Erst einmal vielen Dank für Deine Antwort, das gibt mir zumindest die Hoffnung zurück, dass hier noch irgendetwas Produktives entstehen und ich es mit ins Training nehmen könnte - und es nicht nur darum ging, einfach mal wieder ein Topic in den Raum zu werfen, um die Leute ein Bisschen zu bespaßen, während jeder darf mal pauschal auf den Topf schlagen darf, der ihm gerade passt.
(An dieser Stelle noch eine - sehr häufig zutreffende Weisheit aus den Rechtswissenschaften und der Mathematik: Wenn es angeblich „trivial“, „einfach“, „unstrittig“ oder „offensichtlich“ ist, Dir jedoch nicht so vorkommt oder es eine Lücke in der Beweisführung schließt, ist die Chance groß, dass das Gegenüber sich nicht hinreichend (in die Tiefe gehend) mit dem Thema bzw. der Problematik beschäftigt hat oder es alles andere als „einfach“, „unstrittig“, „offensichtlich“ oder „trivial“ ist.
Auch hier sehe ich das Problem in der Tiefe, denn klar, sexuelle Belästigung und Gewalt ist böse, schlecht und muss unterbunden werden; ganz einfach also. Bei offensichtlichen Übergriffen ebenfalls einfach. Nur erkennt man schon hier im Thread, dass spätestens, wenn die individuellen Grenzen oder die Problematiken der „einfachen Problemlösung“ in Betracht gezogen werden, das Thema nicht mehr so einfach ist...)
Jup, nervig sind auch Tipps, für die das Sparring/Rollen/Konditionstraining/Drillen/... unterbrochen wird oder die von Personen kommen, die sich lediglich auf ihre physische Überlegenheit verlassen oder die die Technik nicht einmal im Ansatz verstanden haben. (Das spricht man dann an und die Sache ist Großteils erledigt; wenn man natürlich den Mund nicht aufbekommt, wird es auch nicht besser.)
Nervig ja, aber sexuell belästigend oder sexuelle Gewalt? Auch stellt sich mir die Frage, ob man wirklich direkt eine sexuelle Belästigung konstruieren muss, nur weil der Tipp evtl. geschlechterspezifisch ist oder sogar etwas mit den Genitalien zu tun hat. (Bevor hier wieder etwas hineininterpretiert wird: Bei der Armbar den Arm nicht über die Geschlechtsteile, sondern die Hüfte hebeln, dürfte ganz klar einer dieser Tipps sein oder sobald der Frau erklärt wird, wie sie sich gegen physisch stärkere Gegner doch noch die Armbar holt bzw. wenn ihr direkt bei der Technikerklärung eine „bessere“ Alternative mit auf den Weg gegeben wird.)
Das kenne ich ebenfalls in dieser Art. Auch mache ich mir über meine Tipps durchaus Gedanken, nur weiß ich nie, wie sie aufgefasst werden. Beispielsweise habe ich vor einer Weile ein Sparring geleitet und eine Trainingspartnerin, die zum Sparring aufgeschlagen ist, wollte unbedingt mit mir kämpfen, da ihr von Freundinnen geraten wurde, dass man wohl doch etwas von und mit mir lernen kann, ohne verletzt zu werden. Als dann nach der zweiten Runde der Tipp kam, dass sie (ca. 56kg, 1,65m) sich mehr bewegen soll und nicht einfach in meiner Schlagdistanz stehenbleiben und die Schläge ausschließlich blocken, ging auch wieder das Geschrei los, dass ich das nur sagen würde, weil sie eine Frau ist und sie damit offensichtlich Erfolg hat, da ich keine Wirkungstreffer erzielt hätte. Ich habe dann breit erklärt, dass ich diesen Tipp jedem Menschen mit ihren Voraussetzungen geben würde und ich auch keinen Sinn darin sehe, sie durch die Deckung auf die Bretter zu schicken. Nach der nächsten Runde wollte ich dann das Sparring abbrechen, da sie sich mMn genug austoben durfte und weder die (weiteren) Tipps noch die Gefahr für vollgenommen hat und ich sie nicht verletzen wollte. Sie hat dann so lange rumposaunt, dass ich es eh nicht schaffen würde - hätte man ja gesehen - und der Tipp vollkommen lächerlich (und übrigens total sexistisch und chauvinistisch) gewesen sei. (Das hat die Einheit ziemlich gestört, allerdings wollte ich sie noch nicht der Matte verweisen.) Als dann eine unserer guten Kämpferinnen ihr „zeigen“ wollte, wieso der Tipp seine Berechtigung hatte, habe ich es doch selbst übernommen, da ich mir dort wenigstens sicher sein konnte, dass die Situation nicht eskaliert. Welch Überraschung, der erste mittelharte Kick hat sie angeklingelt auf den Hintern befördert und als sie weitermachen wollte, gab es ein paar härtere Kopfhaken auf die Deckung, die doch ihre Wirkung gezeigt haben, wenn auch lange nicht im Bereich von Wirkungstreffern. Danach habe ich die Runde beendet und dachte, es sei verständlich gewesen und veranschaulicht geworden. Selbstverständlich sei ein Bisschen Wirkung durchgekommen, aber sie habe gezeigt, dass sie auch ‚harte‘ Aktionen so nehmen könne. In der nächsten Runde gab es einen -nicht mehr „zurückhaltenden“ - Leberhaken, der sie durch die Deckung in die Knie gezwungen hat.
