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Vollständige Version anzeigen : Was ist Achtsamkeit?



Lubo ILC
02-09-2019, 12:07
Hi,

heutzutage wird der Begriff "Achtsamkeit" so oft verwendet aber was meint man damit? Was versteht ihr unter Achtsamkeit und findet ihr es wichtig sie zu trainieren?

Bei uns im Zhong Xin Dao I Liq Chuan übersetzen wir das englische Wort "Awareness" mit Achtsamkeit ... laut Duden ist es falsch ...

oxox
02-09-2019, 12:54
Ich glaube mindfulness ist die bessere Übersetzung für Achtsamkeit. Awareness ist eher im Sinne von Bewusstsein, aber nicht unbedingt im Sinne von conscioussness. Also mehr "sich etwas bewusst sein" als einfach nur bei Bewusstsein zu sein.

Lubo ILC
02-09-2019, 13:03
Ich glaube mindfulness ist die bessere Übersetzung für Achtsamkeit. Awareness ist eher im Sinne von Bewusstsein, aber nicht unbedingt im Sinne von conscioussness. Also mehr "sich etwas bewusst sein" als einfach nur bei Bewusstsein zu sein.

Und wie würdest "Achtsamkeit" beschreiben?

oxox
02-09-2019, 13:24
Und wie würdest "Achtsamkeit" beschreiben?

Ich bin da selber etwas verwirrt aber ich glaube Achtsamkeit im Sinne von mindfulness ist etwas breiter gefächert als Aufmerksamkeit. Also wenn dein Bewusstsein eine Lichtstrahl ist dann ist Achtsamkeit so etwas wie ein Flutlicht und Aufmerksamkeit ist mehr fokussiert. Oder stell dir eine Zwiebel vor mit verschiedenen Schichten wo die Überliegenden die Unteren beinhalten aber nicht ungekehrt. Achtsamkeit wäre da ein höhere liegende Schicht die aber unterhalb so etwas wie Konzentration bzw. Aufmerksamkeit beinhalten kann.

kanken
02-09-2019, 13:27
Achtsamkeit bedeutet für mich „etwas aus vollem Herzen tun und mit dem Verstand betrachten“.

Neurobiologisch:

Jede Tätigkeit bei der der Assoziationskortex beteiligt ist und bei der ich mich (bzw. mein Verstand) auf die (eine oder mehrere) Körperrückmeldung(en) konzentriere.

Lubo ILC
02-09-2019, 13:38
Achtsamkeit bedeutet für mich „etwas aus vollem Herzen tun und mit dem Verstand betrachten“.

"Etwas aus vollem Herzn tun" ... was tun?

Lubo ILC
02-09-2019, 13:41
Ich bin da selber etwas verwirrt aber ich glaube Achtsamkeit im Sinne von mindfulness ist etwas breiter gefächert als Aufmerksamkeit. Also wenn dein Bewusstsein eine Lichtstrahl ist dann ist Achtsamkeit so etwas wie ein Flutlicht und Aufmerksamkeit ist mehr fokussiert. Oder stell dir eine Zwiebel vor mit verschiedenen Schichten wo die Überliegenden die Unteren beinhalten aber nicht ungekehrt. Achtsamkeit wäre da ein höhere liegende Schicht die aber unterhalb so etwas wie Konzentration bzw. Aufmerksamkeit beinhalten kann.

Also nach deinem Verständniss ist Achtsamkeit eine Qaulität des Bewusstseins. Mindfulness a quality of Awerness ... verstehe ich das richtig?

kanken
02-09-2019, 13:49
"Etwas aus vollem Herzn tun" ... was tun?

Egal was, Hauptsache „aus vollem Herzen“. Kann man am ehesten mit „konzentriert“, „voll bei der Sache“ etc. übersetzen.
Dazu kommt aber noch die wichtige Komponente des „auf die Rückmeldungen des Körpers und Geistes“ hören, also auf die Gefühle, egal ob körperlich oder emotional. Das tut der Verstand. Wichtig ist dass diese Wahrnehmung durch den Verstand eben nicht eingeengt ist, sondern weit.

Ich tue etwas intensiv und nehme die Rückmeldungen weit und wertungsneutral wahr.

Man nutzt quasi den Verstand als ein inneres Mikroskop um die Natur der eigenen Wahrnehmung zu erforschen.

Am Anfang übt man die einzelnen Komponenten zu separieren und wahrzunehmen um sie dann mit seiner Wahrnehmung immer tiefer zu verstehen.

oxox
02-09-2019, 13:55
Also nach deinem Verständniss ist Achtsamkeit eine Qaulität des Bewusstseins. Mindfulness a quality of Awerness ... verstehe ich das richtig?

Wenn ich so drüber nachdenke bin ich selber nicht mehr sicher.

Ken Wilber hat mal sowas postuliert: http://www.interchangecounseling.com/images/pre-trans-rational.png

Ich glaube Achtsamkeit geht mehr in Richtung Zeuge und Konzentration/Aufmerksamkeit ist ein Modi der Ratio.

Lubo ILC
02-09-2019, 17:43
Egal was, Hauptsache „aus vollem Herzen“. Kann man am ehesten mit „konzentriert“, „voll bei der Sache“ etc. übersetzen.
Dazu kommt aber noch die wichtige Komponente des „auf die Rückmeldungen des Körpers und Geistes“ hören, also auf die Gefühle, egal ob körperlich oder emotional. Das tut der Verstand. Wichtig ist dass diese Wahrnehmung durch den Verstand eben nicht eingeengt ist, sondern weit.

Ich tue etwas intensiv und nehme die Rückmeldungen weit und wertungsneutral wahr.

Man nutzt quasi den Verstand als ein inneres Mikroskop um die Natur der eigenen Wahrnehmung zu erforschen.

Am Anfang übt man die einzelnen Komponenten zu separieren und wahrzunehmen um sie dann mit seiner Wahrnehmung immer tiefer zu verstehen.

Würdest du dann die kreative Arbeit am Computer "aus vollem Herzen" auch als Achtsamkeit betrachten?

kanken
02-09-2019, 19:13
Die Arbeit selber ist erst einmal nicht Achtsamkeit, du kannst sie aber achtsam machen.

dennis123
02-09-2019, 19:45
Ich glaube der moderne Begriff Achtsamkeit/Mindfulness wurde vor allem von Jon Kabat-Zinn geprägt (gibt viele Videos auf Youtube). Im Endeffekt geht es um Meditation und im Alltag möglichst ohne Voreingenommenheit die Welt so wahrzunehmen wie sie ist.

discipula
03-09-2019, 06:55
"Etwas aus vollem Herzn tun" ... was tun?

halt irgendwas. Gehen. Essen, Geschirr spülen. Deine Kampfkunst ausüben....

die erste Komponente ist Sorgfalt beim Fühlen (im Sinne von "Sinnesdaten aufnehmen") - merken, was man da überhaupt tut.
Die zweite Komponente ist Sorgfalt im Handeln. Dinge auf eine effiziente, elegante Weise tun.

Lugasch
03-09-2019, 07:51
Für mich hängt die Achtsamkeit mit dem Wahrnehmen des aktuellen Augenblicks zusammen. Klingt jetzt ein wenig esoterisch, aber es geht eigentlich bloß um die Fragen "Wo bin ich?" und "Was passiert um mich herum oder mit/in meinem Körper?". Wenn ich auf dem Weg zum Einkaufen bin und im Kopf die Einkaufsliste/das Menü für nächste Woche/Arbeitsprojekte durchgehe, bin ich nicht achtsam. Wenn ich stattdessen mir angucke, wie die Fassaden der Häuser auf dem Weg aussehen, wie sich die Luft anfühlt, wie die Menschen um mich herum drauf sind, wie mein Puls und Atem sind, dann bin ich achtsam. Letztendlich geht es um eine Form der Konzentration, was so ziemlich das Gegenteil von der Meditation ist, zumindest der Zen-Meditation. Gleichwohl kann man die Achtsamkeit nutzen um runter zu kommen und die Meditation einzuleiten. Mir persönlich reicht es ab und zu achtsam zu sein, sodass die Meditation nicht nötig ist.

Lubo ILC
03-09-2019, 08:04
halt irgendwas. Gehen. Essen, Geschirr spülen. Deine Kampfkunst ausüben....

die erste Komponente ist Sorgfalt beim Fühlen (im Sinne von "Sinnesdaten aufnehmen") - merken, was man da überhaupt tut.
Die zweite Komponente ist Sorgfalt im Handeln. Dinge auf eine effiziente, elegante Weise tun.

Nun ja sobald man etwas tut ist, kann die Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit wandern und man ist nicht mehr achtsam.

Mindfulness ist eben ein Begriff der hauptsächlich aus der Meditation kommt und den Fokus nach innen lenkt, aufmerksam auf sich und der Sunneswahrnehmung zu sein. Deswegen finde ich Achtsamkeit als Übersetzung nicht passend weil sie mehr ist als nur mindfulness ist.
Awerness als Bewusstsein / Bewusstheit zu übersetzen finde ich auch komisch weil um mindful zu sein muss man sehr bewusst wahrnehmen.

