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Thema: Libet-Experimente

  1. #46
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    Physikalisch gesehen ist der freie Wille (wenn es ihn gibt) so etwas wie ein im Gehirn eingebauter Zufallsgenerator. Hätte der freie Wille keine Zufallskomponente, wäre er deterministisch und somit berechenbar durch ein allwissendes Wesen (wenn es das gibt). Inwieweit die Diskussion um den freien Willen ursprünglich eher ein Problem der Theologie oder der Philosophie war, weiß ich nicht. Sicherlich hat die Frage in der Theologie eine wichtige Rolle gespielt, vor allem seit der Reformationszeit. Da war die Frage, ob der Mensch durch Gott zum ewigen Heil oder zum ewigen Verderben bestimmt ist oder ob die Frage (auch für Gott) bis zuletzt offen bleiben muss, weil das Leben des Menschen den entscheidenden Ausschlag gibt; im ersten Fall hat man Prädestination, im zweiten Fall den freien Willen.

    Da frage ich mich, welche Sichtweise attraktiver ist (wenn ich schon zu keiner sicheren Erkenntnis in dieser Sache kommen kann). Wenn ich einen freien Willen habe, ist mein Handeln von der unberechenbaren „Entscheidung“ des Zufallsgenerators abhängig. Wenn nicht, hängt mein Handeln von anderen Bedingungen ab, die ich ebenso wenig beeinflussen kann. Letztlich ist der freie Wille immer von Bedingungen abhängig und nicht von „mir“. Und was soll das „Ich“ überhaupt sein? Ist das nicht bloß ein Konstrukt, eine Momentaufnahme des Zusammenwirkens relativ unabhängiger geistiger (Gehirn-) Prozesse?

    Diese Position (der freie Wille als Zufallsgenerator) vertritt zumindest Frank J. Tipler in “Die Physik der Unsterblichkeit: Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten”. Sie ist (wenn ich mich recht erinnere) radikal reduktionistisch und konstruktivistisch, eine Position, die auf den Erkenntnissen der Physik als Naturwissenschaft basiert und nichts annimmt, das darüber hinaus geht, also kein Wirken eines Weltgeistes, kein Jenseits usw.

    Wozu stellt man heute überhaupt noch die Frage danach, ob es einen freien Willen gibt? Hat das irgendeine Relevanz? Ich meine, theologisch ist sie schon kritisch: der Gläubige fühlt sich sicherlich nicht unbedingt recht wohl bei der Vorstellung, dass er selbst an seinem ewigen Schicksal (Himmel oder Hölle) nichts tun kann, weil alles von Ewigkeit her von Gott vorherbestimmt ist. Aber wie sieht es unabhängig davon aus?

  2. #47
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    Zitat Zitat von Gawan Beitrag anzeigen
    Wozu stellt man heute überhaupt noch die Frage danach, ob es einen freien Willen gibt? Hat das irgendeine Relevanz? [...]
    Moin,

    abgesehen davon, dass die Frage m.E. in sich schon interessant ist:
    Man müsste, wenn man den freien Willen verneint, gewisse Dinge wie z.B. das aktuelle Strafrecht deutlich auf den Prüfstand stellen.

    Grüße

    Münsterländer
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  3. #48
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    Zitat Zitat von Gawan Beitrag anzeigen
    Physikalisch gesehen ist der freie Wille (wenn es ihn gibt) so etwas wie ein im Gehirn eingebauter Zufallsgenerator.
    Das mag die Position des Herrn Tipler sein, ist aber keine der Positionen, wie sie meines Wissens nach aktuell unter Willensfreiheit verhandelt werden. Die Willensfreiheit-Frage hebt gezielt darauf ab, ob und wie es denkbar ist, dass der Mensch Verursacher seines Handelns sein kann.

