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Alt 24-11-2003, 08:42
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bechtie bechtie ist offline
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Kampfkunst: Krav Maga, Ju-Jutsu
 
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Hallo Dr_Ralf,

erst einmal herzlichen Dank für die ausführliche und informative Antwort. So stelle ich mir einen Beitrag für eine konstruktive Diskussion vor...

Von Yaron Lichtenstein hab ich nix gehört, aber das muss ja auch nicht sein. Dass KM genauso dem Stilrichtungs-Gewusel unterliegt wie klassische KK kann ich mir vorstellen. Und außerdem: Natürlich ist der Begriff Krav Maga letztlich nicht geschützt - jeder, der die israelischen Sicherheitsstreitkräfte verlassen hat, kann eine Krav Maga-Schule aufmachen und sich selbst als Ausbilder präsentieren. Es gibt ja auch eine Menge KM, das in Bodyguard- und Personenschutz-Schulen gelehrt. Über dessen Inhalt und Qualität weiß man auch nichts. Kann anders sein, kann gut sein, kann schlecht sein.

Zum einzelnen (und das vor dem Hintergrund, dass ich meinen IKMF-instructor's course im Laufe des ersten Halbjahres 2003 durchlaufen und im Juni abgeschlossen habe - man darf also davon ausgehen, dass das während dieser Zeit Gelehrte up-to-date in Sachen IKMF-KM ist)

Was die Frontalkicks zum Kopf betrifft, so haben wir in der Tat den Tritt unters Kinn (!) im Falle eines vornübergebeugt angreifenden Messerträgers (der die Waffe noch in der Ausholbewegung hat!) von Eyal Yanilov gelehrt bekommen. Und eher als eine Option denn als Regelanwendung. Wieso du von anderen IKMF-Leuten das anders erlebt hast, vermag ich nicht zu deuten - allenfalls in der Richtung, dass zumindest meine skandinavischen IKMF-Kollegen häufig einen Thai- oder Kickboxhintergrund haben, der manchmal "durchschlägt". Buch und Videos sind natürlich nicht completely out-of-fashion, dennoch ist ihre Produktion eine Weile her, und ich hab auch in den Videos die eine oder andere Technik gesehen, die wir überhaupt nicht gemacht haben. Ob die dem gedrängten Lehrplan des Instructor's Course oder einer bewussten Entscheidung zum Opfer gefallen ist, vermag ich nicht zu sagen.
Generell gesagt hat Eyal auch "aufrechtstehende Personen aus dem Rückwärtsgehen heraus mit dem vorderen Bein" nicht bewusst gelehrt; ich kann mir das nur als eine Notfalloption, wenn alles schiefgeht, erklären.

Stichwort "Gegenzugbewegung beim Kniestoß zum Körper bei der Messerabwehr - Angriff von schräg oben": Tatsächlich ist auf die Gefahr der Gegenzugbewegung und des sich-wieder-Annäherns deutlich hingewiesen und uns daher eingetrichtert worden, den das Messer fixierenden Arm unbedingt gestreckt mit Druck zum Angreifer zu halten - um zu gewährleisten, das eben die Hand mit dem Messer beim Kniestoß/Tritt in die Genitalien sich nicht wieder dem eigenen Körper nähert. Übrigens wurde auch deswegen der Tritt in die Genitalien bevorzugt - weil bei nicht nur die Effektivität höher, sondern auch der Drang zum Gegenzug geringer ist.
Was die Darstellung im Video betrifft - s.o.

Stichwort "Deckung zum Kopf": Das kann ich mir nun gar nicht erklären, denn ich weiß nicht, was wir ausführlicher gebimst haben als 360er Outside defenses und Inside defenses /palm/forearm) mit relativ weitem Abstand zum Körper gerade wegen der Gefahr, dass ein Messer in der Schlaghand des Angreifers sein könnte. Und dass man das in der Hektik und bei dem Stress gar nicht erkennen kann, ob er hat oder nicht hat. Und dass man deswegen unbedngt auf die Wettkampfdeckung aus den boxenden und kickenden Sportarten verzichten muss.

