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Thema: Glima - Interview mit Lars Magnar Enoksen

  1. #16
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    Zitat Zitat von Lowkick Loverboy Beitrag anzeigen
    Die Glíma des isländischen Verbandes ist ein traditioneller Volkssport mit einem festen, sehr spezifischen Reglement: Ringen nur im Stand, vorgegebene Kampfkleidung mit Gürtel und Beinriemen, Wiegeschritt zu Kampfbeginn, etc. Außerhalb dieses Reglements findet kein Training statt. Die Website des Verbandes verweist zwar auf historische Hintergründe, hält die aber so vage, wie es der Quellenlage angemessen ist und nimmt auch Einflüsse von den britischen Inseln an.

    Enoksen stellt sein Ringen als Ausläufer einer ungebrochenen, gesamtskandinavischen Tradition dar und integriert auch den Bodenkampf und "SV-mäßiges" Kämpfen. Mit dem isländischen Sport hat das nur wenig zu tun.

    Zum historischen Ringkampf auf Island siehe hier, ab S. 227 und hier.
    Ich würde sagen: Jein. Mit dem Sport-Glima hat es sicher nichts zu tun, aber in der heutigen Form ist das ja auch erst 1905-1908 entstanden; vorher dürfte es tatsächlich verschiedene Spielarten gegeben haben (ebenso wie sonst in Europa eben auch, beim Ranggeln z.B. gab es die Schlägerei-Variante "Robeln", wo auch einer gegen mehrere Gegner antreten konnte etc), wobei die gesellige Form mit Griff an der Hose (nicht unähnlich dem Schwingen) durchgeführt worden sein dürfte. Ob ungebrochene Tradition - da wirds tatsächlich schwierig. Enoksen beruft sich hauptsächlich auf Einarsson, von dem er gelernt haben will; Einarsson war nach allem was ich gesehen habe eine Autorität in der isländischen Glima-Szene und hat einige massgebliche Werke dazu geschrieben, auf die sich auch alle der von Dir verlinkten akademischen Arbeiten (danke dafür!) und zudem noch diese Bachelorarbeit hier: https://skemman.is/bitstream/1946/12...ic%20media.pdf beziehen. Wetzler lobt sogar Einarssons praktische Sicht, die er als aktiver Glima-Sportler gehabt hätte. Eine Kurzfassung (?) von Einarssons Broschüre 1988 gibts hier: http://www.glima.is/wp-content/uploa...ef-history.pdf
    Einarsson geht dort klar von mehreren Einflüssen aus, er nennt unter anderem die britischen Inseln, und es würde mich nicht wundern, wenn die Verbandswebsite ihre Infos von dort bezieht. Es wäre auch m.E. etwas eigenartig, wenn Enoksen sich dieser Deutung nicht anschliessen würde, bzw. lese ich das zumindest so nicht aus dem Interview heraus. Was mich an Enoksen interessieren würde wäre v.a., ob er die bei Einarsson angedeuteten Technikgruppen weiter ausführt bzw. demonstriert; ich sehe dort verschiedene Dinge, die ich von anderen europäischen Stilen kenne, aber auch welche, die mir fremd sind, und das hat mein Interesse geweckt. Ob es sich dabei um eine ungebrochene Linie handelt oder eher um HEMA im klassischen Sinne, kann ich so nicht klar sagen. Ich glaube aus dem Interview herauszulesen, dass Einarsson und Co. versucht haben, hier in den Sagas etc. beschriebene Techniken wiederzubeleben; die Passage mit dem "Testen an Hooligans" liest sich für mich so. Aber das ist mit ein Grund, warum ich mir das Buch besorgen möchte. Wenn es Quatsch sein sollte - hey, ich hab genug Ring-Erfahrung um das zu merken, und Pseudowissenschaft erkennen ist auch Teil von meinem Job, daher mach ich mir da mal keine Sorgen. Aber ich werde mich so oder so auch in die anderen Arbeiten zum Thema vertiefen, das Spektrum erweitert sich ja laufend

