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Thema: Wie viel Philosophie steckt in eurer Kunst?

  1. #31
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    Zitat Zitat von Björn Friedrich Beitrag anzeigen

    Stille ist für mich das nach innen gehen. Die pure Wahrnehmung. Keine Wut, keine Aggression, keine Angst, einfach nur DASEIN.

    Und wenn dieses DASEIN ungetrübt existiert, löst es jede Aggression auf. Ich meine damit nicht das keine Verletzungen oder keine körperliche Gewalt passiert, aber die Aktion aus der Stille heraus ist rein, ohne Emotion, einfach nur ein Spiegel der Energie die da auf einen zukommt.

  2. #32
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    Erstmal wundert mich, dass immer noch recht viele Leute Budo betreiben, obwohl es dem Zeitgeist völlig zuwiderläuft, um nur mal strenge Hierarchie und an die Grenzen gehen angeht, zu nennen.

    Dazu ist es ein hervorragendes Ganzköpertraining.

    Fuer mich ist Karate ein lebenslanges Feilen und Perfektionieren seiner Techniken und Körperbeherrschung. Das erfordert Disziplin, Zähigkeit und zeitweilig Leidensfähigkeit.

    Kann einem im RL sicher nicht schaden.
    „Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht.“ (Erich Kästner)

  3. #33
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    Zitat Zitat von Schlaffi Beitrag anzeigen
    strenge Hierarchie
    an die Grenzen gehen
    hervorragendes Ganzkörpertraining.

    lebenslanges Feilen und Perfektionieren seiner Techniken und Körperbeherrschung.
    Unterschreibe ich so.

    Insgesamt habe ich den Eindruck, über die Jahre immer neue Phasen zu durchlaufen, in denen ich in/mit meinem Karate jeweils unterschiedliche Themen, physische wie psychische, ... bearbeite.

    Banales wie "im richtigen Moment die Klappe halten können/lernen", aber auch richtig komplexe Sachen.

  4. #34
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    Zitat Zitat von Schlaffi Beitrag anzeigen
    ... strenge Hierarchie ...

    Muss denn eine philosophie, welche solches befürwortet oder als notwendig voraussetzt, (mittlerweile) nicht als bedenklich und somit kritisch gesehen werden?

    Grüsse

  5. #35
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    Zitat Zitat von zocker Beitrag anzeigen
    Muss denn eine philosophie, welche solches befürwortet oder als notwendig voraussetzt, (mittlerweile) nicht als bedenklich und somit kritisch gesehen werden?
    Ausser wenn man als postmoderner Theoretiker unterwegs ist, ist doch gegen Hierarchien nichts einzuwenden. Auch nicht gegen strenge / klare / klar bezeichnete Hierarchien.

    Da Menschen ja auch innerhalb strenger Hierarchien fair, freundlich, fleissig, hilfsbereit, lerneifrig etc. sein können.

    Ein Problem wird's dann, wenn Guru-ismus dazu kommt, wenn zB ein kleiner Schüler dem hohen Lehrer keine Frage stellen darf à la "wie ist das jetzt genau mit dieser Technik?", oder wenn ein kleiner Schüler nie einen hohen Lehrer besiegen darf im Rahmen einer Übung oder eines Sparrings. dann wird es ungesund. Doch wie wir aus George Orwells "Animal Farm" gelernt haben, schützt auch die Abwesenheit formaler Hierarchien nicht davor. "Alle Tiere sind gleich, aber die Schweine sind gleicher als die andern."

  6. #36
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    Zitat Zitat von zocker Beitrag anzeigen
    welchen zeitraum meinst du mit "damals"?
    grüsse
    War absichtlich in Anführungsstriche gesetzt, weil ich mir die Frage nach "damals" beim Schreiben selbst nicht beantworten konnte - habe gehofft, dass durch die Antworten vielleicht die Unterschiede zu verschiedenen "damals" hervortreten.

  7. #37
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    Zitat Zitat von discipula Beitrag anzeigen
    ... , ist doch gegen Hierarchien nichts einzuwenden. Auch nicht gegen strenge / klare / klar bezeichnete Hierarchien.

    Da Menschen ja auch innerhalb strenger Hierarchien fair, freundlich, fleissig, hilfsbereit, lerneifrig etc. sein können.