Weshalb ich dieses Erlebnis teile: Man sollte aufhören, sämtliche Tipps oder Rücksichtnahme eines Mannes direkt auf sein Geschlecht zu beziehen oder sich direkt darüber aufzuregen. Derselbe Tipp gilt für mich, sobald ich es mit den großen Jungs zu tun habe und denselben Tipp gebe ich dem (männlichen) 48kg Kämpfer mit auf den Weg. Dass sie den Tipp als sexistisch und chauvinistisch betrachtet hat, weiß ich. Statt die Berechtigung des Tipps zu prüfen (oder wahrhaben zu wollen) bzw. den Tipp zu reflektieren, wurde sich lieber darin verbissen und ich bin mir sicher, dass auch die „Gleichberechtigung“ in ihren Augen mindestens so „sexistisch“ war, wie der Tipp. Genau dieses Handeln ist es, wieso der Aufschrei einer sexuellen Belästigung mittlerweile häufig derart belächelt wird - oder im Falle eines Mannes sogar direkt abgetan.
Bringt es relativ treffend auf den Punkt und solange (auch hier im Thread) dieses klassische Bild derart festgefahren ist, wie soll sich etwas ändern - insbesondere, wenn die Rollenverteilung derart klar zu sein scheint...
Kleine Männer gibt es nicht und die dürfen gar nicht ähnlicher Erfahrungen gesammelt haben wie kleine und zierliche Frauen :p. Sonst würden wir doch dieses wichtige Thema zerstören und zentrale Aussagen untergaben oder uns gar der Problematik stellen und Lösungen finden anstatt zu verurteilen :D.
Sie werden Dich doch wohl nicht in eine Opferrolle stecken oder Dir dahingehende Tipps geben :ups:... (Abgesehen davon kennt diese Situation wohl der Großteil der Sportler, denn auch mit 1,85m und 85kg ist die Chance sehr groß, dass noch ganz andere Kaliber im Pool schwimmen...)
So, jetzt zum hoffentlich produktiveren und konstruktiveren Teil:
Erst einmal erwarte ich nicht, dass sich jemand irgendeine Erfahrung, die er über fünf Ecken mitbekommen hat, aus den Fingern saugt und mMn kann wirklich jede Erfahrung helfen, sich der Problematik zu stellen - so auch Deine und ich danke Dir fürs Teilen. (Nur gerade die Trainer, für die die Angelegenheit derart einfach und klar zu sein scheint, sollten doch schnell darlegen können, wie sie es handhaben und sich ein paar Rückfragen stellen können, falls ich potentielle Probleme erkenne und berichten, wie sie die lösen.)
Über etwas Ähnliches hatte ich auch bereits nachgedacht. Dass man erfahrenere Leute zur Verfügung stellt, die man ansprechen kann, wenn man nicht will, dass der Trainer involviert wird oder die komplette Gruppe davon mitbekommt. Eine Art der Vertrauensperson. Im BJJ könnte man es der Einfachheit halber derartig halten, dass jeder höhere Gurt als Ansprechpartner dient, da diese genug Erfahrung haben und meist lang genug im Team sind, dann kann man sich die Person (aufgrund persönlicher Präferenzen) selbst aussuchen und ich würde hoffen, dass das Thema eher zur Sprache gebracht wird. Andererseits bedeuten höhere Gürtel noch nicht, dass die Person auch „verschwiegen“ ist oder sich überhaupt für das Thema interessiert - ein Großteil der Kämpfer, die keine Tipps geben, interessiert sich meiner Erfahrung nach übrigens schlicht und ergreifend nicht dafür, dass der Trainingspartner besser wird oder für den Menschen bzw. die Person, wenn der Pool an erfahreneren Partnern nur groß genug ist ;).