Ich finde wie gesagt die deutsche Übersetzung sehr unlogisch. Also bleiben wir mal bei den englischen Wörtern um nicht aneinander vorbei zu reden.

Was ist für euch der Unterschied zwischen mindfulness und awerness?

Lubo ILC
03-09-2019, 08:12
Für mich hängt die Achtsamkeit mit dem Wahrnehmen des aktuellen Augenblicks zusammen.

Wenn ich stattdessen mir angucke, wie die Fassaden der Häuser auf dem Weg aussehen, wie sich die Luft anfühlt, wie die Menschen um mich herum drauf sind, wie mein Puls und Atem sind, dann bin ich achtsam.

Es klingt halt als ob du fokusierte Aufmerksamkeit beschriebst. So wie du es erklärst, springt deine Aufmerksamkeit herum. Ich würde das nicht aber nicht als "Flutlicht" beschreiben so wie oxox weiter oben es gedeutet hat.

Lugasch
03-09-2019, 08:28
Es klingt halt als ob du fokusierte Aufmerksamkeit beschriebst. So wie du es erklärst, springt deine Aufmerksamkeit herum. Ich würde das nicht aber nicht als "Flutlicht" beschreiben so wie oxox weiter oben es gedeutet hat.

Also ich empfinde den Zustand als erhellend, wenn nicht auch direkt als Flutlicht. Ich denke, dass die Aufmerksamkeit dabei / davor nicht wirklich springt, sondern dass es 2 Sorten davon gibt - die schnelle (unbewusste) und die langsame (bewusste). Also quasi analog zu Kahnemans "Schnelles Denken, langsames Denken" - bei Achtsamkeit springt das System 2 an. Und mindfulness könnte einen Zustand beschreiben, bei dem der Wechsel von 1 zu 2 eher automatisch läuft, ohne dass ich dafür bewusst umschalten muss.
Zu den deutschen und englischen Begriffen: manche Sachen lassen sich nicht 1zu1 übersetzen, weil sich eben die ausgedrückten Inhalte unterscheiden. Manchmal muss man einfach mit den englischen Begriffen leben. :)

kanken
03-09-2019, 08:37
Awareness ist ein Teil von mindfulness.
Mindfulness meint die Betrachtung des Ganzen und Awareness das Betrachten einer Teilkomponente daraus.

Lugasch
03-09-2019, 08:51
Awareness ist ein Teil von mindfulness.
Mindfulness meint die Betrachtung des Ganzen und Awareness das Betrachten einer Teilkomponente daraus.

Das denke ich auch. Für mich ließe sich Achtsamkeit am ehesten mit Awareness übersetzen. In meinem Beispiel wäre es das bewusste Übergehen zur Achtsamkeit. Komme ich irgendwann in eine Geisteshaltung, bei der ich diesen Übergang nicht mehr bewusst starten muss, wäre es Mindfulness.

kanken
03-09-2019, 08:52
Ich denke man muss halt gucken in welchem Kontext man „Mindfullness“ oder „Awareness“ betrachtet.
Das sind Modewörter, die mittlerweile in sehr vielen Ansätzen vorkommen.

Ich zitiere mich mal aus einem anderen Faden:


Nur mal so am Rande:

Von welcher „Achtsamkeit“ reden wir denn hier?

Kabat-Zinn?

Golemann?

Bishop?

Thích Nhất Hạnh?

Nach Storch im Embodiment im Zürcher Ressourcen Modell (ZRM)?

etc.

Oder reden wir hier von rein buddhistischer Achtsamkeit?

Wenn letzteres, in welcher Tradition? Mahayana? Zen? Wenn Zen, dann in welcher Richtung? Chan (also Mahayana, sprich wieder Vipassana), Soto, Rinzai, Obaku, Sanbo Kyodan? Oder doch eher im Sinne der Yogacharatradition (die ja auf Mahayana aufbaut, und auch das Zen beeinflusst hat)?

Wenn wir hier von „Achtsamkeit“ reden, dann sollte man genau definieren was man unter „Achtsamkeit“ versteht und wie man sie übt. Sonst bleibt es halt ein Mode- oder Marketingwort. Leer, hört sich aber gut an.

Verschiedene Methoden und Traditionen definieren sehr genau was SIE unter Achtsamkeit verstehen und wie sie nutzen um ihre Ziele zu erreichen. Man muss also immer erst mal abgleichen von welcher „Achtsamkeit“ man redet.

Ich persönlich sehe „Achtsamkeit“ als Arbeit im Sinne von Dharmatā aus dem Prajñāpāramitā und Tathāgatagarbha aus dem Yogachara.
Beruflich arbeite ich aber natürlich auch mit anderen Konzepten von Achtsamkeit im Rahmen verschiedener Therapieansätze, z.B. DBT oder ZRM.

Lubo ILC
03-09-2019, 10:24
Awareness ist ein Teil von mindfulness.
Mindfulness meint die Betrachtung des Ganzen und Awareness das Betrachten einer Teilkomponente daraus.

Interessant ... ich hätte es genau umgekehrt gesehen.

MichaelII
03-09-2019, 10:28
"Achtsamkeit" ist ein Mode-Livestile-Wort. Sehr leicht hier im Forum festzustellen: Wenn man die erweiterte Such nimmt, kommt es in den Titeln mit einem Akusreißer erst ab 2014 und mit der suche im Text so ab 2002 vor.
5000 Jahre KK vorher kamen ohne dieses bescheurte Wort aus...

DatOlli
03-09-2019, 10:29
Interessant ... ich hätte es genau umgekehrt gesehen.

Das meinte ich damals. Gleiche Begriffe mit differenten Inhalten.

Liebe Grüße
DatOlli

Lubo ILC
03-09-2019, 10:29
Interessant ... ich hätte es genau umgekehrt gesehen.

Im ZXD ILC Leitfaden sind die Begriffe so definiert:

"Aufmerksamkeit (Mindfulness) – bedeutet, die Momente der Aufmerksamkeit des Geistes zu beobachten und zuzulassen was auch immer ist, sich im gegenwärtigen Moment zu zeigen.
Achtsamkeit (Awareness) – Das Erkennen und Verstehen der gegenwärtigen Aufmerksamkeit des Geistes. Aufmerksamkeit ist die Ursache und Achtsamkeit ist die Wirkung."

Auf Englisch klingt es natürlich besser. Ist für euch diese Beschreibung nachvollziehbar?

DatOlli
03-09-2019, 10:35
Im ZXD ILC Leitfaden sind die Begriffe so definiert:

"Aufmerksamkeit (Mindfulness) – bedeutet, die Momente der Aufmerksamkeit des Geistes zu beobachten und zuzulassen was auch immer ist, sich im gegenwärtigen Moment zu zeigen.
Achtsamkeit (Awareness) – Das Erkennen und Verstehen der gegenwärtigen Aufmerksamkeit des Geistes. Aufmerksamkeit ist die Ursache und Achtsamkeit ist die Wirkung."

Auf Englisch klingt es natürlich besser. Ist für euch diese Beschreibung nachvollziehbar?

Klar ist das nachvollziehbar. Allerdings bei der Kürze der Definition, werden wohl ziemlich verschiedene Schlüsse daraus gezogen werden.
Nicht, dass ich sowas besser hinbekommen würde.

Liebe Grüße
DatOlli

kanken
03-09-2019, 11:00
Interessant ... ich hätte es genau umgekehrt gesehen.

Komisch, euer Leitfaden sieht es doch genauso:


Im ZXD ILC Leitfaden sind die Begriffe so definiert:

"Aufmerksamkeit (Mindfulness) – bedeutet, die Momente der Aufmerksamkeit des Geistes zu beobachten und zuzulassen was auch immer ist, sich im gegenwärtigen Moment zu zeigen.

Das ist das Ganze.



Achtsamkeit (Awareness) – Das Erkennen und Verstehen der gegenwärtigen Aufmerksamkeit des Geistes.

Das ist das Einzelne.

Eure Achtsamkeit (Awareness) ist das einzelne Betrachten eines Teils eurer Aufmerksamkeit (Mindfulness).
Also genau das, was ich schrieb: Awareness ist Teil von Mindfulness.

kanken
03-09-2019, 11:09
"Achtsamkeit" ist ein Mode-Livestile-Wort. Sehr leicht hier im Forum festzustellen: Wenn man die erweiterte Such nimmt, kommt es in den Titeln mit einem Akusreißer erst ab 2014 und mit der suche im Text so ab 2002 vor.
5000 Jahre KK vorher kamen ohne dieses bescheurte Wort aus...

Das stimmt nicht ganz. Das Schriftzeichen dafür: 念 findet man schon 700 v. Chr. in China in der Eastern Zhou Dynastie...

Lubo ILC
03-09-2019, 11:47
Komisch, euer Leitfaden sieht es doch genauso:
Eure Achtsamkeit (Awareness) ist das einzelne Betrachten eines Teils eurer Aufmerksamkeit (Mindfulness).
Also genau das, was ich schrieb: Awareness ist Teil von Mindfulness.