    Ein Problem wird's dann, wenn Guru-ismus dazu kommt, ...

    es gibt doch aber auch die themen militarismus, totalitarismus, diktatur, welche alle mit strengen hierarchien zusammenhängen und m.w. die theorie dazu, dass man daher das entstehen strenger hierarchien verhindern bzw. jedenfalls nicht fördern soll nach dem motto "wehret den anfängen".


    grüsse

  8. #38
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    Ich bin für Hierarchien. Für klare Aufgabenverteilung.

    Ich finde, das ist immernoch sehr modern und in Mode.

    Unsere Zivilisation funktioniert nur wegen Spezialisierung, diese ist unbedingt notwendig und eine grosse Leistung unserer Kultur.

    Und wo eine Spezialisierung ist, müssen die Aufgaben verteilt werden.

  9. #39
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    Zitat Zitat von discipula Beitrag anzeigen
    Ausser wenn man als postmoderner Theoretiker unterwegs ist, ist doch gegen Hierarchien nichts einzuwenden. Auch nicht gegen strenge / klare / klar bezeichnete Hierarchien.

    Da Menschen ja auch innerhalb strenger Hierarchien fair, freundlich, fleissig, hilfsbereit, lerneifrig etc. sein können.

    Ein Problem wird's dann, wenn Guru-ismus dazu kommt, wenn zB ein kleiner Schüler dem hohen Lehrer keine Frage stellen darf à la "wie ist das jetzt genau mit dieser Technik?", oder wenn ein kleiner Schüler nie einen hohen Lehrer besiegen darf im Rahmen einer Übung oder eines Sparrings. dann wird es ungesund. Doch wie wir aus George Orwells "Animal Farm" gelernt haben, schützt auch die Abwesenheit formaler Hierarchien nicht davor. "Alle Tiere sind gleich, aber die Schweine sind gleicher als die andern."
    Für mich bedingt Hierarchie Macht (und anders herum), und solange in der Hierarchie keine Korrekturmechanismen eingebaut sind, ist sie in meinen Augen potentiell gefährlich - ein nützliches, aber gefährliches Werkzeug.
    In "Animal Farm" war es zwar nicht formal, aber es gab auch dort das Macht- und Hierarchiegefälle, daher würde ich schon was gegen Hierarchien einzuwenden haben. Und das sage ich, obwohl ich kein "porstmoderner Theoretiker" bin. Was bedeutet der Ausdruck eigentlich?

  10. #40
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    Zitat Zitat von Lugasch Beitrag anzeigen
    Für mich bedingt Hierarchie Macht (und anders herum), und solange in der Hierarchie keine Korrekturmechanismen eingebaut sind,
    Es darf keine Rechte ohne Pflichten geben. In der Kampfkunst zm Beispiel, dass ein hoch Graduierter auch im Verhalten ein Vorbild sein muss, und Abweichungen vom korrekten Verhalten bei einem hoch Graduierten schwerer wiegen als bei einem Anfänger.

    und "skin in the game" ist auch relevant; also dass jener, der Entscheidungen trifft, von den Entscheidungen auch selbst betroffen ist und somit ein Interesse daran hat, möglichst gute Entscheidungen zu treffen.


    obwohl ich kein "porstmoderner Theoretiker" bin. Was bedeutet der Ausdruck eigentlich?
    Postmoderne würde ich zusammenfassen als "maximales Schwurbeln, minimaler Inhalt", aber falls du dir den Wikiartikel antun willst, bitte sehr:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne

    Eine Kernidee der Postmoderne ist, dass man nicht sagen kann: "jenes ist gut, dieses ist schlecht"; dass man nicht bewerten darf und kann. Eine Idee, der ich entschieden widerspreche.

  11. #41
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    Lugasch (und discipula): "Postmoderne Theoretiker" sind ein Paradoxon und nicht mehr als eine epochale Typenbezeichnung. Im Grunde ist jeder Mensch, der heute lebt und eine Theorie aufstellt, ein postmoderner Theoretiker.
    Das Präfix "Post-" ist aktuell höchst modern und gebräuchlich. Momentan ist irgendwie alles "post" - das Präfix bedeutet übrigens, dass etwas "nach" etwas Anderem ist. Meistens zeitlich danach, aber nicht nur.

    In die Kategorie "Bekannte postmoderne Theoretiker" fallen so ziemlich alle bekannten Philosophen, Soziologen, Anthropologen der westlichen Welt, die in den letzten 50-70 Jahren bekannte Bücher geschrieben haben.