    Zitat Zitat von Gawan Beitrag anzeigen
    Hätte der freie Wille keine Zufallskomponente, wäre er deterministisch und somit berechenbar durch ein allwissendes Wesen (wenn es das gibt). Inwieweit die Diskussion um den freien Willen ursprünglich eher ein Problem der Theologie oder der Philosophie war, weiß ich nicht. Sicherlich hat die Frage in der Theologie eine wichtige Rolle gespielt, vor allem seit der Reformationszeit. Da war die Frage, ob der Mensch durch Gott zum ewigen Heil oder zum ewigen Verderben bestimmt ist oder ob die Frage (auch für Gott) bis zuletzt offen bleiben muss, weil das Leben des Menschen den entscheidenden Ausschlag gibt; im ersten Fall hat man Prädestination, im zweiten Fall den freien Willen.
    Diese Problematik wird wie schon erwähnt unter dem Aspekt der Allwissenheit Gottes und wie diese mit einem freien Willen vereinbar ist untersucht. Kurz gesagt, wie kann meine Entscheidung morgen Kaffee statt Tee zu trinken (oder keines von beiden) frei sein, wenn Gott als Allwissender die Zukunft schon kennt. Da gibt es Ähnlichkeiten zur Determinismus-Freiheit-Debatte, aber auch Unterschiede.

    Zitat Zitat von Gawan Beitrag anzeigen
    Wozu stellt man heute überhaupt noch die Frage danach, ob es einen freien Willen gibt? Hat das irgendeine Relevanz?
    Na ja, die Annahme eines freien Willens ist wohl einer der fundamentalsten Bestandteile des zumindest abendländischen Weltbildes, und hat z.B. wie Münsterländer schon angesprochen hat, einen gewaltigen Wiederhall in unserem gesamten Strafrecht.
    Und die Frage war und ist eben keineswegs so simpel mit ja oder nein zu beantworten. Natürlich kann sich sagen "interessiert mich nicht", "kann ich nicht wissen" oder "irgendwas dazwischen". Allerdings triffst du ja wohl auch tagein-tagaus allerlei Entscheidungen, von denen du doch vermutlich in irgendeiner Weise ausgehst, sie mit einer gewissen Freiheit zu treffen.
    Das Leben ist groß.

  4. #49
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    Zitat Zitat von Münsterländer Beitrag anzeigen
    Man müsste, wenn man den freien Willen verneint, gewisse Dinge wie z.B. das aktuelle Strafrecht deutlich auf den Prüfstand stellen.
    Meiner Meinung nach müssen wir pragmatisch davon ausgehen, dass es einen freien Willen gibt und jeder (Gesunde) für sein Tun z.B. vor Gericht verantwortlich ist bzw. gemacht werden kann. Wäre die Natur vollkommen deterministisch, also alles Geschehen vorherbestimmt, so könnte sich ein Angeklagter zwar darauf berufen. Aber dann hätte auch der Richter keinen freien Willen und keinen Handlungsspielraum und würde so urteilen, als hätte der Angeklagte einen freien Willen.

    Das ist nach meinem Verständnis auch das was Max Planck meinte, den pansapiens in Post #35 zitiert hat.

    Die Frage, ob die Natur deterministisch, und damit alles vorherbestimmt ist, oder prinzipiell indeterministisch ist alles andere als trivial und setzt ein tiefes Verständnis der Quantentheorie voraus. "Wer allerdings behauptet, die Quantentheorie zu verstehen, hat sie nicht verstanden" - nach einem Bonmot von Richard Feynman. Mein Eindruck ist, dass Philosophen den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in der Regel weit hinterherhinken. Eine deterministische Deutung der QT führt nach Meinung vieler Physiker zur Viele-Welten-Interpretation, die Max Tegmark in "Unser mathematisches Universum" auch für Laien einigermaßen verständlich (also ohne viel Mathematik) beschreibt. Das ist aber nicht der Fokus der Libet-Experimente.

    Lachen scheint mir ein gutes Beispiel für vertrackte Zusammenhänge zwischen einem bewussten "ich" und einem unterbewussten "es". Wenn ich lache, dann habe ich eigentlich immer den Eindruck, dass "ich" es bin, der lacht und nicht das "un(ter)bewusste es", das auf äußere Reize reagiert. Andererseits ist es kaum möglich über die eigenen Witze zu lachen, und seien sie noch so gut. Zweifellos könnte eine KI-Software auf Basis von Sprachsteuerung und neuronalen Netzen immer treffsicherer gute Witze erkennen. Aber ein Mensch wird halt nur beim ersten Mal laut lachen, beim 20. Mal nur müde lächeln oder sich gelangweilt abwenden oder sich die nervige Ruhestörung verbitten.

    Prinzipiell ist es auch möglich, bewusst zu lachen, Schauspieler müssen das ja auch lernen. In einem Münchner Park habe ich vor einiger Zeit tatsächlich eine Gruppe gesehen, die so ein Lach-Training (im Park) anbietet, siehe Anhang. Aber für Zuschauer wirkt das unfreiwillig komisch und plemplem.