    Ansonsten: hey, das "Regelwerk" liest sich für mich lustig, und ich bin ja immer auf der Suche nach neuen Spielformen. Wenn man sich die Videos anschaut, ist bei vielen der Teilhmer von Enoksens Seminaren nicht wahnsinnig viel Technik dabei, dafür finden sich jetzt rein optisch betrachtet sehr viele Wikinger-Fans darunter... auf der anderen Seite scheint das durchschnittliche Fitness-Level und der Kampfeinsatz höher zu sein als sonst bei HEMA-Veranstaltungen, von da her

    Beste Grüsse
    Period.
    Geändert von period (09-04-2019 um 09:59 Uhr)
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  2. #17
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    Dass es Schlägereien auf Island gegeben hat, wo gerissen und gerupft wurde, steht außer Zweifel. Es gibt aber nirgendwo einen Hinweis dafür, dass das als Kampfsport programmatisch trainiert oder in Wettkämpfen ausgetragen worden sei. Im frühen 20. Jh. ändert sich die Wettkampfkleidung, aber nicht das eigentliche Format der Glíma. Ein umfassender isländischer Kampfsport ist von Enoksen herbeiphantasiert. Es bleibt nämlich rätselhaft, warum die gesamte isländische Kampfsportszene nichts von dieser landeseigenen Kunst weiß, während sie ausgerechnet einem Schweden beigebracht wird. Sorry, aber wer auf Island gelebt hat (wo jeder um drei Ecken mit jedem verwandt ist), der weiß, wie absurd das ist. Wenn ich aber schon dabei wäre, "Wikingerkampfglíma" zu erfinden, würde ich auch behaupten, dass ich es an Hooligans probiert hätte...

    Insofern würde ich auch nicht darauf hoffen, dass man bei Enoksen irgend etwas zusätzliches findet, das aus einer isländischen Wurzel stammt. Einarsson deutet in seinem "Þróun glímu í íslensku þjóðlífi" nichts davon, genau so wenig, wie ich irgendwo eine Erwähnung von Enoksen durch ihn gelesen hätte. Problematisch ist halt, dass die wenigsten Leute Isländisch lesen, deshalb kann man auf dem Gebiet viel behaupten, was schwierig zu überprüfen ist...

    Übrigens ist auch Einarsson mit Vorsicht zu genießen ist, wenn er über frühe Phasen der Glíma schreibt; er geht sehr unbedarft an die mittelalterlichen Quellen, stellt Sagas unterschiedlicher Genres gleichberechtigt nebeneinander, usw. Das soll sein Wissen und Werk nicht in Abrede stellen, aber heutige Leser sollten vorsichtig sein. Die Bachelor-Arbeit von Jóhann Bjarnason kannte ich, vielen Dank; leider fasst sie im Teil über die Glíma eigentlich nur Einarssons Broschüre zusammen.

    Wo genau die Annahme mehrerer "Ringkampfformate" (hryggspenna, lausatök, usw.) herkommt, ist mir nie richtig klar geworden - auch wenn man ständig davon liest. Im Wortbestand der Sagaliteratur taucht z.B. "hryggspenna" genau zweimal auf, und zwar in der reichlich phantastischen Sörla saga sterka, siehe hier, wo der Held gegen eine Trollfrau kämpft und sie irgendwann um den Rücken packt; und in der (ebenfalls phantastischen) Hálfdanar saga Eysteinssonar, wo ein gewisser Flóki einen Hund um den Rücken packt und ihm die Knochen bricht siehe hier. In beiden Fällen ist damit keinesfalls ein eigenes Kampfformat gemeint, es ist einfach nur eine von mehreren Handlungen im Kampf. Da wird häufig in ein paar Textstellen ganz schön viel reingeheimnist, glaube ich...

    Hier übrigens noch die Glímubók, ein isländisches Lehrbuch von 1916.

    Das alles soll im übrigen nicht heißen, dass bei Enoksen nicht mit Spaß gerungen werden kann. Insofern: hau rein!