    Ein gewisser Hang zum Relativismus ist dabei schon erkennbar - den ich übrigens wichtig finde. Dabei die Frage an:
    @Discipula: Was hast du gegen den Relativismus? Würdest du nicht behaupten, dass die Welt - wie wir sie wahrnehmen - ein subjektives Konglomerat aus unserer Perspektive und der jeweiligen Interpretation unserer Situation ist? Dass jeder von uns die Welt aus eigenen Augen sieht und anders bewertet?


    Zum eigentlichen Thema Philosophie:
    Je mehr man sich mit der Philosophie befasst, desto weniger weiß man was das eigentlich ist. Die Liebe zur Weisheit ist eine Übersetzung; die Fähigkeit das Erkennen zu erkennen ist ein Teil; die Überlegung über das Richtige, Gute und Wahre ist ein anderer Teil. Die Logik ist ein Grenzfall; die Sprache ein Kernelement. Im Kampfsport kommt alles zusammen, sogar die Logik (selbst im Zweikampf laufen implizite logisch-mathematische Operationen automatisiert ab und berechnen in kürzester Zeit Distanz, Geschwindigkeit und voraussichtliche "Bahn" des angreifenden Objekts; wenngleich die Rechnungen mehr als automatisiertes Abrufen von Aktions-Reaktions-Muster, gepaart mit der Einschätzung basierend auf bekannten Bewegungen aus dem Training, beschrieben werden könnten) und die Sprache (japanisch, chinesisch, deutsch, englisch, russisch, Körpersprache, Symbolsprache, etc.).

    Was an einer fremden Lebensart oder Einstellung, die wir übernehmen, nun die Philosophie ist und was einfach nur unser Leben ist... wer vermag diese Grenze zu ziehen? Philosophie ist ein schwaches Hilfswort um diese Phänomene beschreiben zu können. Wir verändern uns ständig. Und wenn wir unseren Körper und unseren Geist trainieren, dann verständern wir sie (hoffentlich) in eine Richtung, die wir für erstrebenswert halten.

  12. #42
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    Zitat Zitat von Hu Quan Beitrag anzeigen
    Ein gewisser Hang zum Relativismus ist dabei schon erkennbar - den ich übrigens wichtig finde. Dabei die Frage an:
    @Discipula: Was hast du gegen den Relativismus? Würdest du nicht behaupten, dass die Welt - wie wir sie wahrnehmen - ein subjektives Konglomerat aus unserer Perspektive und der jeweiligen Interpretation unserer Situation ist? Dass jeder von uns die Welt aus eigenen Augen sieht und anders bewertet?
    Ich habe dann etwas dagegen, wenn behauptet wird, dass man aufgrund dieser durchaus existierenden Unterschiede sich gar nicht sinnvoll unterhalten könnte, dass man keinen gemeinsamen Boden finden könnte, dass "alles irgendwie richtig ist".

    Ich finde eben nicht, alles sei richtig. Ich finde eine Weltanschauung, die auf den Werten der Aufklärung und dem Humanismus beruht, besser und wertiger als eine Weltanschauung, die auf Rassismus beruht. zum Beispiel.

    Oder, auf einer simpleren Ebene: Man kann in der Kampfkunst sehr wohl sinnvoll beurteilen, was eine gut ausgeführte Technik ist, und was eine schlecht ausgeführte Technik. Experten in einer bestimmten Kunst werden alle auf sehr ähnliche Ergebnisse kommen, wenn sie eine Aktion beurteilen, weil sie nämlich viel Zeit und Mühe damit verbracht haben, die individuellen Erlebnisse, Beobachtungen und Reflexionen aufeinander abzustimmen und so einen tragfähigen gemeinsamen Boden zu schaffen.


    Was an einer fremden Lebensart oder Einstellung, die wir übernehmen, nun die Philosophie ist und was einfach nur unser Leben ist... wer vermag diese Grenze zu ziehen?
    muss man ja nicht. Es darf durchaus Verschwommenheit geben.


    Wir verändern uns ständig. Und wenn wir unseren Körper und unseren Geist trainieren, dann verständern wir sie (hoffentlich) in eine Richtung, die wir für erstrebenswert halten.
    ... wofür ein Werturteil erforderlich ist, was denn erstrebenswert sei und warum.

    Auch hier kommen Leute meist auf ähnliche Ergebnisse - es finden die meisten erstrebenswerter, fit zu sein, als nicht fit zu sein. Sogar ausgesprochene Couch Potatoes würden dem wohl zustimmen.

