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Thema: Was ist bei traditionellen Kampfkünsten schief gelaufen?

  1. #1
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    Standard Was ist bei traditionellen Kampfkünsten schief gelaufen?

    In großen Teilen der Kampfkunst-Gemeinde werden die traditionellen Kampfkünste scheinbar nicht besonders ernst genommen, besonders in robusteren Kampsport-Stilen mit viel Sparring und so weiter. Es gibt zwar Ausnahmen und respektierte Musterleute, aber die scheinen die Regel zu bestätigen und der Großteil der Schüler wird als nicht sonderlich wehrhaft erachtet.

    So, mal angenommen das liegt nicht unbedingt an dem ursprünglichen Geist dieser Kampfkünsten selber und alle haben etwas wertvolles zu sagen, was ist mit den Jahren schief gelaufen (wenn man das überhaupt so sagen kann)? Liegt es am fehlenden Verständnis, den Leuten die es trainieren? Kulturellen Übersetzungsfehlern? Kommerzialisierung? Am deutschen Vereinswesen? Vielleicht nur am Fehlen von robusten Kontroll- bzw. Korrekturmechanismen wie alltäglicher Gewalt?

    Eines der Argumente ist meine ich, dass sich der Fokus mehrfach verschoben hat. In dem Sinne, dass die Künste teilweise nur deswegen überlebten weil die spirituelle Komponente betont wurde und diese Systeme so freimaurermäßig dazu dienten Menschen allgemein besser zu machen, wo hingegen andere Systeme durch eine fehlende Notwendigkeit in Vergessenheit gerieten. Siehe zum Beispiel die Edo-Periode in Japan, wenn ich das richtig verstanden habe. Später dann wurden die Kampfkünste neu entdeckt und der Fokus verschob sich wieder auf die Effizienz, aber die esoterische Komponente wurde verwässert oder durch Unkenntnis pervertiert (wenn die Überlieferungsketten nicht ganz getrennt wurden).

    Alternativ zum obigen Absatz scheinen sich im südlichen Raum traditionelle Kampfkünste im Rahmen der Duell- und Ehrkultur gut gehalten zu haben, im Gegensatz zur spirituellen Variante. Oder vielleicht ist das auch Interpretationssache und das geht so ein wenig in Richtung Mannbarkeitsrituale. Nur so ein Gedanke.

    Verbessert mich gerne wenn ich Quatsch erzähle.

  2. #2
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    Zitat Zitat von oxox Beitrag anzeigen
    In großen Teilen der Kampfkunst-Gemeinde werden die traditionellen Kampfkünste scheinbar nicht besonders ernst genommen, besonders in robusteren Kampsport-Stilen mit viel Sparring und so weiter. Es gibt zwar Ausnahmen und respektierte Musterleute, aber die scheinen die Regel zu bestätigen und der Großteil der Schüler wird als nicht sonderlich wehrhaft erachtet.
    Na und?
    desipere est juris gentium

  3. #3
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    Zitat Zitat von Pansapiens Beitrag anzeigen
    Na und?
    Ist dir die Paradoxie der KK-Welt tatsächlich so egal? Immerhin geben doch alle KA vor, Kämpfer hervorzubringen. Mich nervt das schon ziemlich, wenn mir ein Tae-Bo-Dummdödel die Welt des Kämpfens erklärt, ohne je Sparring gemacht zu haben; also glaubt zu wissen wovon er redet, wenn es ums Schwimmen geht, aber das Planschbecken nie verlassen hat!

    Andererseits ist es extrem schwierig eine konkrete Antwort zu formulieren, vermutlich macht es auch wenig Sinn.

    Schaut man sich mal die Karatewelt an, dann begegnet einem im Shotokan, dass der Begründer eigentlich nur vor hatte Japaner fit zu machen, das Kämpfen wurde den höheren DanGraden beigebracht, ab 3. Dan? Wenn man dann liest, dass General Choi Hong Gui, der das Taekwondo (mit-)begründete, jedenfalls maßgeblich beeinflusste, aber selber nur den 2. Dan im Shotokan Karate hatte... und dann meinte "Ein dem Karate überlegenes System" zu erfinden, dann sticht einem die ganze Sache ganz schön ins Auge... ungefähr so:

    Geschlussfolgert: Wie will der werte Herr General ein "dem Karate überlegenes System" erfinden, wenn er gar nicht die Stufe innerhalb dieses Systems erreicht hat, ab der es überhaupt erst losgeht?

    Im Taekwondo kann man also festhalten, die hatten von Anfang an keine Ahnung, aber ganz schön gut improvisiert. Dennoch bleiben sie in allen Stil-Offenen-Turnieren als "Die Deckungslosen" verschrien.