Bis jetzt habe ich es dahingehend gehandhabt, dass den Frauen neben einer sehr erfahreneren und „gerechten“ Trainerin noch eine im Verein sehr beliebte Wettkämpferin als Ansprechpartner zur Verfügung gestellt wurde; da ich natürlich nachvollziehen und verstehen kann, wenn man darüber lieber mit einer Frau spricht - was allerdings nichts mit den „Erfahrungen“ oder dem „Nachvollziehen-Können“ eines Mannes zu tun hat. Zur Sprache gebracht wurde allerdings nie wirklich etwas und meistens hat man die Situationen dadurch erkannt, dass etwas „nicht gestimmt“ hat oder kurz ein Ausraster durch die Halle ging - wobei das natürlich nie jemand als sexuelle Belästigung gewertet hätte :rolleyes: (und ich dazu sagen sollte, dass in diesen Situationen wirklich klar war, dass es unbeabsichtigt passiert ist; trotzdem wurde es wohl derart aufgefasst, sonst kann ich mir die Reaktion nicht erklären und man hätte es direkt aus der Welt schaffen können/müssen)... Sämtliche Konversation habe, werde und würde ich allerdings auch nie unterbinden. Abgesehen davon finde ich es teilweise auch lächerlich, sich in Situationen oder Gespräche regelrecht zu drängen, nur um sich dann „belästigt“ zu fühlen. Wenn beispielsweise nach dem Training ein Trainingspartner einer Trainingspartnerin erklärt, wie sie sich „bei einer Vergewaltigung“ wehren kann, sehe zumindest ich keinen Grund, warum sich die außenstehende und nicht ins Gespräch oder Szenario involvierte Person „sexuell belästigt“ fühlen sollte und mir wurde im Rahmen einer Vorlesung einst ein interessanter Gedanke mit auf den Weg gegeben - von einer Dame und nur am Rande auch nicht aufs Geschlecht bezogen, um derartige (Miss-)Interpretationen direkt zu unterbinden: Sexuelle Belästigung ist es lediglich, wenn sie vom falschen und unerwünschten Partner ausgeht, denn dieselbe Aktion ist von anderen Personen regelrecht erbeten und erwünscht, es liegt immer an der individuellen Wertung und weder kann eine außenstehende Person erkennen oder vorhersagen, wie diese Wertung ausfällt noch gibt es eine objektive Skala. Während ein Klaps auf den Hintern von Kollege A als sexuelle Belästigung gewertet wird, mag analoges Handeln des Kollegen B als Kompliment und Beginn einer intimeren Beziehung gewertet werden. Jede Annäherung stellt erst einmal eine sexuelle Belästigung dar und man kann erst nachdem sie vollendet wurde sagen, ob die Belästigung dahingehend gewertet oder sogar erwünscht und toleriert wurde. Als Außenstehender sollte man deshalb mit Schlüssen oder dem Anlegen des eigenen Maßsstabs sehr vorsichtig umgehen (/e: sowohl eine pauschalen Verurteilung als auch ein Herunterspielen betreffend), denn es gibt nicht "die sexuelle Belästigung" (/e: es ist eher ein Konsens, auf den man sich geeinigt hat, der selten absolute und klare Grenzen setzt und von jeder Person noch einmal individuell abgewandelt wird). Unsere Aufgabe ist es, die andere Person nicht zu bedrängen und ihr genug Zeit zu geben, die sexuelle Belästigung im Keim zu ersticken oder zu signalisieren, dass sie an derartigem Handeln nicht interessiert ist und doch sollte man im Großteil der Fälle die Situation nicht künstlich aufbauschen oder breittreten, da die andere Person nicht wissen kann, was in einem vorgeht, solange man es nicht signalisiert oder sagt und nicht hinter jedem Spruch oder sogar einer zufälligen unbeabsichtigten Berührung steckt ein böser Wille. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, um sexuelle Belästigung und Missinterpretationen gänzlich zu vermeiden: absolute Isolation oder Suizid.
/e:
Ja, das ist wirklich eine Schwäche und ich habe noch nicht den Nerv die Texte mehr als einmal Korrektur zu lesen - auf dem Tablet kann ich leider die Länge erst abschätzen, wenn ich gepostet habe. Im Moment fehlt mir allerdings auch die Zeit, mehrere kurze Texte zu verfassen, weshalb es sich häufig über ein Weilchen ansammelt.
LG
Vom Tablet gesendet.