  13. #43
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    Zitat Zitat von discipula Beitrag anzeigen
    Ich habe dann etwas dagegen, wenn behauptet wird, dass man aufgrund dieser durchaus existierenden Unterschiede sich gar nicht sinnvoll unterhalten könnte, dass man keinen gemeinsamen Boden finden könnte, dass "alles irgendwie richtig ist".
    Und wer behauptet das? Der Relativismus nicht. Nur eine radikale Form des Relativismus, der schon eher ein Solipsismus ist. Kaum einer vertritt eine derart sophistische Grundhaltung. Selbst von Glasersfeld betonte, dass sein RADIKALER Konstruktivismus keinesfalls ein Solipsismus sei. Außerdem ist dort die Sprache überaus wichtig, denn sie prägt das Weltbild. Einen gemeinsamen Boden findet man also schon alleine in der gemeinsamen Sprache.
    Nicht einmal Paul Feyerabend postulierte ein "alles ist richtig". Mit "Anything Goes" tritt er zwar radikal auf, war aber weit davon entfernt zu behaupten, dass "alles richtig" sei...

    Zitat Zitat von discipula Beitrag anzeigen
    Ich finde eben nicht, alles sei richtig. Ich finde eine Weltanschauung, die auf den Werten der Aufklärung und dem Humanismus beruht, besser und wertiger als eine Weltanschauung, die auf Rassismus beruht. zum Beispiel.
    Zum ersten Satz: Siehe oben.
    Zum zweiten Satz: Das ist eine subjektive Einstellung und wird nicht zwangsläufig von Anderen geteilt. Das ist schon eher Relativismus. Eine gemeinsame Basis stellt die Sprache dar. Wir glauben zu wissen was die jeweils andere Person meint, wenn sie von Weltanschauungen spricht, von Humanismus, von Rassismus, von Werten. Und doch gibt es zahllose Beispiele in der Menschheitsgeschichte, in der ganze Völker den Humanismus verachteten und deren Werte an Abgrenzung, Eroberung, Unterdrückung orientierten. Die meisten großen Reiche der Geschichte basierten auf der grundlegenden Ansicht, dass bestimmte Menschen weniger wert sind als andere. Und glaubst du ein Reich kann 1000 Jahre bestehen, wenn die Bevölkerung eine radikal andere Sichtweise hat? Ein überzeugter Römer würde also meinen, dass seine Weltanschauung deutlich besser ist, als eine humanistische Weltsicht es je sein könnte. Du behauptest das Gegenteil. Wer entscheidet nun was "wirklich besser" ist? Doch wohl nur jeder für sich, oder? Willkommen im Relativismus.

