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Thema: Systema – meine Entschuldigung

  1. #1
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    Standard Systema – meine Entschuldigung

    Liebe Kampfkunst/-sport-Kollegen,

    ich war bis vor einigen Jahren Mitglied hier im Forum (damals unter dem Handle "Mann ohne Zähne", danach "123keilerei"). Kurz zu meiner "Laufbahn": Ich begann mit 14 mit Kyokushinkai-Karate, das ich 12 Jahre lang aktiv praktizierte. Danach ein paar Jahre WT, dann jahrelang Cadena de Mano (Privatunterricht bei Bernd Schubert in HH). Zwischendurch immer wieder mal Training mit Kollegen aus dem MMA. Dann, es muß irgendwann 2004/5 (???) gewesen sein, entdeckte ich Systema. Genauergesagt, das Systema von Andreas Weitzel aus Augsburg. Ich traute meinen Augen nicht, irgendwas *klickte* bei mir, diese Bewegungen, diese Lockerheit... mich faszinierte es.

    Und wie es meine damalige(!) Eigenheit war, verteidigte ich schon vor meinem ersten Systema-Seminar unter Mikhail Ryabko diesen Stil. Ich wußte, daß diese Kunst wirksam war, wenn man sich drauf einläßt. Kurze Zeit später dann das erste Seminar – und es war der Wahnsinn, in ganz positivem Sinne.

    Danach trainierte ich nur noch Systema, einfach, weil es mir gut tat, und weil es eine tiefe Entspannung in mein relativ hektisches Leben brachte. Sehr, sehr positiv. Allerdings hatte ich nicht den Luxus, direkt unter Andreas zu trainieren, weil die Strecke Landshut–Augsburg für regelmäßiges Training einfach viel zu weit ist. Also gründete ich eine Systema-Trainingsgruppe, und bald stießen zwei langjährige Schüler von Andreas dazu. Es machte einfach riesengroßen Spaß – und ja, ich konnte Systema mehrere Male erfolgreich einsetzen, sowohl in Alltagssituationen (wo mich die Beweglichkeit, die Systema mich lehrte, einige Male vor fiesen Verletzungen bewahrte), als auch einmal in einer echten SV-Situation, in der mich mein Gegenüber unvermittelt ansprang und einen stehenden Choke nahm, aus dem ich gut rauskam – und er dann überrascht ganz von mir abließ.

    2007 ging ich mit meiner Frau (und unserer Green Card) in die USA. Dort trainierte ich unter Sonny Puzikas – und liebte es. Sonny ist ein Trainer, den ich nur empfehlen kann, "hart aber herzlich". Das klingt klischeehaft, ist aber genau so.

    Wegen eines Jobangebots gingen wir nach Deutschland zurück, und irgendetwas hatte sich bei mir gedreht. Ich weiß bis heute nicht, was. Aber ich weiß, daß ich kurz darauf mit Reality-based Self-Defense-Sachen und Militärkampf anfing (ich machte sogar den Trainerschein in Senshido). Und hier beging ich den Fehler, den ich bereue und für den ich mich jetzt auch öffentlich entschuldigen möchte: Plötzlich kritisierte ich alles, was mit Systema zu tun hatte. "Zu weich", "zu unrealistisch", "Messerabwehr funktioniert nicht", und so weiter, die ganze langweilige, oft gehörte Palette an Plattitüden.

    Ich ging ehemalige Systema-Kollegen direkt an, ein absolutes No-Go, wie ich heute, als hoffentlich gereifter 48-jähriger Mann, sagen muß. Und natürlich kamen die empörten Reaktionen. Und ich reagierte wieder drauf, und dann wieder sie – ein Kreislauf der schlechtesten Sorte, in dem jeder nur verlieren konnte – und der Auslöser war ich.

    Das tut mir leid.

    Warum schreibe ich das alles?

    Weil ich, zweieinhalb Jahre nach der schweren, überschatteten und komplizierten Geburt unserer Zwillingstöchter (die, Gott sei Dank!, gesund sind), und nach einer Erkrankung, die mich das Leben hätte kosten können (jetzt bin ich, Gott sei Dank!, wieder gesund) erkannt habe, was auf Dauer gesehen wirklich wichtig ist: Friedlichkeit, innere Stärke, Gesundheit und Vertrauen auf Gott.

    Alles das finde ich in Systema. Und keine andere Kampfkunst, die ich jemals betrieben habe, konnte mir das geben. Vollkontakt? Fehlanzeige. Mein rechtes Knie und meine linke Schulter sind heute noch ruiniert wegen des Trainings. Viele Jahre lang hatte ich gesagt, daß ich auch noch Kampfkunst aktiv betreiben möchte, wenn ich alt und grau bin. Aber die Vollkontakt-Stile, die ich praktiziert habe, haben mich nicht gesünder gemacht. Ganz im Gegenteil.

    Und natürlich kommen jetzt Einwände:
    a) Aber realistische Selbstverteidigung!
    b) Aber Messerabwehr!
    c) Aber was wenn einer mit Volldampf...!

    zu a) Realistische Selbstverteidigung fängt vor der körperlichen Auseinandersetzung an. So viele gute Systema-Trainer betonen immer wieder, wie wichtig es ist, die Grundprinzipien immer einzusetzen, nicht erst, wenn das sprichwörtliche Kind in den Brunnen gefallen ist. Aufmerksam sein. In Bewegung bleiben. Form und Struktur behalten. Deeskalation. Alles das wird gelehrt im Systema, man muß nur die Augen und das Herz aufmachen (DAS hat bei mir auch lange gedauert).