Aufmerksamkeit ist die Ursache und Achtsamkeit ist die Wirkung.

Ich verstehe es so dass Mindfulness das Zentrum der Aufmerksamkeit des Geistes ist, aus der sich die Achtsamkeit in alle Richtungen (wie eine Blase) ausdehnt . Innerhalb dieser Blase wird alles simultan wahrgenommen und kann aus allen Richtungen gleichzeitig (360°) betrachtet werden.
Mindfulness entsteht im Geiste und Awerness breitet sich (von dort) aus ... zuerst innerhalb des eigenen Körpers ... dann über den Kontaktpunkt mit einem Partner/Gegner in dessen Körper ... danach auf die Umgebung rundherum.

Ergibt es irgndwie Sinn für dich, was ich versuche zu beschreiben?

oxox
03-09-2019, 12:19
Wenn ich meditiere bemerke ich bei mir einmal eine generelle Wahrnehmung der Situation, die ein bisschen wie ein Scanner funktioniert. Das umfasst einfache Sinneseindrücke, Gefühle, Erinnerungen, und Gedanken. Wenn dann innerhalb dieser generellen Wahrnehmung etwas interessantes passiert, kann ich meine spezielle Wahrnehmung in diese Richtung lenken und das Ereignis untersuchen. Dann fächert sich meine Wahrnehmung wieder auf und scant den von mir gesetzen Perimeter, wenn ich mir vorher zum Beispiel gesagt habe ich lasse meine Wahrnehmung innerhalb dieses Bereiches unter Ausblendung äußerer Faktoren frei herum wandern.

Darüber hinaus gibt es aber glaube ich noch andere Arten der Wahrnehmung, wenn ich z.B. verstehe was da passiert bzw. den Ablauf kenne, oder mir meiner selbst bewusst bin. Also bewusst wie wenn ich weiß, dass ich träume und den Traum nicht einfach nur wahrnehme. Also ich sitze da meinetwegen in der Meditation und mein Kopf senkt sich leicht und ich weiß, dass das bei mir Anzeichen für Schläfrigkeit ist und erkenne, dass ich darüber hinaus mein Meditationsobjekt verloren habe usw. Wenn ich die Symptome meiner Schläfrigkeit kenne wird dadurch die spezielle Wahrnehmung getriggert, die dann als Alarmmechanismus funktioniert. Schlafe ich einfach weg habe ich weder eine allgemeine Wahrnehmung noch eine spezielle.

oxox
03-09-2019, 12:24
Nochmal übergeordnet gibt es vielleicht noch eine Wahrnehmung der Wahrnehmung selbst, aber das kann ich nicht beurteilen und weiß auch nicht ob das mit Mindfulness gemeint ist oder schon in Richtung Satori ginge.

kanken
03-09-2019, 12:27
Ergibt es irgndwie Sinn für dich, was ich versuche zu beschreiben?

Ich denke ich verstehe was du meinst, ist, in meinen Augen, nur eine etwas „komplizierte“, bzw. „eigene“ Herangehensweise (wertungsneutral!) an das Thema.
Ich persönlich finde da die buddhistische Terminologie und Methodik (in Kombination mit dem Daoismus), so wie ich sie im Bagua lerne, sehr viel angenehmer und, für mich, zielführender.

Ich denke aber schon ich weiß worauf du abzielst. Noch spannender finde ich den Schritt vom Körper und der Umgebung zum eigenen Verstand/Geist. Dann kommen wir in diese Richtung:


Nochmal übergeordnet gibt es vielleicht noch eine Wahrnehmung der Wahrnehmung selbst

Lubo ILC
03-09-2019, 12:41
Ich persönlich finde da die buddhistische Terminologie und Methodik (in Kombination mit dem Daoismus), so wie ich sie im Bagua lerne, sehr viel angenehmer und, für mich, zielführender.
Ich denke aber schon ich weiß worauf du abzielst. Noch spannender finde ich den Schritt vom Körper und der Umgebung zum eigenen Verstand/Geist. Dann kommen wir in diese Richtung:

Kannst du bitte Methodik die du im Bagua lernst, einwenig erläutern? Wäre sehr interessant.
Die Betrachtung des eigenen Geistes ist ja Teil des ganzen. Da Achtsamkeit im Geist entsteht ist die Betrachtung des Geistes der Beginn des Ausdehnung erst dann geht man über auf den Körper und betrachtet weiter den Geist wie er den Körper betrachtet usw.

Eine weitere interessante Komponente, auf die mein Sifu mich mal hingewiesen hat, ist dass man bei Awarness die Bereitschaft zur Veränderung mit der Veränderung (Flow with nature (Dao)) hat, während man bei Mindfulness nur am betrachten ist. Was sagt ihr dazu?

oxox
03-09-2019, 13:04
Ganz grob kann ich mir vorstellen was er damit meinen könnte und würde das als Nichtkleben bezeichnen bzw. die Fähigkeit das Momentum einer Situation zu nutzen, bzw. der entsprechenden Dynamik ohne Widerstand zu folgen. Also sowas in Richtung Wu Wei, also tun ohne zu tun. Wobei das auch wieder ein eigenes Thema ist, das unterschiedliche Auslegungen hat. Manche sagen Wu Wei ist nur langer harter Arbeit möglich, nachdem man so gut geworden ist, dass die Tätigkeit mühelos wird. Andere sagen Wu Wei ist nur möglich wenn man alle Konzepte hinter sich lässt und vergisst, andere sagen es wäre ein Zwischending. Ein Sinnbild wäre da zum Beispiel nicht an Gras zu ziehen damit ist schneller wächst.

So wie ich das für mich persönlich interpretiere ergeben sich innerhalb von Situationen immer wieder kleine Gelegenheit, die bei Nutzung eine gewisse Eigenenergie entwickeln können. Die Tür klingelt, ich gehe zur Tür, mein Nachbar bittet um Zucker, ich bitte meinen Nachbarn herein und wir unterhalten uns, er läd mich zum Grillen ein, ich sage ja, beim Grillen treffe zufällig jemanden der in der gleichen Branche arbeitet und jemanden sucht, und so weiter. Blödes Beispiel, aber sowas ungefähr.

Lubo ILC
03-09-2019, 13:54
Ganz grob kann ich mir vorstellen was er damit meinen könnte und würde das als Nichtkleben bezeichnen bzw. die Fähigkeit das Momentum einer Situation zu nutzen, bzw. der entsprechenden Dynamik ohne Widerstand zu folgen. Also sowas in Richtung Wu Wei, also tun ohne zu tun. Wobei das auch wieder ein eigenes Thema ist, das unterschiedliche Auslegungen hat. Manche sagen Wu Wei ist nur langer harter Arbeit möglich, nachdem man so gut geworden ist, dass die Tätigkeit mühelos wird. Andere sagen Wu Wei ist nur möglich wenn man alle Konzepte hinter sich lässt und vergisst, andere sagen es wäre ein Zwischending.


Auf der allerletzen Seite des ZXD ILC Leitfadens steht:
# Abandon Concepts, Realize All - Encompass Emptiness, And dissolve all Duality #
Das geht in die Richtung was du beschreibst (Wu Wei). Das ist aber so weit weg für mich dass ich es mir noch kaum vorstellen kann.

Ich verstehe die Fähigkeit sich durch Achtsamkeit (Awareness) sich mit den Veränderung mit zu Verändern so: Man sieht/spührt die Haltung des Gegenübers und kann daraus erkennen welche Möglichkeiten er hat und ist bereit zu "fliessen", also passend zu agieren. Im Gegensatz zu: man sieht einen Schlag kommen und reagiert aus einer Gewohnheit/Reflex heraus. (sehr banal ausgedrückt)

kanken
03-09-2019, 13:57
Kannst du bitte Methodik die du im Bagua lernst, einwenig erläutern?

Das ist für ein Forum wohl etwas zu komplex...

Es geht darum die Natur der Dinge zu erkennen.

Im Bagua übt man zunächst mit dem Körper und „erforscht“ diesen um ihn dann mit der Umgebung und dem Anderen in einen Kontext zu setzen.
Dazu benutzt man bestimmte Bilder und Ideen, mit denen man arbeitet. Sie helfen zu fühlen und zu interagieren.
Diese Bilder und Ideen kommen aus der buddhistischen und daoistischen Lehre.

Man will, durch Harmonisierung von Körper und Verstand, zur „ursprünglichen“ Natürlichkeit zurück gelangen.

oxox
03-09-2019, 14:18
Kanken, wie geht ihr mit sich vielleicht ergebenden Intentions-Paradoxen um? Von wegen wollen nicht zu wollen, künstlich versuchen natürlich zu sein, etc. Wird das bewusst angestochen oder eher ausgeblendet?

kanken
03-09-2019, 14:21
Wird das bewusst angestochen oder eher ausgeblendet?

Es wird natürlich angesprochen. Mit den richtigen Übungen, Ideen und Anweisungen lernt man aber damit umzugehen, bzw. zu vermeiden.