    Zitat Zitat von discipula Beitrag anzeigen
    Oder, auf einer simpleren Ebene: Man kann in der Kampfkunst sehr wohl sinnvoll beurteilen, was eine gut ausgeführte Technik ist, und was eine schlecht ausgeführte Technik. Experten in einer bestimmten Kunst werden alle auf sehr ähnliche Ergebnisse kommen, wenn sie eine Aktion beurteilen, weil sie nämlich viel Zeit und Mühe damit verbracht haben, die individuellen Erlebnisse, Beobachtungen und Reflexionen aufeinander abzustimmen und so einen tragfähigen gemeinsamen Boden zu schaffen.
    Hier verschwimmt die Unterscheidung zwischen Theorie, Praxis bzw. Weltanschauung und Lebenswelt. Eine ausgeführte Technik im Kampfsport ist in der Regel eine empirische Erfahrung, keine theoretische. Wir kommen also im Grunde nur mit unseren Sinnen an diese Erfahrung heran. Wir spüren die Faust (sowohl als Treffender, als auch als Getroffener), wir sehen die Bewegung, wir riechen oder schmecken etwaige Auswirkungen, wir spüren den Schmerz. Jeder nimmt nun die Technik mit seinen jeweiligen Sinnen wahr, oder? Die Wahrnehmung eines Fauststoßes ist von der Perspektive abhängig. Wenn du jemals in einem Wettkampf warst (oder zugesehen hast), wird dir aufgefallen sein, dass Schiedsrichter manche Techniken übersehen, während andere gewertet werden, die wir (aus unserer anderen Perspektive) vermutlich nicht gewertet hätten.
    Aber du schreibst gewiss nicht über die Feinheiten der Perspektive. Dir geht es um grundlegende Gemeinsamkeiten. Also gehen wir einen Schritt weiter. Wir beide nehmen einen Fauststoß wahr. Meinetwegen du als Angreiferin und ich als Getroffener. Nun würdest du (mit all deinem Wissen, deinen Erfahrungen, deinen Gefühlen und Wahrnehmungen) behaupten, dass du eine gute Technik ausgeführt hast. Ich würde möglicherweise widersprechen, weil meine Erfahrungen mich gelehrt haben, dass es wesentlich effektivere Techniken gibt.
    Wenn du mich hingegen kaum berührst, weil du zu weit weg stehst, dann würden wir wohl beide finden, dass die Technik nicht sonderlich effektiv war. Das bedeutet aber nicht, dass wir automatisch eine ineffektive Technik sahen. Ein Capoeira-Kämpfer würde vielleicht meinen, dass sie effektiv war; ein Schauspieler würde vielleicht meinen, dass sie effektiv war (im Sinne von überzeugend gespielt). Wir hätten unterschiedliche Definitionen des Wortes effektiv, aber daran sehen wir wieder nur, dass die gemeinsame Basis (Sprache) doch nicht so universell ist, nicht wahr?
    Wir können auch nicht alles so genau definieren, bis es nicht mehr weiter geht. Dafür ist die Sprache zu ungenau. Nimm einen Apfel. Zwei Äpfel können total unterschiedlich sein. Nimm Adjektive dazu. Roter, runder, saftiger Apfel. Auch die können total unterschiedlich sein. Egal wie genau du versuchst den Apfel zu beschreiben... es wird dir nicht gelingen ihn von einem anderen Apfel zu unterscheiden, der dieselben Adjektive aufweist und dennoch ein anderer Apfel ist. Und in der Lebenswelt sagen wir meist eh nur "Apfel".
    Einem Teilsatz stimme ich zu: "Experten werden zu ähnlichen Ansichten kommen". Aber genau da bringst du den Relativismus herein. Denn "unrelativistisch" formuliert müsste es heißen: Experten kämen zur selben Ansicht.
    Somit: Erneut willkommen im Relativismus. Keine Technik ist universell schlecht.

    Zitat Zitat von discipula Beitrag anzeigen
    Auch hier kommen Leute meist auf ähnliche Ergebnisse - es finden die meisten erstrebenswerter, fit zu sein, als nicht fit zu sein. Sogar ausgesprochene Couch Potatoes würden dem wohl zustimmen.
    Sinngemäß gilt dasselbe wie oben.
    Es gibt einige Dinge, die von den meisten Menschen geteilt werden. Beispielsweise "Symmetrien sind schön". Fit zu sein gehört jedoch nicht dazu. Breitensport ist eine Erfindung der Neuzeit. Früher gab es andere Ideale, die nichts mit dem Sport zu tun hatten. Ein "Couch-Potato" zu sein, galt auch einst als erstrebenswert. (Damit ist gemeint sich zurücklehnen zu können und essen zu können so viel man will.)

    Die Frage ist nun: Selbst bei den Dingen, die viele Menschen gemeinsam haben... ist das nun eine absolute Größe? Oder nicht doch eher eine relative? Wer entscheidet das? Derjenige, der diese Gemeinsamkeiten feststellt (wir beide gerade). Es sind unsere subjektiven Ansichten, dass es so ist und nicht anders. Ein tatarischer Bauer würde dieselben Beobachtungen und Wahrnehmungen möglicherweise gänzlich anders interpretieren und alles, was wir hier schreiben, für völligen Schwachsinn halten. Und auch das ist eine Sichtweise, die vollkommen legitim ist. Oder würdest du meinen, dass der Bauer kein Recht hat sich über intellektuelle Ergüsse zu mokieren? Ich denke wohl nicht.

    Abschließend: Willkommen im Relativismus.

    PS: Komm mir bitte nicht mit dem Selbstanwendungsproblem des Relativismus. Ja, ich weiß... Wenn alles relativ ist, dann ist es der Relativismus auch. Natürlich kann man auch einen Absolutismus vertreten. Aber ist es sinnvoll? Das entscheidet doch wiederum jeder für sich. Wie man es dreht und wendet... man kommt kaum am Relativismus vorbei.