  3. #18
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    Erstmal danke für die weiteren Hinweise! Ich muss leider gestehen, dass Ich in die isländischen Texte auch nicht weiter einsteigen kann, als es Google translate erlaubt… und eigens aus diesem Grund Isländisch zu lernen erscheint mir etwas aufwändig (ich muss vorher an meinen Russischkenntnsisen arbeiten . Dafür bin ich in der hiesigen UB den weiteren Werken des Herrn Wetzler auf der Spur
    Dass Einarsson differenziert gesehen werden muss, höre ich auch nicht zum ersten Mal. Das gleiche gilt natürlich für alle Verbandsfunktionäre, die etwas zu indigenen Stilen schreiben – in der letzten Publikation zum Ranggeln wurde die dortige Tradition von den in den Schriftquellen nachweisbaren 500 Jahren mal flott auf 2500 Jahre verlängert, nachdem auf einer keltischen Schwertscheide eine Ringerdarstellung aufgetaucht ist… Und ich habe den Verdacht, dass die bei Einarsson abgebildete Holzstatuette im Museum Lillehammer (angscheinend 11. Jh.) auch so ein ähnlicher Fall sein könnte – betreffend Verbreitung in Skandinavien, Gemeinsamkeiten etc. Trotzdem sagt mir mein Bauchgefühl, dass sich bei und zu Einarsson noch einige interessante Dinge finden lassen sollten, unter anderem wie er eben zu seinen Aussagen kommt. Vielleicht mit Umweg Enoksen, vielleicht auch nicht. Mal sehen.
    Ich werde hier mal weiter berichten, wie sich die Sache entwickelt und was denn da für Techniken verkauft werden. Im schlimmsten Fall ist es überteuerte Unterhaltungsliteratur mit pseudonationalistischer Färbung

    Beste Grüsse
    Period.
    Link zu meinem Gratis-Ebook "Sei Stark!" über Krafttraining für Kampfsportler: https://archive.org/details/FlaisSeiStark1_1

  4. #19
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    Ja, jeder leitet seine Kunst gerne von möglichst alten Traditionen her. Das olympische Ringen spricht ja auf jeder zweiten Website auch vom antiken, griechischen Ringkampf, obwohl es damit null zu tun hat...

    Es gibt, z.B. durch die Holzstatuette oder durch die Erwähnung des Ringkampfs Thor vs. Elli bei Bragi Boddason, natürlich sehr frühe Belege für einen irgendwie geartete Ringkampf im skandinavischen Mittelalter schon vor den Sagas. Aber daraus eine ungebrochene Tradition zu konstruieren, ist halt Willkür. Vor allem, wenn man im Falle Islands bedenkt, wie stark die Insel über die Jahrhunderte von anderen europäischen Ländern beeinflusst wurde.

    Zitat Zitat von period Beitrag anzeigen
    Dafür bin ich in der hiesigen UB den weiteren Werken des Herrn Wetzler auf der Spur
    Das finde ich natürlich super. ;P Guckst Du. Das ist der relevante Artikel zur Glíma; überschneidet sich zum Teil mit der Diss, ist aber literaturwissenschaftlicher ausgerichtet. Und sogar mit übersetzten Sagastellen.

    Zitat Zitat von period Beitrag anzeigen
    Ich werde hier mal weiter berichten, wie sich die Sache entwickelt und was denn da für Techniken verkauft werden. Im schlimmsten Fall ist es überteuerte Unterhaltungsliteratur mit pseudonationalistischer Färbung
    Ja, erzähl mal, wie es Dir taugt.

    Beste Grüße!
    Geändert von Lowkick Loverboy (12-04-2019 um 15:35 Uhr)

  5. #20
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    Zitat Zitat von Lowkick Loverboy Beitrag anzeigen
    Das finde ich natürlich super. ;P Guckst Du. Das ist der relevante Artikel zur Glíma; überschneidet sich zum Teil mit der Diss, ist aber literaturwissenschaftlicher ausgerichtet. Und sogar mit übersetzten Sagastellen.
    Liegt seit gestern auf meinem Schreibtisch! Ich hab den Beitrag ebenso wie die betreffenden Teile der Diss inzwischen durchgesehen, werde aber sicher noch öfters darauf zurückgreifen Als nächstes kommt aber mal die Masterarbeit Quays dran zwecks Praxisbezug.

    Beste Grüsse
    Period.
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  6. #21
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    Kurzes Update: Der Herr Enoksen hat sich trotz Erinnerung nicht mehr bei mir gemeldet, ich gehe also davon aus, dass das gesuchte Buch tatsächlich ausverkauft ist. Somit zu Plan B...

    Beste Grüsse
    Period.
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