Passt hier evtl. ganz gut rein:

Was ist Realität (https://bagua-zhang.eu/?page_id=472)

Es geht, in der Übung, zunächst darum seinen Körper zu fühlen. Alleine, in Bewegung und an einem Partner.
Dann geht es darum weiter in sich hineinzufühlen und mit der Realität „zu arbeiten“.

Die Arbeit mit dem Verstand und die Erkenntnis über den Verstand spielt jedoch auch eine große Rolle.

Die Erforschung des Zusammenhangs von Verstand, Körper und Natur hat eine lange Tradition, auch wie man sich dies in Kämpfen zu Nutze macht.

Wenn wir „achtsam“ sind arbeiten wir mit diesen „tieferen“ Hirnzentren. Unser Verstand „achtet“/„hört“ auf das, was ihm seine „emotionalen Zentren“ rückmelden.

KK-Baghira
03-09-2019, 16:57
Ich denke man muss halt gucken in welchem Kontext man „Mindfullness“ oder „Awareness“ betrachtet.
Das sind Modewörter, die mittlerweile in sehr vielen Ansätzen vorkommen.

Ich zitiere mich mal aus einem anderen Faden:

Ein Thema mit dem Potential, sich zu verlieren *g* Die "Aufhänger" fand/finde ich gut...und streue mal ein wenig ein:

1) Kabat-Zinn versteht mindfulness durchaus als 'way of being' im Sinne ‘paying attention in a particular way: on purpose, in the present moment, and non-judgementally’, aber es gibt Anfragen bzw. Hinweise darauf, dass dieses Verstndnis - oder noch genauer: mindfulness als Sorge dafür, dass das betrachtete nicht abhanden kommt - nur ein erster Schritt einer 'mindfulness proper' zu einer 'wise mindfulness' ist - hier kommen dann Aspekte von orienting/mindfulness/concentration ins Spiel (vgl. in: Purser et al., 2016: Handbook of Mindfulness: Culture, Context, and Social Engagement. Springer, pp. 30f., 38; Dreyfus, 2013: 48ff.). Insgesamt anzuraten ist Jonardon Ganeris Buch "Attention, not Self" (Oxford, 2017), aber das würde hier definitiv zu weit führen

2) Nhat Hanhs (zen-bezogene, politisch anmutende) Ausweisungen eines 'interbeings' verstehen mindfulness als "keep your attention focused on the work, be alert and ready to handle ably and intelligently any situation which may arise" und können, je nach Umgang mit Impermanenz, 'klassisch-buddhistisch' anfragbar sein (vgl. in: Purser et al., 2016: Handbook of Mindfulness: Culture, Context, and Social Engagement. Springer, pp. 12, 40f., 158, 385).

3) In der deutschsprachigen Literatur gibt es Zusammentragungen (auch zu 1+2) von Möhle (2011: Der Do der Kampfkunst und die Entwicklung einer Lebensform der Achtsamkeit, S. 72ff.), die bspw. Achtsamkeit als eine "Selbstregulation der Aufmerksamkeit und der Einnahme einer bestimmten Haltung gegenüber der momentanen Erfahrung" fasst und ergänzend könnte Horst Tiwald (Psycho-Training im WingTsun, Taiji und Budo-Sport, 2012: 170ff.) veranschlagt werden, der unterschiedliche Arten von Aufmerksamkeit differenziert und dabei auf Gehirnhälften zurückgreift: Führt die linke Gehinrhälfte die Aufmerksamkeit, so sei diese linear und einzeln objektbezogen, wohingegen die rechte Gehirnhälfte ganzheitliche Aufmerksamkeitsprozesse führt: Mensch ist (nicht-)denkend verflochten anstatt "über Ich-Vorurteile gebrochen"...

Viele Grüße
Baghira

Lubo ILC
03-09-2019, 17:01
Das ist für ein Forum wohl etwas zu komplex...

Es geht darum die Natur der Dinge zu erkennen.

Im Bagua übt man zunächst mit dem Körper und „erforscht“ diesen um ihn dann mit der Umgebung und dem Anderen in einen Kontext zu setzen.
Dazu benutzt man bestimmte Bilder und Ideen, mit denen man arbeitet. Sie helfen zu fühlen und zu interagieren.
Diese Bilder und Ideen kommen aus der buddhistischen und daoistischen Lehre.

Man will, durch Harmonisierung von Körper und Verstand, zur „ursprünglichen“ Natürlichkeit zurück gelangen.

Bis auf die Arbeit mit Bildern und Ideen ist es genau wie wir es im ZXD ILC anstreben. Also würde ich schon behaupten dass wir das gleiche Ziel haben, nur die Wege sind leich unterschiedlich.

Oft wird das Wort "Achtsamkeit" verwendet, um simple Aufmerksamkeit zu beschreiben und manchmal sogar eine Art Paranoia. Liegt es daran dass richtige "Achtsamkeit" so schwer zu erlangen ist, oder weil das Wort modern ist, oder sind einfach viele zu ahnungslos?

Klaus
03-09-2019, 17:24
Weil das Wort nunmal nur ein Wort ist. Wenn man so ein Wort benutzt, kann man nicht seine eigene "Definition" mitbringen, sondern sollte sich daran orientieren was das im jeweiligen Kontext bedeutet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeit_(mindfulness)

Im Kontext ZXD hat es dann eine eigene Bedeutung, die muss man kennen, eventuell verstehen, und dann kann man sich über die Effekte und Erlebnisse Gedanken machen. Oder sie einfach zulassen. Und das gut oder nicht so universell richtig empfinden. Meist greifen Beschreibungen zu kurz, es fällt einem immer noch ein "ausser wenn", "meistens" usw. ein. Eine Methode oder ein Zustand sind nicht dasselbe.

Es sind normalerweise auch zwei völlig verschiedene Aktivitäten, ob ich mich in einen Stuhl setze und in verschiedenen Varianten meditiere (auf den Horizont sehen und das was passiert machen lassen, oder Augen zumachen und fühlen was los ist, begleiten, helfen, beruhigen, "loben", verbinden), oder ob ich eine Partnerübung mache und auf das was der andere anbietet reagiere, oder auf meine Empfindungen währenddessen. Wenn ich meditiere hat das selten bis gar nicht mit "Kampfkunst" zu tun, sondern mit (meinem) Leben und aktuellen von selbst sich formierenden Empfindungen, wenn ich "Kampf" übe bin ich in einem Wuji-Zustand und "etwas" macht das mit mir. Das ist dann wie im Sport, da denke ich auch nie.

Wenn man jetzt abstrakt von "Achtsamkeit" spricht, stellt sich die Frage "worauf". Worauf "achte" ich. Auf das was von aussen kommt, oder von innen, Gefühle, oder Dinge die so passieren.

Lubo ILC
03-09-2019, 17:54
Wenn man jetzt abstrakt von "Achtsamkeit" spricht, stellt sich die Frage "worauf". Worauf "achte" ich. Auf das was von aussen kommt, oder von innen, Gefühle, oder Dinge die so passieren.

Nun ja alles was in dir passiert ist eine Reaktion auf deine Wahrnehmung. Ich verweise hier auf Körper, Wahrnehmung, Empfindung, Gedanke, Bewusstsein.
Es geht darum zu erkennen wie unser Geist auf die Wahrnehmung von Aussen reagiert. Tatsache ist dass alles in uns entsteht. Egal welches Sinnesorgan wir betrachten, dieses vermittelt nun mal Impulse die unser Körper generiert. Zb wir sehen nur die Reflektion auf unserer Netzhaut...

Mein Sifu sagt: "Put your intention on attention." Daraus kann dann Achtsamkeit entstehen.

kanken
03-09-2019, 18:37
Liegt es daran dass richtige "Achtsamkeit" so schwer zu erlangen ist, oder weil das Wort modern ist, oder sind einfach viele zu ahnungslos?

Ich denke dass sich das Wort zum Einen einfach abgenutzt hat und zum Anderen die Wenigsten wissen dass man es im jeweiligen Kontext betrachten sollte.

Klaus
03-09-2019, 19:38
@Lubo:

Du sprichst mit jemandem der das seit 50 Jahren macht, und der einen Zustand hat der auf externe Ereignisse ohne Verzögerung reagiert. D.h. mein Körper und mein innerer Geist reagieren bevor mein Verstand mitbekommt dass es nötig ist. Leider inzwischen nicht mehr mit "Jin" weil es nicht mehr da ist, aber durchaus immer noch mit Reaktion. Z.B. mit Ausweichmanövern bei 180 mit dem Auto, verzögerungsfrei und bevor ich verstehe was ich sehe. Ich kann nur nicht jedem erklären "wie man das macht", und "wie man da hin kommt", ausser die Übung. Sowohl der Körper als auch die Seele können sehr unterschiedlich reagieren, mit unterschiedlichen Präferenzen. Ich kann als Reaktion auf eine Absicht in einem Menschen damit anfangen ihm den Kopf abzureissen, oder emotional reagieren. Oder beides. Diese Reaktionen sind nicht fest verdrahtet, und sie können und werden sich auch verändern. Aber sie kommen irgendwoher, und das ist real, kein Zufall. Ich lasse jetzt seit 25 Jahren zu, dass "etwas" das in mir zum Besseren verändert, ohne dass ich weiss was "besser" ist, warum das nötig ist, und was sich genau verändert. Aber das tut es.