    Zum Thema noch: Bruce Lee vertrat eine Art Relativismus des Kampfsports. Mache das, was effektiv ist. Passe dich dem Gegner an und nutze deine eigenen körperlichen Vorteile. Das bedeutet, dass Kampfsport für jede Person anders "richtig" ist.

  14. #44
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    Zitat Zitat von Hu Quan Beitrag anzeigen
    Lugasch (und discipula): "Postmoderne Theoretiker" sind ein Paradoxon und nicht mehr als eine epochale Typenbezeichnung. Im Grunde ist jeder Mensch, der heute lebt und eine Theorie aufstellt, ein postmoderner Theoretiker.
    Das Präfix "Post-" ist aktuell höchst modern und gebräuchlich. Momentan ist irgendwie alles "post" - das Präfix bedeutet übrigens, dass etwas "nach" etwas Anderem ist. Meistens zeitlich danach, aber nicht nur.
    Hallo Hu Quan,
    danke für die Erklärung, auch wenn meine Frage eher dahin gehend gemeint war, dass ich es öfters als unangenehm empfinde, wenn jemand seine Meinung aufschreibt (sein gutes Recht) und andere Meinungen (sehr oft unbewusst) mit einem "außer..." oder "jeder der bei Verstand ist..." u.ä. für ungültig erklärt. In dem Fall hat mich das "...außer man ist ein postmoderner Theoretiker..." gestört, zudem ich den Begriff einfach für nicht greifbar/auflösbar halte.
    Wenn ich länger darüber nachdenke, und alles im Wortsinn (modern = gegenwärtig) übersetze, würde ich sogar behaupten, dass niemand ein postmoderner Theoretiker sein kann, denn wir leben durch die Signal- und Verarbeitungsgeschwindigkeit des Nervensystems immer ein Paar Milisekunden in der Vergangenheit. Unsere Zukunftsvorstellungen können den Verzug manchmal ausgleichen, sind aber eher abstrakt und ungefähr - sprich: wir können das echte "Jetzt" weder zeitlich noch im gesamten Informationsumfang erfassen, womit wir im engeren Sinne nicht in der Lage sind hinter die Moderne zu kommen.

    P.S.: Deine Apfelvergleiche finde ich richtig gut

  15. #45
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    Zitat Zitat von Hu Quan Beitrag anzeigen
    Und wer behauptet das? Der Relativismus nicht. Nur eine radikale Form des Relativismus, ....
    Dass (offizielle) Hierarchien so gar nicht gehen, und dass man nicht sagen kann "Haltung A ist besser als Haltung B" und ähnliches war zumindest in den letzten Jahren im Soz-Päd-Bereich doch sehr ausgeprägt. Es haben halt nicht all die intellektuelle Kapazität der grossen Vordenker, sondern da wird munter runtergebrochen und vereinfacht.

    Zum zweiten Satz: Das ist eine subjektive Einstellung und wird nicht zwangsläufig von Anderen geteilt.
    Nur weil etwas nicht von allen geteilt wird, heisst das dennoch nicht, dass Leute mit Expertenstatus nicht beurteilen können, was stimmt und was nicht.

    Mathematische Beweise müssen auch subjektiv verstanden und gefunden oder nachvollzogen werden. Aber nur weil's Leute gibt, die das nicht können oder nicht wollen, heisst das nicht, dass ein Beweis falsch ist. Der Beweis ist korrekt, er wird halt nur nicht von allen verstanden; und das Verstehen des Beweises ist eine höhere intellektuelle Leistung als das nicht-Verstehen oder falsch-verstehen.


    Wir glauben zu wissen was die jeweils andere Person meint, wenn sie von Weltanschauungen spricht, von Humanismus, von Rassismus, von Werten. Und doch gibt es zahllose Beispiele in der Menschheitsgeschichte, in der ganze Völker den Humanismus verachteten und deren Werte an Abgrenzung, Eroberung, Unterdrückung orientierten.
    so ungefähr - als Bedeutngsfeld mit unscharfen Rändern - weiss ich tatsächlich, was die Leute meinen, wenn sie von Humanismus oder Rassismus oder Werten sprechen.

