Einzelnen Beitrag anzeigen
  #2  
Alt 06-02-2005, 08:07
chuckybabe chuckybabe ist offline
KKB-Userstatus: Senior
Kampfkunst: Bäääääm!
 
Registrierungsdatum: 08.03.2003
Ort: Ruhrpott
Alter: 42
Beiträge: 1.011
Standard 2. Interview mit Meister Li Changzhong

Hier nun das Interview (gleicher Fragenkatalog) mit dem mehrfachem Goldmedaillengewinner der Pushinghands Wettbewerbe von China Meister Li Changzheng. Er unterrichtet als Meister das Tai Chi Wushin Gung, das von seinem Meister Lü Fangjun begründet wurde und er ist darüber hinaus Danträger im Taekwondo, das er ebenfalls unterrichtet.

Ich hatte das Vergnügen praktisch mit Meister Li zu arbeiten und er zeigte verschiedene Anwendungen von Tai Chi Techniken im realen Konflikt. Extrem explosiv und beeindruckend kann ich nur sagen. Mir ist bei dieser Reise auch zum erstenmal klar geworden, welch kompromisslose Einstellung die chinesischen Meister zum Straßenkampf haben. Damit erklärt sich für mich vieles.

Nun viel Spaß beim Lesen.

Interview mit Meister Li Changzhong

Den Smalltalk im Vorfeld zum Interview klemme ich mir wiederum.

1. Frage: >Meister Li, bei uns in Europa und gerade auch in Deutschland wird immer häufiger diskutiert ob modernes Wushu und traditionelles Kung Fu noch zueinander gehören, ja, ob man dies überhaupt noch in einem Atemzug nennen kann. Wie ist ihre Sicht?<
Meister Li: >Modernes Wushu und traditionelles Kung Fu unterscheiden sich erheblich. Modernes Wushu ist von Normen und künstlerischem Körperausdruck abhängig. Traditionelles Kung Fu oder Wushu dient in höchster Linie der Gesunderhaltung, die Perfektion der Kampfanwendung ist nur ein Teilaspekt. Wushu ist Kraft, Speed, Fexibilität, Form, Ganzheitlichkeit.<

2. Frage: >In Europa trainieren viele Kung Fu Übende nur noch Formen und keine praktische Anwendung mehr. Wie betrachten Sie diese Entwicklung um Form und Anwendung?<
Meister Li: >Die Anwendungen zu beherrschen gehört zur Grundschule eines jeden Kung Fu Übenden. Aber ganz wichtig ist der geistige Weg, die Harmonie von Herz und Auge.<

3. Frage: >Bodenkampf ist seit einigen Jahren ein riesiges Thema im Westen, sowohl im Rahmen diverser Freefight-Formate wie auch in der Selbstverteidigung. Welchen Stellenwert ordnen Sie dem Bodenkampf für die Selbstverteidigung zu?<
Meister Li: >Bodenkampf gehört dazu und wird z.B. im Rahmen der ChinNa Techniken trainiert. Aber für die Selbstverteidigung ist der Bodenkampf nicht sinnvoll, es ist dumm im Straßenkampf freiwillig in den Bodenkampf zu gehen. Wie kommt es, dass bei Euch ernsthaft der Bodenkampf für die SV diskutiert wird? Viele Meister im Ausland, auch die chinesischen Meister sind nicht kompetent. Totaler Kampf auf der Straße ist Ihnen unbekannt. Und auch gerade viele chinesische Meister im Ausland, sie verlassen China, kennen auch ein paar Formen und Anwendungen, sind aber doch noch garnicht fertig in ihrer Ausbildung, trauen sich aber im Westen zu unterrichten und verbreiten schlechtes Kung Fu. Dies ist abzulehnen.<

4. Frage: >Ist Tai Chi als SV-System tauglich oder dient es rein Gesundheitszwecken und geistiger Harmonie?<
Meister Li: >Tai Chi dient der Gesunderhaltung, heute noch mehr als früher, was sehr gut ist. Ganzes Tai Chi hat aber drei Elemente: Gesundheit, schöne Form und KAMPF!<

5. Frage: >Sanda ist der moderne chinesische Vollkontaktkampfsport. Wie bettet er sich in das Spektrum des Kung Fu ein? Gibt es im übrigen noch regellose Vergleichskämpfe unter den Schulen<
Meister Li: >Sanda ist ein Teil des Wushu. Kampf gehörte immer zum Wushu, es dient der Ausprägung der Techniken unter Druck. Neben dem Sanda gibt es noch regellose Kämpfe ohne Zeitbegrenzung, die in Abstufungen je nach dem Niveau der Kämpfer sehr hart sein können.<