    zu b) Messerabwehr. Systema-Meserabwehr funktioniert genauso gut oder schlecht wie alle anderen, die ich kennengelernt und trainiert habe. Und wer sich mal ansieht, wenn gute Systema-Trainer in Echzeit agieren (und nein, Youtube ist dafür eben keine gute Quelle), der sieht, daß die Prinzipien genauso wirksam sind wie die anderer Systeme. Und natürlich sieht das nicht mehr so elegant und leicht aus – aber das eine ist echte Anwendung, und das andere ist Training. Diejenigen unter euch, die wie ich lange Zeit "reality-based" mit Farbmarkern und in Echtzeit und echter Aggression Messerabwehr trainiert haben, wissen, daß nach einer Trainingseinheit die T-Shirts voll sind mit Treffern, jeder einzelne potentiell tödlich. Also was soll's?

    zu c) Angriffe mit Volldampf. Was mich immer ärgert (und was ich früher eben auch so gemacht habe), sind die Kritiken, die sagen, "ja, sieh dir mal an, wie die großen Systema-Meister sich bewegen, wenn jemand wuchtig und schnell angreift". Natürlich sind die Bewegungen da zackiger. Natürlich sind sie nicht mehr so leicht und im Flow wie in den Demovideos. Adrenalinausschüttung, da werden die Bewegungen halt einfach anders. Aber sie sind trotzdem genauso wirksam wie die Bewegungen anderer Stile, vorausgesetzt, der Anwender bewegt sich eben wirklich frei und intuitiv, mit passenden Konzepten im Hintergrund. Wer hier seine Infos lediglich aus Youtube-Videos bezieht, ist auf dem Holzweg.

    Zum Abschluß:
    Ich bitte alle diejenigen in der Systema-Gemeinde (egal, welcher Stil) um Entschuldigung, die ich wissentlich oder unwissentlich vor den Kopf gestoßen habe. Es ist ein bißchen so wie die Geschichte vom Frosch, der im Brunnen sitzt und dem Vogel nicht glaubt, daß außerhalb des Brunnens noch eine andere, große, große Welt existiert. Mein Brunnen war "realitäts-basiert, immer Volldampf (im Senshido gibt es sogar ein Trainingsprinzip namens "Overkill"). Meine Erfahrung damit: Das ist auf Dauer gesehen nicht praktikabel und nicht gesund.

    Vielen Dank fürs Lesen.

    Alles Liebe
    Norbert
    Geändert von Norbert Matausch (03-03-2019 um 18:14 Uhr)

  2. #2
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    Danke für deinen Text, das Mitteilen deiner Einsicht und den Mut, dies hier zu tun.
    Frank Burczynski

    HILTI BJJ Berlin
    https://www.hiltibjj.de


    http://www.jkdberlin.de

  3. #3
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    Danke dir, Frank!

  4. #4
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    Hallo Norbert,

    bin wirklich überrascht, daß sich ein Kampfsportler bei seinen "alten Kollegen " entschuldigt.

    Ich finde Deine Zeilen sehr deutlich und klar.
    Danke, daß Du dies im kkb veröffentlicht hast.

    Besonders diese Zeilen haben mich sehr nachdenklich gemacht.

    Ich ging ehemalige Systema-Kollegen direkt an, ein absolutes No-Go, wie ich heute, als hoffentlich gereifter 48-jähriger Mann, sagen muß. Und natürlich kamen die empörten Reaktionen. Und ich reagierte wieder drauf, und dann wieder sie – ein Kreislauf der schlechtesten Sorte, in dem jeder nur verlieren konnte – und der Auslöser war ich.
    Wünsche Dir weiterhin viel Spaß mit Deiner Kampfsport-Art.

    Gruß

  5. #5
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    Vielen Dank für deine netten Worte!

  6. #6
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    Hi Norbert,
    ich habe keine Anteile in Systema (war nur auf 2 WE-Seminaren vor vielen Jahren, wo ich ein paar gute Impulse mitnahm) und kann mich sonst nicht zu der Materie äußern. Aber ich finde es eine feine und ehrenwerte Sache, wenn man sich so öffentlich und offen für das eigene Verhalten entschuldigen kann. Wir bauen alle irgendwann ziemliche Scheiße; das selber einzugestehen und offen zuzugeben ist nicht leicht aber umso wertvoller.

    Und wunderbar, dass deine Töchter nach einer gefährlichen Geburt ganz wohlauf und gesund sind! (Vergleichbares habe ich selber erlebt). Vater sein und Partner sein sind große und schöne Herausforderungen, noch wichtiger als "Strassen-SV" - die allerdings in jenem Moment auch ziemlich wichtig ist

    Alles Gute.
    Tai Chi Chuan in Neukölln, Berlin: taichi-reuterkiez.de

  7. #7
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    Finde Deine Einstellung auch super, Norbert.
    Da gehört was dazu.
    (Ob die "Inhalte" und "Systema"..., jetzt mal egal...)

  8. #8
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    Lieber Giles, danke sehr. Ja, die Schwangerschaft und die Erkrankung haben viele, viele Dinge in mir geradegerückt... von einem Vater zum anderen: Auch dir alles Liebe!

  9. #9
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    Lieber Uruk,

    dankesehr. Ich habe endlich verstanden, daß unser Leben viel zu kurz und kostbar für Firlefanz und Blödsinnmachen ist...

  10. #10
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    Hallo Norbert,

    Ich kann mich noch gut an die durchaus lebhaften Systema-Diskussionen erinnern

    Hut ab für dieses "Comeback". Genieß die Zeit mit deiner gesunden Familie - es gibt nichts Wichtigeres!


    Gruss, Thomas
    Erschrickstu gern / keyn fechten lern

  11. #11
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    Servus Thomas,

    jo, das war... anders....
    Danke auch dir, vor allem für die lieben Wünsche. Es gibt wirklich nichts Wichtigeres als Familie!

    Liebe Grüße
    Norbert

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