Zweite Reise nach Ravenna
- la Scherma del` Assalto del` Lione -
Die Fechtkunst des anstürmenden Löwen
nach der Lehre von
Maestro di spada Antonio G.G. "il tasso" Merendoni
Der erste Tag
Mit den Worten
Maestro Merendonis noch im Gedächtnis: "... die bürgerlichen Systeme werden einige Deiner Denkstrukturen bezüglich des Messerkampfes durcheinander bringen", begab ich mich voller Erwartungen auf die Reise nach Ravenna. Am Samstag den 29. März um 14:00 Uhr war ich angekommen. Nach einer kurzen Begrüßung begann
Maestro Merendoni auch sofort mit dem Unterricht. Wir trainierten an einem der vielen noch geschlossenen Strände.
Anfänglich lehrte mich
Maestro Merendoni die Grundzüge der
pazziatura und die dazugehörigen Grundbewegungen für Angriff und Verteidigung. Das Lehnwort zu
pazziatura ist
pazzia und es steht für Wahnsinn. In den alten Zeiten wurden die italienischen Messerkämpfer aufgrund ihrer "merkwürdigen Bewegungen" beim Üben, von ihren Mitbürgern kurz die Wahnsinnigen/ die Durchgedrehten (ital.:
i pazzi) genannt.
Die
pazziatura ist das Grundgerüst vieler bürgerlichen süditalienischen Messerkampfschulen und beinhaltet verschiedene Konzepte und Strategien. Zum Einen lernt der Kämpfer das Ziehen des Gegners. Ein weiterer Schwerpunkt, ist das Prinzip dem Gegner kein festes Ziel zu geben. Aus der
pazziatura heraus können alle Verteidigungs- und Angriffsbewegungen ausgeführt werden.
Nach der
pazziatura richtete der maestro sein Augenmerk auf die Grundangriffe und die entsprechenden Verteidigungsstrategien. Wie bei den militärischen Systemen der
maestri d` armi, dominiert auch bei den bürgerlichen Systemen zu beginn der Stich (ital.:
la stoccata/ la puntata). Nach ungefähr 3,5 Stunden beendeten wir das erste Training.
Der zweite Tag
Am Sonntag fuhr ich in aller früh in einen nah gelegenen Pinienwald und ging alles neu Erlernte nochmals durch. Um 11:00 Uhr war ich dann wieder bei
Maestro Merendoni. Der maestro überprüfte das Programm des Vortages, die
piazzata destra (deut.: die Positioniereung rechts), die
cavaleresca (deut.: die ritterliche), den
sacco (deut.: der Sack), den
zumpo (deut.: der Sprung), die
stoccata (deut.: der Stich), die
voltura (deut.: die Drehung) und das Ganze schließlich als
pazziatura. Dann korrigierte er noch meine Grundverteidigungen und ging schließlich in die neue Materie über. Es kamen viele weitere Strategien dazu. Zudem folgten Finten,
inganni (deut.: Täuschungen), Einstiegstechniken und Würfe, Kampfkonzepte aus tiefen Stellungen und der Gebrauch von Tritten.
Resümee zum Messer
Die bürgerlichen Systeme gliedern sich in mehrere Lernschritte. Der erste Lernschritt bildet das Gerüst/ das Fundament - sei es an Schrittarbeit, Strategie und Technik. Der weiteren Lernschritte sind eine Ansammlung von Techniken und Strategien, die in das Gerüst eingegliedert werden.
Nach meinem Empfinden ist der italienische Messerkampf eine sehr durchdachte, elegante und auch effektive Kampfkunst. Die Kombination der zentralisierten militärischen Systeme der
maestri d` armi und der sehr beweglichen bürgerlichen System aus den ländlichen Gegenden Italiens und der Unterwelt, bilden eine ideale Zusammenstellung um in jeder Lage und zu jeder Zeit einer Kampfsituation gewachsen zu sein.
Weitere Waffengattungen
Interessanterweise beherrschen die Lehrer von
Maestro Merendoni auch den traditionellen italienischen Stockkampf. Die Stocklängen gliedern sich wie folgt auf:
Der
manganello (deut.: der Knüppel) ist ein circa 60-70cm langer Stock, welcher Richtung Stockspitze im Durchmesser zunehmen kann.
Der
bastone da passegio (deut.: der Spazierstock) hat mit circa 90-100cm Spazierstocklänge. Diese Disziplin ist sehr interessant, da viele der Konzepte und Techniken dem traditionellen italienischen Fechten entstammen (nicht mit Sportfechten zu verwechseln).
Der
bastone pugliese e siciliano (deut.: apulischer- bzw. sizilianischer Hirtenstock) ist ein ca. 120cm langer Olivenholzstock. Das besondere Merkmal dieser Waffe sind "Knoten", die sich über die ganze Stocklänge ziehen.
Der
bastone bicipite (deut.: der zweiköpfige Stock) steht für den italinischen Langstock. Seine Länge kann bis über 220cm betragen.
Des Weiteren gibt es in der italienischen Kampfkunst auch den waffenlosen Kampf. Zum Einen lassen sich die Bewegungen des Messerkampfes auf die leere Hand umsetzen, zum Anderen entstanden in verschiedenen Regionen des Landes spezielle Formen des "Faustkampfes". Eine der bekannteren ist das sogenannte
a calci e schiaffi (deut.: mit Tritten und Ohrfeigen). In dieser Form des Kampfes kommen neben Fußtritten und Kniestößen, hauptsächlich Schläge mit der Handinnenfläche (Ohrfeigen/ Slaps) und Rückhandschläge zum Einsatz.
Abschlusswort
Für mich war es wieder einmal ein interessantes und lehrreiches Erlebnis. Nicht nur, daß ich dabei bin eine hohe Schule des Klingenkampfes zu erlernen, vielmehr bringen mich diese Reisen meiner/ unserer europäischen Kultur einen kleinen Schritt näher.
Roberto Laura
Neckarsulm, 25.02.2004