    Umgekehrt hat das "bewusste ich" ein Veto-Recht, das Lachen zu verkneifen, was allerdings auch nicht immer gelingt. Da muss ich immer an eine Szene aus "Asterix und der Seher" denken, in der Obelix vergeblich versucht, sich das Lachen zu verkneifen, als Gutemine Majestix mit "Schnuckelchen" anredet.
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  5. #50
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    Zitat Zitat von Münsterländer Beitrag anzeigen
    Man müsste, wenn man den freien Willen verneint, gewisse Dinge wie z.B. das aktuelle Strafrecht deutlich auf den Prüfstand stellen.
    Kommt drauf an, was man will: "Schuldige" bestrafen?
    Oder durch Strafandrohung die Handlungen der Menschen zu beeinflussen?
    Wenn ein Automat z.B. aufgrund verschiedener Variablen (zu erwartender Gewinn, zu erwartende Strafe, Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden) und einer entsprechenden Programmierung unter verschiedenen Handlungsoptionen auswählt, dann hätte der keinen freien Willen, denn seine Handlungen wären ja vollständig durch die Umstände und die Programmierung bestimmt.
    Dennoch kann man durch Drehen an der Schraube "zu erwartende Strafe" bei ausreichender Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden, die Handlung des Automaten beeinflussen.
    Durch die konkrete Erfahrung einer Strafe wird eventuell auch die Programmierung verändert, weil die Strafe anders gewichtet wird.
    Geändert von Pansapiens (17-04-2018 um 04:59 Uhr)

  6. #51
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    @Pansapiens
    Ein bisschen so wie in "Walden Two"? (https://en.wikipedia.org/wiki/Walden_Two)

    @Aiki50
    "Mein Eindruck ist, dass Philosophen den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in der Regel weit hinterherhinken." Da sehe ich gerade den Bezug zum Thema nicht, oder wie du das meinst. Wenn du statt Philosophen "Religionen" geschrieben hättest, okay... Fragen wie KI, Bewusstsein und Willensfreiheit sind aber m.A.n. sowieso interdisziplinäre Fragen - d.h. weder kann die Philosophie ohne Berücksichtigung der Ergebnisse und Einsichten von u.a. Neurowissenschaften und Psychologie diese Fragen für sich alleine klären (so sie überhaupt zu klären sind), noch können dies die Neurowissenschaften oder die Psychologie ohne die Philosophie.
    Das Leben ist groß.

  7. #52
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    Zitat Zitat von Pansapiens Beitrag anzeigen
    ... die Handlung des Automaten beeinflussen.
    Durch die konkrete Erfahrung einer Strafe wird eventuell auch die Programmierung verändert, weil die Strafe anders gewichtet wird.
    Wenn man ernsthaft zur Ansicht gelangt, dass der Mensch nur ein Automat ist... können wir Friedhöfe abschaffen. Komposthaufen und Müllverbrennungsanlagen reichen dann aus zur sicheren Entsorgung von Kadavern.

    Wenn ein Mensch ein Automat ist, gibt es keinen Grund, ihn anders zu behandeln, als andere Automaten, wie zB ein Auto. Auch Konzepte wie "Menschenrechte" braucht es dann auch nicht mehr - wozu auch.

  8. #53
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    Zitat Zitat von Pansapiens Beitrag anzeigen
    Kommt drauf an, was man will: "Schuldige" bestrafen?
    Oder durch Strafandrohung die Handlungen der Menschen zu beeinflussen?
    Wenn ein Automat z.B. aufgrund verschiedener Variablen (zu erwartender Gewinn, zu erwartende Strafe, Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden) und einer entsprechenden Programmierung unter verschiedenen Handlungsoptionen auswählt, dann hätte der keinen freien Willen, denn seine Handlungen wären ja vollständig durch die Umstände und die Programmierung bestimmt.
    Dennoch kann man durch Drehen an der Schraube "zu erwartende Strafe" bei ausreichender Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden, die Handlung des Automaten beeinflussen.
    Durch die konkrete Erfahrung einer Strafe wird eventuell auch die Programmierung verändert, weil die Strafe anders gewichtet wird.
    Ist aber so derzeit m.E. eindeutig nicht der Ansatz unseres Strafrechtes, wo ein freier Wille und damit ein bewusstes Fehlverhalten vorausgesetzt wird.
    Man kann das durchaus umdenken, wie von dir dargestellt. Das würde allerdings in der praktischen Anwendung einige Änderungen bedingen. Das meinte ich mit "auf dem Prüfstand stellen".