In einem jeweiligen Kontext, also z.B. bei der ruhenden Meditation ohne "Zielvorgabe" (ausser ich möchte dass es mir besser geht), kann Achtsamkeit in der Übung heissen, ich achte die Empfindungen die kommen, und sehe mir die an. In aktiven Übungen z.B. im Sport habe ich diese Zeit nicht, da bedeutet Achtsamtkeit dass ich alles empfinde und sehe was um mich herum passiert, in den Menschen, im Raum. Und es wird DIREKT ohne Verzögerung in Handlung umgesetzt, die von innen kommt, von einer artistischen Improvisation die Raumgefühl, Zeit, Timing, Ressourcen, Spielziele und Gefahren unmittelbar einbezieht. Was mit mir ist, ist solange egal bis es eine überragende Wichtigkeit bekommt, z.B. eine Verletzung. Sonst ziehe ich auch mit Schmerzen durch. Wenn man mit Achtsamkeit alles und jedes bezeichnet, bezeichnet man gar nichts mehr.

Ich halte auch überhaupt nichts von Definitorik, wo man den Leuten einen davon erzählt dass es sowieso keine Realität gibt, da ja auch die Wahrnehmung von einer eindringenden Klinge in meinen Körper eigentlich nur die Sinneszellen sind die gerade von der Eisen-Kohlenstoff-Mangan-Verbindung durchtrennt werden. So als könnte man das philosphisch betrachten, und dann blutet man gar nicht mehr. Wird man doch. Darum hilft es, wenn man die Realität bzw. die Wahrheit als führend nimmt, nur der jeweilige Ausschnitt ändert sich. Falle ich aus dem Fenster ohne Fallschirm bei ausreichender Höhe werde ich verletzt. Unabänderlich. Die entsprechenden instinktiven Reaktionen sind aber schon da in einem, man kann helfen dass die sich entwickeln, immer besser, genauer werden, artistisch, improvisiert. Indem man dem Instinkt vertraut, und sich mit den Empfindungen beschäftigt die das wiederum auslöst. Eine Zeit lang habe ich mit extremer Gewalt auf unfreundliche externe Ereignisse reagiert, wie ein Baryshnikov nur mit kaputt machen. Das hatte eine gewisse Artistik, war am Ende aber immer Gewalt, mit entsprechenden Folgen. Das ist im Laufe der Zeit zurückgegangen. Ich konnte so nicht leben, obwohl es aus Gründen des Selbstschutzes "perfekt" war. Emotional aber nicht.

Am Ende hat der Geist, und der Körper drumherum, konkrete, endliche und faktische Fähigkeiten, Mechanismen, Ressourcen. Die sind alle veränderbar, aber in Grenzen. Das zu ändern ist eine komplexe Optimierungsaufgabe, für die es "etwas" in einem gibt was man machen lassen kann. Dieses Etwas kennt all diese Mechanismen und optimiert sie, aber nicht immer so wie man will, sondern so wie die Aufgaben und Folgen erfordern. Sonst zwingt man sich zu Dingen die falsch sind, weil man nicht alle Fakten kennt. Dabei helfen auch Übungen. Am Ende macht aber alles entweder die Optimierungsfähigkeit des Körpers, oder die des Hirns, und entwickelt komplexe Abläufe. Wir haben mehr Fähigkeiten als viele glauben, aber nicht unendlich, oder beliebig. Es gibt Dinge die gehen einfach nicht, und der Geist muss frei sein darauf Rücksicht zu nehmen. Es kann aber Dinge geben die da sind und gehen, aber wir wissen sie nicht. Und hätten auch Angst das auszusprechen. Das überlässt man dann dem Teil in sich der diese Fernbedienung in der Hand hält und den Knopf drücken kann, und erfreut sich an der genialen Aktion die plötzlich aus dem Lameng entsteht. "Planen" kann man das alles nicht. Man muss seinem Instinkt auch zugestehen, im Fall der Fälle einfach mal abhauen zu dürfen, wenn das der beste Weg ist.


Um mal konkret zu werden, wenn man das in einer Übung mit Partner macht, der versucht einen zu schlagen, man leitet ab, es entstehen Kollisionen, Drehmomente, man erlebt ein Timing - dann lernt man. Mechanik, und Absichten. Man empfindet was der andere denkt, man erlebt Abläufe, erlebt wie es funktioniert etwas zu vermeiden, und wie nicht. Was dauert wie lange, wieviel Kraft hat was, aber es gibt auch eine emotionale Dynamik. Eigene Empfindungen und die des Angreifers. Ich habe mal einem Lernenden gezeigt wie ich sein Setup einfach verlasse, ich sehe ihn an, gehe auf ihn zu, drücke ihn an die Wand, und er kann nichts machen. Weil es keine Mechanik war, sondern emotionale Interaktion wo seine Reaktion fallen lassen war. D.h. ich habe ihm klar gemacht, dass er sich mit dieser Angst auseinandersetzen muss, und eine Lösung finden. Mechanik ist alleine nicht genug. Die Reaktion in der Realität kann auch sein, wegzulaufen, weil er das nicht schafft, oder momentan kann. Kann er mental in einen Zustand kommen in dem sein Unterbewusstsein, seine Seele mitkämpft, kann er auch mechanisch probieren. Aber, die entscheidet ob sie das tut, oder in dem Kampf den um die goldene Ananas sieht, und nicht mitspielt. D.h. er musste auch lernen, seinem Instinkt zu vertrauen was das Richtige jeweils ist. Reden, Verhandeln, Nachgeben, Abhauen, oder Kämpfen. Mein Bruder z.B. kämpft immer. Der kämpft aber auch seine Freundin nieder wenn es darum geht welche Reifenmarke sie für ihr Auto kauft, was ihn nicht sonderlich angenehm macht. Achtsamkeit dreht sich hier also um die physikalischen Abläufe einer Konfrontation, Körpermechanik, Timing, Kräfte, und emotionale Abläufe in Konfrontationen und Aktionen.

In Meditation dreht sich bei mir aber z.B. momentan alles um Empfindungen zu Beziehungen. Immer. Das ist so komplex dass ich auch nicht weiss was da abläuft, ich kann es oft nur zeitlich zuordnen weil ich das Gefühl kenne. Das war 1989 bei der und der, das war 1976, und so weiter. Aber die Bedeutung ist nicht zu erfassen, es sind komplexe Verflechtungen, von Wünschen, Instinkten, Erfahrungen, Ängsten. Zusammengemengt in körperlicher Emotion. Ich bin da auch in einem völlig anderen Zustand als beim Fangen von Bällen in einer Sporthalle. Es ist trotzdem Achtsamkeit, nur nicht in Bezug auf Mechanik und das Prallverhalten von 280g-Lederbällen und menschlichen Körpern. Sondern auf die Logik von Beziehungen, die Fähigkeiten, Abläufe, Empfindungen, Veränderungen. Das was sich da ändert liegt, hirntechnisch und emotional, ganz woanders, und beschäftigt sich auch mit anderen Dingen. Ganz exakt das gleiche was beim Lernen von Spielzügen passiert, nur sind manche Dinge abgeschaltet, und die Achtsamkeit arbeitet mit anderen Gegenden im Geist. Und wenn man möchte dass das funktioniert, mischt man sich auch genauso nicht ein was dieses "Etwas" genau tut, was es entgewichtet, was es fördert, wo "mehr" von gemacht wird und wovon "weniger". Oder was komplett abgebaut wird, weil es Irrglaube ist. Wäre schön, ist aber leider nicht so.

Das mal als komplexere Abhandlung was "Achtsamkeit" alles sein kann, und was es einbezieht. Verkürzt kann man es mit "Leben" bezeichnen. Leben mit allem was man ist, möchte, nicht möchte, erlebt hat, kann.

Lubo ILC
03-09-2019, 21:12
Danke Klaus für deine ausführliche Schilderung deiner Sichtweise. Aus meiner persönlichen subjektiven Sicht beschreibst meistens Achtsamkeit. Jedoch habe ich das Gefühl das es einige Dinge gibt, die dir nicht ganz klar sind. Natürlich kann ich mich täuschen. Bei manchen deiner Beispiele beziehst du dich auf Zukunft oder Vergangenheit. Achtsamkeit ist aber immer gegenwärtig. Wenn ich etwas betrachte und in meinem Verstand das Wort entsteht bin ich nicht mehr im Jetzt sondern greife auf etwas Erlerntes aus meiner Vergangenheit. Das ist eine Art Wertung und ist nicht present. Zusätzlich entsteht aus dem Wort meistens ein ganzer Gedanke der wiederum zu weiteren Gedanken führt. Das ist keine Achtsamkeit. Siehst du das auch so?

