitung des Chen-Stils durch die beiden deutschen Hauptvertreter hat sich die gesamte Taiji-Landschaft in Deutschland verschoben. Das ist jedenfalls meine Wahrnehmung.
Leider hat mir mein 16jähriges Yang-Stil-Training beim Einstieg in den Chen-Stil wenig genützt, so dass ich wirklich wieder ganz von vorne anfangen mußte. Heute bin ich froh über diese Entscheidung. Da ich den Yang-Stil nach wie vor hoch schätze und ihn ja über viele Jahre praktiziert und geliebt habe, bin ich dann dran gegangen und hab' die Form mit meinen aus dem Chen-Stil gewonnen Erkenntnissen verändert. Heute bewege ich mich in der Yang-Form natürlich ganz anders wie früher.
Hier in unserer Schule war es schwierig für viele Schüler vom Yang-Stil zum Chen-Stil zu wechseln. Sie hatten, das Gefühl, dass vieles was jahrelang Gültigkeit hatte plötzlich nichts mehr wert war. Das war schwierig. Einige sind ausgestiegen. Noch schwieriger war es für die Leute, die wir im Yang-Stil ausgebildet hatten. Manche haben meiner Entscheidung vertraut und sind erfreulicherweise den Weg mit uns weitergegangen und praktizieren heute Chen-Stil und den von uns modifizierten Yang-Stil.
Es ist gut auf der Suche zu bleiben und nicht aus Bequemlichkeit an Altem festzuhalten. Und ab einem gewißen Niveau kann man dann erkennen, ob Bewegungsabläufe eine Tiefe haben oder nicht. Das Wichtigste ist für mich, dass unser Taijiquan sich immer weiter verfeinert - innerhalb eines Stils oder durch einen Wechsel wie bei mir.
Wenn man in Fachkreisen erst mal einen Namen hat, wird es immer schwieriger, sich einem neuen Lehrer und/oder einem anderen Stil anzuschließen. Ich habe diesen Schritt getan, und es hat sich gelohnt. Einen Stil-Wechsel innerhalb des Taijiquan finde ich immer noch besser als das Taijiquan mit ganz anderen Disziplinen zu mischen oder gar ganz fallen zu lassen.
Gruß
Mathieu
P.S.: Ich könnte hier noch viele - auch technische Details nennen, möchte das in aller Öffentlichkeit jedoch nicht weiter ausführen, da es sich offensichtlich um ein sehr sensibles Thema handelt. |