    Grüße

    Münsterländer
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  9. #54
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    Ist zwar ein anderes Thema, und da kenne ich mich wirklich nicht aus - aber: ich meine mich aus dem was ich so gelesen habe zu erinnern, dass weder Straf-Erfahrung noch Straf-Androhung wirklich effiziente Werkzeuge sind, weder zur Straf-Vorbeugung noch zur Verhaltensänderung (in dem Sinne, dass eine Straf-Wiederholung unwahrscheinlicher wird). Darum ist das ganze Schreien nach hartem Durchgreifen zwar für mich oftmals verständlich, trägt aber vermutlich nur wenig zur Problemlösung bei. (Man kann sich historisch ja mal die Konzeption des Legalismus im frühen China anschauen.)
    Das Leben ist groß.

  10. #55
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    Zitat Zitat von Julian Braun Beitrag anzeigen
    Die Willensfreiheit-Frage hebt gezielt darauf ab, ob und wie es denkbar ist, dass der Mensch Verursacher seines Handelns sein kann.
    Das ist ganz sicher ein schwieriges Thema. Es fängt schon damit an, dass ich (exemplarisch für jeden beliebigen Menschen) nicht wirklich unabhängig existiere, sondern in ein äußerst komplexes System wechselseitiger Beeinflussungen eingebunden bin. Es gibt Einflüsse z.B. aus der Vergangenheit, die mich dazu bringen, vielleicht Tee gegenüber Kaffee zu bevorzugen; Einflüsse, von denen ich meist bewusst überhaupt keine Kenntnis habe. Trotzdem entscheide ich mich „frei“ dazu, Tee zu trinken. Vielleicht habe ich auch eine Störung des Geruchs- oder Geschmackssinnes und empfinde überhaupt keinen Unterschied zwischen Tee und Kaffee. Dann entscheide ich mich möglicherweise zufällig (oder aufgrund anderer Faktoren wie z.B. der Gesellschaft, in der ich mich momentan befinde) für Kaffee oder Tee. Wie kann ich überhaupt eine wahrhaft freie Entscheidung treffen, frei von Einflüssen aus meinen körperlichen Begrenzungen, der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, guten und schlechten Erfahrungen aus meiner Vergangenheit, meinen Erwartungen an die Zukunft? Und wer bin ich überhaupt, mit anderen Worten: was ist dieses „Ich“?
    Wie definiert man „Verursacher“, welche Maßstäbe möchte man anlegen, um einem „Ding“ die Eigenschaft „Verursacher“ zuzuschreiben? Wie definiert man „der Mensch“ (oder „die Person“ oder „das Ich“)?

    Wenn Amazon oder Google mehr über meine Konsumgewohnheiten wissen als ich selbst und Computersysteme schon jetzt recht gut in der Lage sind, menschliches Verhalten vorherzusagen, kann man dann überhaupt von so etwas wie Willensfreiheit reden, ohne sich einer trügerischen Illusion hinzugeben?

    Ich möchte noch einmal kurz auf den Ursprungsbeitrag und die Libet-Experimente zurück kommen. Offenbar ist da „etwas“ im Gehirn, das „meine“ Entscheidung getroffen hat, bevor sie mir selbst bewusst wird. Wenn ein Teil „meines“ Gehirns „meine“ Entscheidung schon vor „mir“ kennt, ist es dann nicht mehr „meine“ Entscheidung? Ja, welche Rolle spiele ich da überhaupt noch, wenn das Gehirn (also eins meiner Organe) mir sagt, wie ich mich entscheiden soll? Wenn bei diesem Experiment so verstörende Ergebnisse herauskommen, ist dann nicht schon die Eingangsfrage („gibt es einen freien Willen?“) falsch gestellt?