Klaus
03-09-2019, 22:36
Die Gefühle die kommen sind in der Vergangenheit entstanden, sind aber noch da. Sonst würden sie nicht kommen. :) Also ist es die Gegenwart. Und die Zukunft, wenn das die Gegenwart erschwert und es sich nicht löst. Dinge die einen belasten ewig zu verdrängen statt sich die Zeit zu nehmen sie zu lösen tut nicht gut. Man weiss aber nicht wie lange es braucht, und "schneller machen" geht auch nicht. Manchmal geht es aber auch darum was neues zu erschaffen, ich habe so zum Beispiel auf neue Weise Ski fahren gelernt. Es hat Klick gemacht, und ein neuer Satz Moves war fertig. Sah komisch aus, sehr rund, hat aber prima funktioniert, wesentlich Kraft sparender als der Fahrschulenstil. Oder Wut haben, da habe ich geträumt jemandem ne Bratwurst an den Kopf zu werfen. Konnte ich vorher nie.

Worte sind nur eine Umschreibung, wenn man inneres beschreibt. Und ja, es kann so schwierig werden das was hinter den Worten steckt zu beschreiben, dass man nicht nah dran bleiben kann an dem was man aus dem Empfinden meint. Passiert mir häufig. Der eigentliche Vorgang geht ohne Worte. Beim Mitteilen kommt es aber vor dass sich gewaltige Gefühle lösen, und das wiederum verändert tatsächlich. Beim Meditieren redet man natürlich nicht.

Versuch mal, das zu sagen was du selbst empfindest. :)

Lubo ILC
04-09-2019, 13:31
Jeder Mensch ist unterschiedlich und deswegen hat jeder seinen eigenen Zugang zu diesen Themen. Ich bin ein Kopfmensch und deswegen liegt mir das Zhong Xin Dao System, weil quasi alles intellektuell ergründbar ist. Trotzdem ist das erst der Anfang.

Wenn ich mit Partner arbeite fokusiere ich mich zuerst auf mich und versuche dann Achtsamkeit aufzubauen und sie zu erweitern bis sie auch den Partner umfasst. Natürlich passiert es mir oft dass ich unachtsam übe, was eigentlich kontraproduktiv ist, aber es ist halt so. Ein wichtiger Aspekt für mich ist die Entspannung. Damit meine ich aber nicht "alles loslassen" sondern eine Art Gleichgewicht im Körper und im Geist. Erst durch diese Enspannung entstehen Qualitäten, die mich immer wieder in Staunen versetzen. Ein gutes Hilfsmittel ist das Lächeln. Es leitet die Entspannung ein, Geist öffnet sich und der Körper folgt. Fängt der Körper an sich anzuspannen wirkt sich das auch auf den Geist aus und man verliert die Qualität. Leider funkt mir zu oft die Intention dazwischen. zB. wenn man etwas bestimmtes vorhat ist es meistens kontraproduktiv weil es meinen Körper und Geist negativ beeinträchtigt. Wenn ich mich konzentriere dieses Gleichgewicht zu erhalten, führt es zu sehr guten Ergebnissen.

Früher hab ich Atem-Meditation betrieben (Zen / Vipassana) aber vor ungefähr einem Jahr hat mich ein Schüler mit der Metta-Meditaion von Bhante Vimalaramsi bekannt gemacht. Das Lächeln spielt eine zentralle Rolle und vorallem darf man nicht streng zu sich sein und zu konzentriert die Dinge angehen sondern braucht eine Art "Leichtigkeit". Dieser Zugang hilft mir egal ob beim Stehen, Sitzen oder eben mit Partner.

Ich beobachte immer wieder wie Worte in meinem Kopf entstehen und ich versuche mich davon zu lösen so dass ich Dinge betrachten kann (in mir oder auch ausserhalb) ohne sie in Worte zu fassen. Für einen Kopfmenschen wie mich ist das eine große Herausforderung. Ich betrachte auch wie mein Geist herumpendelt sich entspannt und wieder anspannt. Es ist so wie alles auf der Welt einständiger Wandel. Wenn Gefühle entstehen bin ich meist streng oder unzufrieden mit mir selbst. Dadurch das ich mir aber bewusst bin wie diese Gefühle entstehen kann ich sie recht neutral betrachten und mit einem Lächeln akzeptieren ohne mich davon zum Denken zu verleiten. Natürlich ertappe ich mich auch oft wie ich mich doch in Gedanken verliere aber das ist wohl Teil des Prozesses.

Ich strebe nach Gleichgewicht und versuche alles zu teilen und offenherzig zu sein. Das ist wohl auch die Essenz von Zhong Xin Dao.

PS: Vielleich können die anderen hier auch ihre Erfahrungen teilen ...

oxox
04-09-2019, 15:09
Ich beobachte immer wieder wie Worte in meinem Kopf entstehen und ich versuche mich davon zu lösen so dass ich Dinge betrachten kann (in mir oder auch ausserhalb) ohne sie in Worte zu fassen. Für einen Kopfmenschen wie mich ist das eine große Herausforderung. Ich betrachte auch wie mein Geist herumpendelt sich entspannt und wieder anspannt. Es ist so wie alles auf der Welt einständiger Wandel. Wenn Gefühle entstehen bin ich meist streng oder unzufrieden mit mir selbst. Dadurch das ich mir aber bewusst bin wie diese Gefühle entstehen kann ich sie recht neutral betrachten und mit einem Lächeln akzeptieren ohne mich davon zum Denken zu verleiten. Natürlich ertappe ich mich auch oft wie ich mich doch in Gedanken verliere aber das ist wohl Teil des Prozesses.

Ich denke manchmal, dass der analysierende Teil von einem auch nur ein Gedanke ist und mache dann einen Schritt zurück und versuche weniger zu urteilen. Das schließt mich selber und meine Umgebung mit ein. Ich gucke zu wie eine Sache zu anderen führt, sowohl was Gefühle und Gedanken als auch äußere Umstände angeht. Wenn ich selber mit mir kritisch bin ist die Kritik ja auch nur ein Teil einer Ereigniskette, die irgendwo begonnen hat. Sachen passieren, aber so gesehen versuche ich eher die Leinwand zu sein als die Projektion, auch wenn beides letztendlich eine Einheit bildet.

Das Geschehenlassen hat für mich weniger mit Inhalten zu tun als mit einer anderen Perspektive. Also nicht in dem Sinne, dass man so einen Zustand der Perfektion erreichen könne (ich jedenfalls nicht), sondern sich in aufkommende Gefühle nicht mehr so einmischt und sie passieren lässt. Andererseits fallen Gefühle durch Nichteinmischung scheinbar nicht mehr so heftig aus und gehen auch wieder, wenn man nicht ständig darauf herum kaut oder versucht sie zu unterdrücken. So gesehen kann dieser abstrakte Beobachter meine ich tatsächlich die Dynamik indirekt verändern ohne selber einzugreifen, weil er ein Fixpunkt für das illusorische Selbst wird. Alles ist genauso wie vorher, du greifst nicht ein, aber "du" beginnst "dich" als abstrakten Beobachter wahrzunehmen und veränderst die Dynamik. Wenn sich das illusorische Selbst dem entsprechend anpasst führt das imho auch zu Veränderungen in anderen Leuten.

Keine Ahnung ob das Sinn macht. Ich möchte damit auch überhaupt nicht sagen, dass ich irgendwas besonderes wüsste, dass ist halt nur wie ich's für mich interpretiere. Manchmal denke ich mir dabei es wäre so oder so egal. Es ist vollkommen in Ordnung ein ganz normaler Mensch zu sein und die höchste Realität ist imho gewöhnlich, hier im jetzt. Keine Götter, keine Dämonen, keine Erleuchtung oder sowas, nur Du und ich mit einer begrenzten Zeitspanne bis das Spiel irgendwann vielleicht von vorne los geht.

Gawan
05-09-2019, 14:06
John Culadasa Yates erklärt „Achtsamkeit“ in seinem „Handbuch Meditation“ etwa so:
Achtsamkeit ist die optimale Interaktion von Aufmerksamkeit und peripherem Gewahrsein.
Aufmerksamkeit wiederum ist ein Aspekt des Gewahrseins, nämlich ein auf ein Objekt gerichtetes Gewahrsein.
Auf den Sehsinn bezogen ist das so: Ich richte meinen Blick auf ein Objekt, fokussiere es; die Aufmerksamkeit ist auf dem Objekt, ich kann es in allen Einzelheiten betrachten und analysieren. Alles andere, das nicht fokussiert ist, aber mit den Augen momentan erfasst wird, liegt in der Peripherie und ist Teil des peripheren Gewahrseins. Hier sind die Objekte unscharf und können kaum erkannt werden. In jedem Moment kann ich die Aufmerksamkeit durch mehr Konzentration erhöhen und dabei in der Peripherie weniger wahrnehmen — oder umgekehrt. Je nachdem, was ich vorhabe, ist entweder stärkere Konzentration oder ein besseres peripheres Gewahrsein nützlicher. Entsprechend gilt das auch für die anderen Sinne: Hören, Riechen, Schmecken, Tasten und Denken.
(Alles in eigenen Worten nach eigenem Verständnis zusammengefasst. Ich finde das Buch übrigens sehr empfehlenswert, wenn man eine ernsthafte Meditationspraxis einrichten will.)