6. Frage: >ChinNa erscheint manchmal ein Sammelsurium von Techniken zu sein, das in jedem Kung Fu Stil gleichermaßen vorhanden zu sein scheint. Wie unterscheidet sich dies von Stil zu Stil?<
Meister Li: >In bestimmten Bereichen gibt in verschiedenen Stilen sehr große Unterschiede. Mehr Sinnvolles gibt es dazu nicht zu sagen.<

7. Frage: >Wie sehen Sie die Entwicklung des Kung Fu im Westens? Was können Sie uns zum Wing Chun sagen, das ja im Westen sehr stark vertreten ist und sich rühmt der effektivste Kampfstil zu sein?<
Meister Li: >Ich kann das Niveau des westlichen Kung Fu nur durch die Leute beurteilen, die hier zu uns nach China kommen und deren Niveau ist teilweise ganz ordentlich. Was Wing Chun betrifft, so stellt sich die Frage nach dem besten Kampfstil im Wushu nicht. Wing Chun stellt einen Versuch dar die Kampfkunst effektiver zu machen, für den Kampf zu optimieren. Aber wie immer wenn man sich einseitig fokussiert, erzeugt man auch Schwächen und Fehler.<

8. Frage: >Im Westen gibt es immer mehr Bemühungen ein sogenanntes Crosstraining durchzuführen, also interdisziplinär zu trainieren. Was halten Sie von dieser Entwicklung?<
Meister Li: >Crosstraining ist sehr gut, aber nur für sehr erfahrene Praktizierende. Jeder Stil hat seine eigenen Vorzüge, die dem Erfahrenen neue Einblicke gewähren, die er in seine Kampfkunst einfließen lassen kann. Für Anfänger dagegen ist Crosstraining Gift, sie sollten erstmal einen Stil richtig erlernen.<

9. Frage: >Wie sehen Sie die Legitimation westlicher Neustilbegründungen?<
Meister Li: >Ein echter neuer Stil ist eine sehr gute Sache, um die alten ausgetretenen Pfade und Figuren der alten Meister auf zu frischen und fort zu entwickeln. Wenn neue Ideen, Konzepte und Techniken ineinander fließen, dann sind Stilbegründungen immer sinnvoll, natürlich auch im Westen. Mein eigener Meister Lü Fangjun hat das Tai Chi Wushin Gung begründet. Wushin steht dabei für die fünf Elemente Kraft, Geschwindigkeit, richtige Haltung, schnelle SChritte, Technik für Verteidigung und Angriff.<

(Hier war das Interview eigentlich zu Ende, aber Meister Li wollte noch ein paar Dinge erklären.)

Meister Li: >Du hast mir ja einiges zur westlichen Trainingslehre erklärt und hast mir einen Einblick in die geistigen Grundlagen Deines Shandao gewährt, was für mich sehr beeindruckend war. So sollte eigentlich immer unterrichtet werden. Kung Fu lernen ist wie ein 100 Meter Lauf, man hat das Ziel direkt vor Augen und trotzdem muss man Schritt für Schritt machen, egal wie schnell ich laufe. Ich will dir nun die fünf Schritte erklären, in denen Kung Fu erlernt wird:

1. Schritt: Neben dem Üben der Figuren ist das Zhan Zhuang von überragender Bedeutung. D.h., dass gewisse Stellungen mindestens für eine Stunde, besser zwei oder drei Stunden, eingenommen werden. Es ist wie bei einem Baum, der Wurzeln schlägt und dabei Stabilität gewinnt.
2. Schritt: Lerne mit der Stellung gehen und dich zu bewegen.
3. Schritt: Die Beherrschung der Änderung von Rhytmus und Geschwindigkeit sind die Inhalte dieses Schrittes.
4. Schritt: Das Erlernen von Pushing Hands in allen Variationen.
5. Schritt: Im letzten Schritt wird das Erlernte mit Schlag- und Tritttechniken verbunden.

- Interview Ende -

Auch von Meister Li Changzhong bestelle ich an dieser Stelle Grüße an die deutsch Kampfkunstgemeinde. Ich beabsichtige im übrigen diesen hervorragenden Meister nach Deutschland zu holen, wo sich dann jeder von seiner hervorragenden Kunst und der Kunst des Tai Chi überzeugen kann.

Beste Grüße
Chuckybabe
Mit Zitat antworten