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Kampfkunst Kurzgeschichten

"Der Schwertgeselle" Leseprobe - Teil II

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Doch ich greife den Ereignissen vor. Ihr sollt zunächst einiges über mich erfahren, um zu verstehen, wie ich in eine derart verzweifelte Situation kam. Ihr müsst wissen, dass es der Herrgott mit mir recht gut gemeint hat. Ich wurde im Jahr 1205 des Herrn als zweiter Sohn des Freiherrn Ulrich II. von Reischach geboren. Der Vater benannte mich nach den Heiligen Ludger und Martin. Mit sieben Lenzen schickte er seinen Spross an den Hof des Herzogs von Teck. Auf der Teckburg wurde ich zum Pagen und begann damit meine Ausbildung zum Ritter. War ich zunächst noch gewohnt, von meiner Mutter erzogen zu werden, so übernahmen dies nun andere Wip, wie man zu jener Zeit die Frauen nannte. Die Frouwe, die Herrin des Hauses, sorgte für Zucht und Ordnung auf ihrer Burg. Sie bläute mir und den übrigen Pagen die höfischen Umgangsformen ein. Mehr als einmal gewann ich den Eindruck, dass sie es genoss, Macht über die werdenden Männer zu haben. Ich hatte mich jedenfalls nach feinen Manieren zu richten und den Herzog und die Frouwe bei Tische zu bedienen. Als zukünftiger Ritter sollte ich stets am Guten festhalten, was man Staete nannte und Mâze wahren, also Maßhalten. Das fiel mir wesentlich leichter als der höfische Umgang. Dieser war auf der Teckburg wichtig, denn die Herrschaften waren für ihre Milte bekannt. Gewänder, Pferde, Waffen und Schmuck stoben den Burgherren nur so aus den Händen. Sie zeigten ihre Macht durch Geschenke und Feste, an deren Durchführung wir Pagen mit allerlei Diensten für die Gäste beim Mahle stets beteiligt waren. In meinem Fall nicht immer so, wie es von mir erwartet wurde, denn ich fand an derlei Tun nie eine besondere Freude. Oft verschüttete ich den Wein, vergaß eine Verbeugung oder stieß aus Unachtsamkeit einen Teller hinunter. Doch so manche Maulschelle und Haeue mit dem Stock erleichterten das Lernen.

Das war auch nötig, hätte ich sonst vermutlich nie das Lesen und Schreiben auf eine Art beherrscht, wie es zu meiner Zeit nur einige wenige gebildete Ritter taten. Ebenso blieb für mich eine üble Qual das Französisch und Latein zu erlernen. Die Laute hatte schon bessere Meister gesehen, doch beim Musizieren erfüllte ich meine Pflicht und trug etwas zur Unterhaltung des Hofes bei.

Weniger Motivation benötigte es, um mich für das Reiten, das Bogen- und das Armbrustschießen zu begeistern. Ebenso übte ich mit Feuereifer das Ringen und den Faustkampf. Unübertroffen war ich aber bereits damals mit dem hölzernen Schwert. Schon recht bald vermochte keiner der anderen Pagen hier mit mir mitzuhalten. Das galt zumindest, solange wir ohne Holzschild kämpften. Versteht mich nicht falsch, auch mit dieser wichtigen Waffe vermag ich umzugehen. Doch lediglich mit dem Schwerte in den Händen, Kerl gegen Kerl, als Zweikampf unter freien Männern, da war ich unangefochten. Bisweilen übte ich schon damals stundenlang an dem hölzernen Pfahl an der Seite des Burghofs und hieb die aus Eichenholz gefertigte Klinge wieder und wieder dagegen. Für mich war es, als ob die Zeit stillstand und ich ganz bei mir sein durfte. Die Zeit stand jedoch nicht still und als ich 14 Lenze zählte, gab mich der Vater in die Obhut seines Freundes, des edlen Ritters Wilhelm von Riexingen, und die Ausbildung im Kriegshandwerk begann.
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