Ich finde, so gesehen ist klar, dass Achtsamkeit in der Kampfkunst eine wichtige Rolle spielt. Es reicht ja nicht, wenn ich dem Gegner nur aufmerksam in die Augen sehe, wenn mir dadurch seine (peripher wahrnehmbare) nächste Aktion entgeht.

Lubo ILC
05-09-2019, 16:54
Ich finde, so gesehen ist klar, dass Achtsamkeit in der Kampfkunst eine wichtige Rolle spielt. Es reicht ja nicht, wenn ich dem Gegner nur aufmerksam in die Augen sehe, wenn mir dadurch seine (peripher wahrnehmbare) nächste Aktion entgeht.

Für mich gibt es noch einen anderen Punkt der Aufmerksamkeit von Aufmerksamkeit unterscheidet und auch den Unterschied ausmacht zur peripherer Aufmerksamkeit. Solange die Aufmerksamkeit nicht nach innen gerichtet ist, ist sie meistens draussen. Ich denke der Spruch "Ich bin ausser mir!" bezieht sich genau darauf. Während Achtsamkeit immer ihren Urprung in uns hat (durch die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit) und sich nach aussen hin ausdehnt ohne die Verbindung nach innen (zurm Bewusstsein) zu verlieren.

Wenn wir uns jetzt das periphere Sehen anschauen kann ich das solange nützen solange der Gegener mich nicht zwingt meine Aufmerksamkeit zu bündeln (zb mit einer Finte). Dann ist das periphere Sehen sofort fokusiert und meiner Aufmerksamkeit fängt an noch heftiger zu springen.

Ist schwer zu erklären worauf ich hinaus möchte ohne einen Roman zu schreiben ...

Gawan
06-09-2019, 11:31
…Während Achtsamkeit immer ihren Urprung in uns hat (durch die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit) und sich nach aussen hin ausdehnt ohne die Verbindung nach innen (zurm Bewusstsein) zu verlieren.


Wenn ich mich nicht irre bezeichnet Yates das, was du hier beschreibst, als metakognitives Gewahrsein. Achtsamkeit, wie er sie versteht, ist nur die Interaktion von Aufmerksamkeit (gerichtetem Gewahrsein) und peripherem Gewahrsein. Das Gewahrsein umfasst sowohl innere als auch äußere Objekte, ebenso wie die Aufmerksamkeit, die jedoch nur einen kleinen (fokussierten) Bereich des Gewahrseins umfasst. Aufmerksamkeit ohne (Verbindung zum) Bewusstsein gibt es nicht.

Ja, es ist schwierig…

Lubo ILC
06-09-2019, 14:13
Aufmerksamkeit ohne (Verbindung zum) Bewusstsein gibt es nicht.

Da bin ich anderer Meinung, bzw ich meine sich bewusst sein. Wenn man einen Film schaut ist die Aufmerksamkeit so auf das gerichtet was man sieht dass man sich selbst komplett ausser Acht lässt. Man taucht ein in das Geschehen auf der Leinwand aber in wirklichkeit sind es nur Bilder im Kopf. Das gleiche passiert auch wenn man eben die Aufmerksamkeit nach aussen richtet ohne sich bewusst zu sein was mit einem selbst passiert (zB nicht erkennt wie man selbst seine Haltung verändert). Das gleiche passiert auch bei Berührung. Ein Beispiel: Wenn man die Handgelenke des Gegenübers greift, aktiviert sich der Körper und macht sich bereit gezogen zu werden. Wenn man dann zieht ist ein gewisser Widerstand da, auch wenn der Gegenüber sich dessen gar nicht bewusst ist und erst dann aktiv anfägt selbst zu ziehen. Wenn man aber nur die Knochen greift (mit Zeigefinger und Daumen) und dann zieht ist das Resultat ganz anders.

Paradiso
06-09-2019, 22:39
Aufmerksamkeit ohne (Verbindung zum) Bewusstsein gibt es nicht.



Ich verstehe eh nicht warum hier in der Diskussion die Achtsamkeit ständig auf den gegenwärtigen Moment einer Zweikampf bezogenen Situation versucht wird zu erklären.
Achtsamkeit hat mehrere Zeitfenster..Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Hier wird immer aus dem Zweikampf eine Situation konstruiert in der man achtsam sein will, dabei ist das lediglich aufmerksam.

Achtsam ist einfach nur ein kontemplativer und meditativer Zustand den man auch morgens für die geistige und seelische Ausrichtung für die bervorstehenden Aufgabe des Tages verrichtet und auch wenn man abends das Tageswerk reflektiert.

Es gibt ja den geflügelten Spruch: geh achtsam damit um.
Damit ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gemeint.

In einem Zweikampf zählt nur Aufmerksamkeit, das Achtsamkeitgeblubbere ist esoterischer Nonsens.

Ich kann achtsam sein, wenn ich ein geistiges Erbe verwalte und bewahre, oder wenn ich versuche Ideale zu leben und sie ständig hinterfrage.... aber im Zweikampf eins mit allem und peripheres Sehen, da muss ich schon bisschen Schmunzeln, für mich ist das konzentrierte Aufmerksamkeit.

ps. der aufmerksame Leser möge achtsam mit meiner Meinung umgehen.

TREiBERtheDRiVER
07-09-2019, 04:14
Schopenhauer stellte folgende These auf: "Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will."

Imho & relatiert: Für die Achtsamkeit brauchen wir einen freien Willen, also die Hoheitsgewalt darüber was wir beachten oder eben vernachlässigen. Wenn wir also Achtsam sind, versuchen wir das Wollen auf ein Will zu perfektionieren. Das steht im Konflikt mit dem was wir sind und zu sein scheinen. Die Achtsamkeit ist stehts eigens initiiert oder eben fremdbestimmt. Insofern ist Achtsamkeit ein Abstrakt (Wort/Zustand/Modell) wie Liebe oder Freiheit. Sobald wir Achtsamkeit erleben befinden wir uns schon in der Vergangenheit, also einem Zustand den wir nicht mehr ändern, dennoch daraus lernen, können.

Pansapiens
07-09-2019, 06:04
Sobald wir Achtsamkeit erleben befinden wir uns schon in der Vergangenheit, also einem Zustand den wir nicht mehr ändern, dennoch daraus lernen, können.

Bewusstes Erleben findet in der Gegenwart statt, auch wenn die Ursache des Erlebens - aufgrund von Signallauf- und Berechnungszeiten - in der Vergangenheit liegt.
Es geht ja letztlich um Bewusstseinsinhalte.
Im Bewusstsein tauchen dauernd irgendwelche Inhalte auf und verschwinden wieder.
Körperwahrnehmungen, Sinneseindrücke von außen, Gedanken, Gefühle (im Sinne von Emotionen)....
Der übliche Umgang damit ist, an einigen haften zu bleiben und sich in Gedankenketten zu verlieren.
Diese Gedanken führen dann von der Gegenwart weg in die Vergangenheit oder die Zukunft und/oder anderswo...
Wenn man z.B. ein graues Haar wahrnimmt, kann man eine Gedankenkette bilden, was man denn damit nun (also in naher Zukunft) tun soll. Ob man es ausreißen soll, oder sich, falls es mehrr werden, die Haare färben. Man kann sich in Betrachtungen über Silberrücken bei Gorillas verlieren und darüber vielleicht zu Gedanken an eine Afrikareise kommen, die man geplant (Zukunft) oder schon unternommen hat (Vergangenheit).....
Oder man überlegt sich, wie prächtig der Haarschopf in der Jugend war und wie schön die Sommer....
In der Achtsamkeitsmethode, die ich kennengelernt habe, geht es darum, sich dieser Gedankenketten, des Abschweifens vom gegenwärtigen Erleben hin zu konstruierten Bewusstseinsinhalten bewusst zu werden: "Ich denke gerade an das Bruttoinlandsprodukt von Ghana" und damit wieder in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren.
Achtsamkeit => Abschweifen => Bemerken des Abschweifens => Achtsamkeit....
Als wichtiger Aspekt kommt dann noch das "nicht werten" dazu. Also anstatt "verdammt, ich wollte doch auf meinen Atem achten, nun denke ich an die Brüste der Nachbarin", "Oh, ich denke gerade an die Brüste der Nachbarin und nun kehre ich wieder zum Atem zurück".
Aber auch nicht: "Oh nein, ich wollte mich doch nicht ärgern, wenn ich an die Brüste der Nachbarin denke, anstatt auf den Atem zu achten" sondern: "Ich ärgere mich gerade, dass ich an die Brüste der Nachbarin denke, anstatt auf den Atem zu achten und nun kehre ich wieder zum Atem zurück"

Diese Art der Achtsamkeit kann man sicher beim Geschirrspülen, Essen, Autofahren, Hofkehren etc. üben.
Bei geistigen Tätigkeiten, um neue Aufgaben zu lösen stell ich mir das schwierig vor, denn da ist das Begeben in einen Gedankenkette ja Programm.
Wenn ich überlege, was ich tun muss, damit... begebe ich mich ja gezielt in die Zukunft.
Das Abschweifen von den gegenwärtigen Bewusstseinsinhalten ist ja eine höhere kognitive Fähigkeit.
Insbesondere der Mensch hat die Fähigkeit zum Planen und zukünftige Ereignisse geistig vorwegzunehmen oder auch über die Vergangenheit nachzudenken.
Dauernde Achtsamkeit kann also IMO nicht das Ziel sein, gleichwohl das Üben von Achtsamkeit die Bedeutung von Bewusstseinsinhalten relativieren kann.