    Es kann durchaus einer verstehen, was Humanismus ist, und das trotzdem ablehnen. Und es kann durchaus vorkommen, dass einer die höheren, edleren menschlichen Regungen bloss für die eigene Familie reserviert und nur diese Leute als "Menschen" betrachtet, und aller andern nicht.

    glaubst du ein Reich kann 1000 Jahre bestehen, wenn die Bevölkerung eine radikal andere Sichtweise hat? Ein überzeugter Römer würde also meinen, dass seine Weltanschauung deutlich besser ist, als eine humanistische Weltsicht es je sein könnte.
    So verschieden sind wir da nicht. Unser Denken ist nach wie vor stark von Rom geprägt, zB das Konzept des "Bürgers", das das Stammesdenken überschreitet.


    Du behauptest das Gegenteil. Wer entscheidet nun was "wirklich besser" ist? Doch wohl nur jeder für sich, oder?
    nein, man kann das anhand der Wirkungen auf die Welt entscheiden (zB ob ein Faustschlag zum KO führt oder nicht, ob sich der Schlagende selbst verletzt durch schlechte Technik oder nicht...). Das ist weder beliebig noch willkürlich. Das kann man anhand benennbarer Kriterien beurteilen.


    Nun würdest du (mit all deinem Wissen, deinen Erfahrungen, deinen Gefühlen und Wahrnehmungen) behaupten, dass du eine gute Technik ausgeführt hast. Ich würde möglicherweise widersprechen, weil meine Erfahrungen mich gelehrt haben, dass es wesentlich effektivere Techniken gibt.
    Wenn du mit blutender Nase am Boden liegst, wär's mir wurst, dass ich noch effektiver wäre, wenn ich dir mit dem Schwert den Kopf abgehauen hätte. Ich hab mein Ziel ja erreicht.

    Die Frage "ist A wirksam im Sinne eines im Voraus definierten Ziels?" ist eine andere Frage als "ist B wirksamer als A?"


    Wir hätten unterschiedliche Definitionen des Wortes effektiv, aber daran sehen wir wieder nur, dass die gemeinsame Basis (Sprache) doch nicht so universell ist, nicht wahr?
    man muss halt reden miteinander, dann kommt man auch in Übereinstimmung. Wenn man eine solche sucht und wünscht.


    Einem Teilsatz stimme ich zu: "Experten werden zu ähnlichen Ansichten kommen". Aber genau da bringst du den Relativismus herein. Denn "unrelativistisch" formuliert müsste es heißen: Experten kämen zur selben Ansicht.
    Das Leben ist immer etwas schwummerig und hat nicht die mathematische Präzision und Klarheit, die so viele lieben gelernt haben in unserer Welt.


    Fit zu sein gehört jedoch nicht dazu. Breitensport ist eine Erfindung der Neuzeit.
    Wenn ich alte Darstellungen von Jesus anschaue, fällt doch auf, wie oft er als ausgesprochen schöner - muskulöser, sportlicher - Mann er dargestellt wird. Auch auf Bildern, die längst vor dem Breitensport entstanden waren.


    Die Frage ist nun: Selbst bei den Dingen, die viele Menschen gemeinsam haben... ist das nun eine absolute Größe?
    Die Menschenwürde ist eine absolute Grösse, ja.

    Wer entscheidet das?
    jene, die sich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, dass sie es vollständig verstehen.


    Und auch das ist eine Sichtweise, die vollkommen legitim ist. Oder würdest du meinen, dass der Bauer kein Recht hat sich über intellektuelle Ergüsse zu mokieren?

    Natürlich darf er das, aber er muss nicht erwarten, dass ich ihm zustimme oder seinen Spott für wahr halte. Kommt halt darauf an, wie er sich mokiert. Womöglich hat er auch recht. Muss man von Fall zu Fall schauen.

    Natürlich kann man auch einen Absolutismus vertreten. Aber ist es sinnvoll?
    ja, ich halte es für sinnvoll, die Menschenwürde absolut zu setzen. Das ist die Grundlage unserer Zivilisation. Wenn wir das nicht haben, gnade uns Gott



    Zum Thema noch: Bruce Lee vertrat eine Art Relativismus des Kampfsports. Mache das, was effektiv ist. Passe dich dem Gegner an und nutze deine eigenen körperlichen Vorteile. Das bedeutet, dass Kampfsport für jede Person anders "richtig" ist.
    Das, was effektiv ist, wird durchaus anhand objektiver Kriterien gemessen. Eben zB ob nachher der Gegner mit blutender Nase am Boden liegt, oder doch nicht. für zwei genau gleiche Personen (die es nicht gibt, nicht mal eineiige Zwillinge) wäre aber genau dieselben Techniken geeignet.

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