    Sorry für die vielen Anführungszeichen und Fragen. Manchmal sind aber Fragen wichtiger als Antworten, denke ich. ;-)

  11. #56
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    Zitat Zitat von Aiki50+ Beitrag anzeigen
    Die Frage, ob die Natur deterministisch, und damit alles vorherbestimmt ist, oder prinzipiell indeterministisch ist alles andere als trivial und setzt ein tiefes Verständnis der Quantentheorie voraus. "Wer allerdings behauptet, die Quantentheorie zu verstehen, hat sie nicht verstanden" - nach einem Bonmot von Richard Feynman. Mein Eindruck ist, dass Philosophen den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in der Regel weit hinterherhinken.
    Man muß nicht "Quantentheorie" verstanden haben. Und die Philosohie ist voraus. Ich hatte schonmal angedeutet, dass das Konzept des "dialektischen Determinismus" sehr wohl den Zufall als eine mögliche Folge in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang anerkennt. Die Formulierung stammt aus dem 19./20. Jhdt., und es sind m. E. die Erkenntnisse der Quantenphysik, die nunmehr eine physikalische Begründung liefern.
    Geändert von Wong F. (17-04-2018 um 22:19 Uhr)

  12. #57
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    Zitat Zitat von Münsterländer Beitrag anzeigen
    Man müsste, wenn man den freien Willen verneint, gewisse Dinge wie z.B. das aktuelle Strafrecht deutlich auf den Prüfstand stellen.
    Müsste man das? Ich meine, wenn es keinen freien Willen gibt, dann hat der Gesetzgeber erst recht keinen; egal ob das Strafrecht so bleibt oder geändert wird, das Ergebnis ist immer die Folge von naturgesetzlichen (oder meinetwegen auch transzendenten) Bedingungen. Soviel ich weiß, geht man im Strafrecht auch davon aus, dass die individuelle Freiheit etwa, sich für oder gegen ein Verbrechen zu entscheiden, Grenzen hat und es gibt Faktoren, die strafmildernd wirken oder die Strafbarkeit verhindern. Solche Sachen wie „schwere Kindheit“ oder gar diagnostizierte psychische Erkrankungen.

  13. #58
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    Zitat Zitat von Gawan Beitrag anzeigen
    Müsste man das? Ich meine, wenn es keinen freien Willen gibt, dann hat der Gesetzgeber erst recht keinen; egal ob das Strafrecht so bleibt oder geändert wird, das Ergebnis ist immer die Folge von naturgesetzlichen (oder meinetwegen auch transzendenten) Bedingungen. Soviel ich weiß, geht man im Strafrecht auch davon aus, dass die individuelle Freiheit etwa, sich für oder gegen ein Verbrechen zu entscheiden, Grenzen hat und es gibt Faktoren, die strafmildernd wirken oder die Strafbarkeit verhindern. Solche Sachen wie „schwere Kindheit“ oder gar diagnostizierte psychische Erkrankungen.
    Ja, ich glaube man müsste.
    Ist jetzt nur eine Meinung von mir, aber ich glaube, wenn allgemeiner Konsens wäre, dass ein Individuum eine Straftat begehen "muss", dann würde der Großteil der Bevölkerung (ob jetzt aus freiem Willen, oder aufgrund geänderter Bedingungen) für einen anderen Umgang mit Straftätern plädieren.
    Auch ohne freien Willen ist ja Veränderung und "Meinungsänderung" durchaus möglich (und wenns nur ist, weil sich die Parameter ändern).

    Ist ja übrigens eine Debatte, die im religiös-christlichen Umfeld bereits lebhaft geführt wurde (ist Judas Iscariot der verdammungswürdige Erzverräter, der im tiefsten Kreis der Hölle sitzt, oder ausführendes Werkzeug des Willen Gottes, und damit schuldlos und heilig).

    Aber es bleibt in der Tat ein theoretisches Feld.

    Grüße

    Münsterländer
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  14. #59
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    Zitat Zitat von Julian Braun Beitrag anzeigen
    "Mein Eindruck ist, dass Philosophen den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in der Regel weit hinterherhinken." Da sehe ich gerade den Bezug zum Thema nicht, oder wie du das meinst. Wenn du statt Philosophen "Religionen" geschrieben hättest, okay... Fragen wie KI, Bewusstsein und Willensfreiheit sind aber m.A.n. sowieso interdisziplinäre Fragen - d.h. weder kann die Philosophie ohne Berücksichtigung der Ergebnisse und Einsichten von u.a. Neurowissenschaften und Psychologie diese Fragen für sich alleine klären (so sie überhaupt zu klären sind), noch können dies die Neurowissenschaften oder die Psychologie ohne die Philosophie.
    Mit meinem Eindruck beziehe ich mich auf den Abschnitt "Ist der (physikalische) Determinismus wahr?" im Artikel "Determinismus" auf "Philosophie verständlich", was ja im Zusammenhang mit der Diskussion um Willensfreiheit auch in diesem Faden eine Rolle spielt. Hier ein Zitat daraus:

    Zitat Zitat von Philosophie verständlich - Determinismus
    Diese Theorie (Quantentheorie) wird meist als "klar indeterministisch" angesehen, obwohl es auch deterministische Interpretationen gibt (z.B. die Interpretation von David Bohm), die sich heute wieder großer Beliebtheit erfreuen. Außerdem spielt sich selbst bei indeterministischen Interpretationen der Quantenmechanik der Indeterminismus primär auf der Ebene mikrophysikalischer Beschreibungen einzelner Teilchen ab.
    Die QT ist nicht klar indeterministisch, die Bohmsche Interpretation ist und war (auch vor 12 Jahren) wenig bedeutsam. Die Schrödingergleichung ist in beiden Zeitrichtungen streng deterministisch = unitär, weshalb sich viele Physiker, u.a. Stephen Hawking, Sorgen machten, was mit der Information passiert, wenn sie von schwarzen Löchern verschluckt wird. Die Kopenhagener Deutung der QT ist indeterministisch, viele theoretische Physiker favorisieren aber gegenwärtig die Multi-Welten-Interpretation, die theoretisch deterministisch ist, aber philosophisch ganz schwer zu verdauen ist.
    Supraflüssigkeit ist ein Beispiel für ein makroskopisch sichtbares Quantenphänomen: Superfluid helium (YouTube)

    Zitat Zitat von Wong F. Beitrag anzeigen
    Man muß nicht "Quantentheorie" verstanden haben. Und die Philosohie ist voraus. Ich hatte schonmal angedeutet, dass das Konzept des "dialektischen Determinismus" sehr wohl den Zufall als eine mögliche Folge in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang anerkennt. Die Formulierung stammt aus dem 19./20. Jhdt., und es sind m. E. die Erkenntnisse der Quantenphysik, die nunmehr eine physikalische Begründung liefern.
    Ein Quantenphysiker (ich glaube Dieter Zeh) hat mal gesagt, dass kein Philosoph oder theoretischer Physiker sich so etwas abwegiges und absurdes wie die QT hätte ausdenken können. Der Zufall und Indeterminismus in der QT ist etwas anderes und qualitativ neues im Vergleich zum Zufall der klassischen Physik: eine klassiche Münze wird entweder auf die eine oder andere Seite fallen (Kopf oder Zahl), eine Quanten-Münze kann beide Zustände (Kopf und Zahl) überlagern bis eine Messung stattgefunden hat. Eine praktische Anwendung wäre ein Quantencomputer. Philosophie wird von Philosophen erdacht, die in ihrem Denken dem Zeitgeist und den Hirnstrukturen verhaftet sind, und seien es noch so kluge Köpfe (wie Immanuel Kant).

    Ich gebe aber Julian Braun recht, dass das mit den Libet-Experimenten erst mal nichts direkt zu tun hat.

  15. #60
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    Zitat Zitat von Aiki50+ Beitrag anzeigen
    Ein Quantenphysiker (ich glaube Dieter Zeh) hat mal gesagt, dass kein Philosoph oder theoretischer Physiker sich so etwas abwegiges und absurdes wie die QT hätte ausdenken können. Der Zufall und Indeterminismus in der QT ist etwas anderes und qualitativ neues im Vergleich zum Zufall der klassischen Physik: eine klassiche Münze wird entweder auf die eine oder andere Seite fallen (Kopf oder Zahl), eine Quanten-Münze kann beide Zustände (Kopf und Zahl) überlagern bis eine Messung stattgefunden hat. Eine praktische Anwendung wäre ein Quantencomputer. Philosophie wird von Philosophen erdacht, die in ihrem Denken dem Zeitgeist und den Hirnstrukturen verhaftet sind, und seien es noch so kluge Köpfe (wie Immanuel Kant).
    Wenn die Vorgänge mittlerweile physikalisch beschrieben werden können - warum sollten sie nicht philosophisch erfasst werden können? Mein Eindruck ist, dass du hier mit einem mechanischen Determinismus argumentierst. Ich rede dagegen vom dialektischen Determinismus. Vielleicht solltest du dir den Unterschied mal anschauen.

    Und Kant ist kein wirklich gutes Argument. Den hat ja Hegel schon zurechtgerückt, und das obwohl auch er von der "großen Idee" ausging.

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