Buddha selbst lehrte, der Überlieferung nach, eine Achtsamkeitsmeditation (http://www.palikanon.com/majjhima/zumwinkel/m010z.html), die darauf ausgerichtet war, die Inhalte seiner Lehre zu erkennen:


"Ihr Bhikkhus, dies ist der Pfad, der ausschließlich zur Läuterung der Wesen führt [1], zur Überwindung von Kummer und Klagen, zum Verschwinden von Schmerz und Trauer, zum Erlangen des wahren Weges, zur Verwirklichung von Nibbāna - nämlich die vier Grundlagen der Achtsamkeit."

3. "Was sind die vier? Ihr Bhikkhus, da verweilt ein Bhikkhu, indem er den Körper als einen Körper [2] betrachtet, eifrig, wissensklar und achtsam, nachdem er Habgier und Trauer gegenüber der Welt beseitigt hat. Er verweilt, indem er Gefühle als Gefühle betrachtet, eifrig, wissensklar und achtsam, nachdem er Habgier und Trauer gegenüber der Welt beseitigt hat. Er verweilt, indem er Geist als Geist betrachtet, eifrig, wissensklar und achtsam, nachdem er Habgier und Trauer gegenüber der Welt beseitigt hat. Er verweilt, indem er Geistesobjekte als Geistesobjekte betrachtet, eifrig, wissensklar und achtsam, nachdem er Habgier und Trauer gegenüber der Welt beseitigt hat."

z.B. Achtsamkeit auf den Körper:


. "Auf diese Weise verweilt er, indem er den Körper innerlich als einen Körper betrachtet, oder er verweilt, indem er den Körper äußerlich [6] als einen Körper betrachtet, oder er verweilt, indem er den Körper sowohl innerlich als auch äußerlich als einen Körper betrachtet. Oder er verweilt, indem er die Ursprungsfaktoren im Körper betrachtet, oder er verweilt, indem er die Auflösungsfaktoren im Körper betrachtet, oder er verweilt, indem er die Ursprungs- und Auflösungsfaktoren im Körper betrachtet. Oder die Achtsamkeit, daß da ein Körper vorhanden ist, ist einfach in dem Ausmaß in ihm verankert, das für bloße Vergegenwärtigung und Achtsamkeit nötig ist. Und er verweilt unabhängig, haftet an nichts in der Welt an [7]. Auf jene Weise verweilt ein Bhikkhu, indem er den Körper als einen Körper betrachtet."

Dabei geht es nicht nur um das gegenwärtige Erleben, sondern durchaus über die Reflektion von Wissen, inkl. Wertungen ("unrein"):


"Wiederum, ihr Bhikkhus, reflektiert ein Bhikkhu systematisch über diesen seinen Körper, von den Fußsohlen aufwärts und von den Haarspitzen abwärts, wie er, von Haut umhüllt, von vielfältigen unreinen Dingen angefüllt ist: 'In diesem Körper gibt es Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Muskelfleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Nieren, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lunge, Dickdarm, Dünndarm, Mageninhalt, Kot, Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Talg, Speichel, Rotz, Gelenkschmiere und Urin [10].' So als ob es einen Sack gäbe, mit Öffnungen an beiden Seiten, gefüllt mit vielfältigen Körnern, wie zum Beispiel Bergreis, rotem Reis, Bohnen, Erbsen, Hirse und weißem Reis, und ein Mann mit guten Augen würde ihn öffnen und so systematisch darüber reflektieren: 'Dies ist Bergreis, dies ist roter Reis, dies sind Bohnen, dies sind Erbsen, dies ist Hirse, dies ist weißer Reis;' genauso reflektiert ein Bhikkhu systematisch über diesen seinen Körper, wie er von vielfältigen unreinen Dingen angefüllt ist: 'In diesem Körper gibt es Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Muskelfleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Nieren, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lunge, Dickdarm, Dünndarm, Mageninhalt, Kot, Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Talg, Speichel, Rotz, Gelenkschmiere und Urin

Man begibt sich auch bewusst in die Zukunft:


"Wiederum, ihr Bhikkhus, vergleicht ein Bhikkhu, als ob er eine Leiche sähe, die auf ein Leichenfeld geworfen wurde - von Krähen angefressen, von Habichten, Geiern, Hunden, Schakalen oder verschiedenen Arten von Würmern angefressen - so vergleicht er diesen seinen Körper damit: 'Dieser mein Körper ist von der selben Natur, so wird er sein, er kann diesem Schicksal nicht entgehen.'"

oxox
07-09-2019, 22:47
Passt glaube ich zum Thema.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mushin

Lubo ILC
08-09-2019, 20:09
Passt glaube ich zum Thema.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mushin

Danke oxox!

Mushin ist sehr stark verwandt mit anderen Geisteszuständen wie Heijoshin[2], bei dem durch geistige Disziplin eine komplette Ausgeglichenheit und Harmonie verwirklicht wird.

Weiß wer mehr über Heijoshin?

Outnow216
08-09-2019, 20:35
Für mich persönlich ist dieses Thema auch neu.Ich habe im Internet viel nachgeschaut. Wie ich verstanden habe, Achtsamkeit ist mehr als nur ein Modewort – sie hilft, unseren Alltag zu entschleunigen und Stress zu reduzieren.

Lubo ILC
09-09-2019, 16:36
Weiß wer mehr über Heijoshin?

Was ich gefunden hab:

"In der japanischen Sprache bedeutet das Wort hei flach, aber eher im Sinne von eben, unbewegt, ungestört. Das „flache“ = ruhige nicht aufgewühlte Meer wirkt sicher und ungefährlich. Und ein See ohne Wellen kann den Mond reflektieren. Heiwa bedeutet Friede, fu-hei dagegen „Nicht-Ebenheit“ und somit in etwa „Konflikt“ oder „Unzufriedenheit“.

In den daoistisch geprägten Kulturen des Ostens wird das Fehlen aller unnötigen Bewegung, sei diese physisch oder emotional wahrnehmbar, als positiv empfunden. So wird auch für einen geistigen Zustand, bei dem vollkommene innere Ruhe herrscht das Wort hei gebraucht und in der Kampfkunst mit dem Wort jō kombiniert, welches u.a. normal, gewöhnlich, (be)ständig, ewig bedeutet. Shin wird meist mit Herz oder Geist übersetzt. Mir scheint aber das etwas antiquierte deutsche Wort „Gemüt“ besonders gut geeignet zu sein, um Heijōshin zu umschreiben, den Zustand eines Menschen der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, weil er gelernt hat klar und einfach zu denken.

In der Kampfkunst sollen wir zunächst aus rein ökonomischen Gründen zur Einfachheit finden, in der Technik und in der Taktik, eine Haltung, die sich später auf das gesamte Leben überträgt. Mit „einfach“ ist hier jedoch nicht „beschränkt“ gemeint, sondern es geht eher um den Abbau geistiger Beschränkungen, wodurch erst das Einfache in der Natur erkannt und aus weniger mehr werden kann."

Das würde in gewisser Weise Zhong Xin Dao beschreiben, wenn man statt flach neutral oder ausgewogen nehmen würde.
Ich bin auch davon überzeugt daß alle Kampfkünste dieses Ziel verfolgen, auch wenn sie es nicht explizit so beschreiben und auch wenn die Wege zu diesem Ziel sehr unterschiedlich sind. Techniken sind mMn ja da nicht um möglichst viele davon zu können sondern um durch das studieren dieser den gemeinsamen Nenner zu finden und um die "Natur zu erkennen"...

Und dafür ist Achtsamkeit notwendig.

Joykey
31-07-2021, 10:53
Schönes und wichtiges Thema und gerade die letzten Beiträge dazu sind sehr inhaltsvoll und höherwertig. Für mich ist die Achtsamkeit auch sehr wichtig, und zwar so wie es die antiken Stoiker verstanden als stoische Seelenruhe.

Marcus Aurelius Antonius (seine Selbstbetrachtungen werden im englischsprachigen Raum heutzutage Meditationen genannt) findet offenbar großen Anklang in der Kampfkunst-Szene in den USA, zusammen mit Sun Tzu (der chinesische Meister der Strategie und der Kriegführung) und Miyamoto Musashi (Das Buch der fünf Ringe - Klassische Strategien aus dem alten Japan).

Hier in der Philosophie-Ecke des Forums findet sich noch kein eigener Thread dazu, aber Einzelbeiträge.