Stichwort "Punktschlag": Auch da kann ich nur sagen, dass wir immer alle Attacken mit "Eindringtiefe", wie ich es nennen würde, praktiziert haben. Mit einer ganz ähnlichen Begründung wie du sie von Maor nennst.

Stichwort: "Simultanaktion Konter Schlagen " - ich kann Maors Kritik verstehen, bin aber dennoch der Ansicht, dass der Grundsatz der Gleichzeitigkeit von Abwehr und Gegenattacke eines der herausragenden Elemente im KM ist. Und übrigens ist es ja keine absolute Doktrin (das kann man auch im Buch lesen), sondern man soll es versuchen, wenn Ziel/Zeit/Distanz (wie mein früherer, ganz klassischer Kobudo-Lehrer zu sagen pflegte ;-) geeignet sind. Wenn nicht, vor allem, wenn man völlig überrascht wird, beläßt man es mit der Blockbewegung und setzt nach...

Eyal betrachtet KM ja auch als sich weiter entwickelndes System - von daher habe ich von ihm nie was von "nicht zu verletztenden Prinzipien" gehört. Aber wenn die Gelehrten streiten ...;-)
Und was Krav Maga Fitness (was ich auch nicht so schlimm finde, wenn's ne Ergänzung oder Hinführung zum KM ist) anbelangt - und überhaupt der ganze Bereich "Kommerzialisierung", so muss man doch sagen, dass das vor allem auf die US-KM-Leute zutrifft. Und die pflegen eine ziemliche Autonomie gegenüber ihren israelischen Brüdern und Schwestern.
Wenn man näher mitbekommt, in welch peinlichen Zustand die israelisch-englischsprachige und die deutsche Dach-IKMF-Website (und die ganze Organisationsstruktur) befinden, dann ist die IKMF doch weit von Organisationen wie EWTO o.ä. entfernt. Wenn Eyal wirklich die Geldmachmaschine anwerfen wollte, dann verschenkt er derzeit bei PR & Promo & Marketing jede Menge "Potenzial".

Stichwort "Pistolenproblematik": Da finde ich, dass deine bzw. Maors Darstellung außer acht läßt, dass im IKMF-KM die Schwäche der nur einen Hand an der Waffe dadurch versucht wird zu kompensieren, dass man sich bei gestreckt-fixiertem eigenen Arm mit seinem Gewicht schräg nach vorne quasi auf die Waffenhand "lehnt" und so die Bewegungsfreiheit für die notwendigen Sekundenbruchteile einschränkt (währenddessen laufen ja die Counterattacks). Mein Haupt-Trainingspartner ist ein ehemaliger SEK-Polizist mit erheblicher Erfahrung in körperlichen Auseinandersetzungen etc. - und beim Training mit ihm funktioniert das nicht schlecht (und ich bin ein eher kleiner Hampel mit 64 kg).

Was deine Einstellung anbelangt, das für den Einzelnen passende zu lehren, stimme ich dir voll zu. Zumal ich mit meinen mehr-als-20-Jahren-Ju-Jutsu noch einen anderen Hintergrund habe. Ich finde allerdings eine gewisse konzeptionelle Geschlossenheit, wie das KM sie aufweist, auch attraktiv. Und tatsächlich betont Eyal, das KM ein System im eigentlichen Sinne des Wortes ist, das auf Prinzipien beruht, die in sich stimmen und aufeinander Bezug nehmen. Was er damit meint, kann ich gut verstehen - und es bedeutet meiner Ansicht nach nicht, das bestimmte Techniken oder Anwendungen für alle Zeiten unveränderlich sind.

Letzter Punkt: Hat Eyal das alles schon immer so gelehrt? Hat er sich durch Maors (und evtl andere) Kritiken eines Besseren belehren lassen? Das wissen wohl nur die beiden. Im Grunde hat Eyal immer gesagt, das Imi KM als offenes System verstanden habe, das sich permanent Veränderungen und Anpassungen unterziehe - und die Wirksamkeit seiner Techniken und Taktiken ja im Gegensatz zu anderen KK/KS sofort im echten Einsatz deutlich werde.

So weit, so viel erst mal...
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