    Beste Grüße

    Thimo
    Als das Teleklingel fonte, treppte ich die Rannte runter und türte gegen die Bumms. - Laozi

  4. #4
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    Zitat Zitat von LahotPeng Beitrag anzeigen
    Ist dir die Paradoxie der KK-Welt tatsächlich so egal? Immerhin geben doch alle KA vor, Kämpfer hervorzubringen. Mich nervt das schon ziemlich, wenn mir ein Tae-Bo-Dummdödel die Welt des Kämpfens erklärt,
    Hältst Du nun Tae-Bo für eine traditionelle Kampfkunst oder betreibst Du selbst eine traditionelle KK und fühlst Dich von dem Tae-Bo-Betreibendenden nicht ernst genommen?
    desipere est juris gentium

  5. #5
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    Zitat Zitat von LahotPeng Beitrag anzeigen
    Schaut man sich mal die Karatewelt an, dann begegnet einem im Shotokan, dass der Begründer eigentlich nur vor hatte Japaner fit zu machen, das Kämpfen wurde den höheren DanGraden beigebracht, ab 3. Dan? Wenn man dann liest, dass General Choi Hong Gui, der das Taekwondo (mit-)begründete, jedenfalls maßgeblich beeinflusste, aber selber nur den 2. Dan im Shotokan Karate hatte... und dann meinte "Ein dem Karate überlegenes System" zu erfinden, dann sticht einem die ganze Sache ganz schön ins Auge... ungefähr so:
    Wobei Lyoto Machida gezeigt hat, dass man auch mit Shotokan etwas reißen kann. Sicherlich stellt sich die Frage ob er auf Grund oder trotz Shotokan erfolgreich war, aber mir scheint es als könne man mit leicht veränderten Rahmenbedingungen vielen traditionellen Systemen schnell neues Leben einhauchen und auf einmal machen manche Sachen wieder Sinn. Nimm halt diesen Schnapptritt mit dem Anderson Silva Vitor ausgeknockt hatte. Das ist doch simpelste Grundschule in vielen Kampfkünsten, aber es brauchte einen Athleten um das Potential aufzuzeigen.

    Zitat Zitat von Pansapiens Beitrag anzeigen
    Na und?
    "Was lief falsch" ist ein bisschen krass formuliert und wie angedeutet kommt es auch darauf an was man will. Eine Tai-Chi-Oma in einem öffentlichen Park wird beim Üben nicht an Straßenkämpfe denken. So lange es Spass macht alles in Ordnung. Mich interessiert eher die Dynamik von Systemen über längere Zeiträume, ohne zu viel zu werten bzw. habe da kein Steckenpferd. Wo es höchstens aufhört ist wenn Leute bewusst oder unbewusst verarscht werden und sich Jahre später unter Umständen so fühlen als hätten man ihnen Zeit und Geld geklaut.

  6. #6
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    Standard Ich bin 1 Idiot

    Zitat Zitat von Pansapiens Beitrag anzeigen
    Hältst Du nun Tae-Bo für eine traditionelle Kampfkunst oder betreibst Du selbst eine traditionelle KK und fühlst Dich von dem Tae-Bo-Betreibendenden nicht ernst genommen?
    Ich muss meinen vermurksten Satz korrigieren, ich glaube dann erübrigt sich der Nebenkriegsschauplatz!

    Mich nervt das schon ziemlich, dass viele traditionelle Kampfkünste mittlerweile nur noch eine Art Tae-Bo sind, und wenn mir dann ein Tae-Bo-Dummdödel die Welt des Kämpfens erklärt, ohne je Sparring gemacht zu haben; also glaubt zu wissen wovon er redet, wenn es ums Schwimmen geht, aber das Planschbecken nie verlassen hat!

    Tae-Bo und traditionelles kontaktloses Taekwondo sind für mich fast identisch. Ich weiß ja nicht wo ihr so trainiert habt, aber ich hauptsächlich in der Karate-Welt.

    Beste Grüße
    Als das Teleklingel fonte, treppte ich die Rannte runter und türte gegen die Bumms. - Laozi

  7. #7
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    Zitat Zitat von oxox Beitrag anzeigen
    [...]



    Wo es höchstens aufhört ist wenn Leute bewusst oder unbewusst verarscht werden und sich Jahre später unter Umständen so fühlen als hätten man ihnen Zeit und Geld geklaut.
    Entschuldige, dass ich das hier aufgreife, obwohl ich nicht angeschrieben bin.
    Für mich, als jemand der Jahrzehnte in der KK-Welt überblickt, ist eindeutig erkennbar, wie die Danverjubelei und nazisstische Auswüchse diese Abwärtsspirale begünstigten.

    Auf einmal kommen dicke "Great Grandmaster" um die Ecke, die hauptsächlich Laien ihre Künste beibringen und sich in deren Anerkennung suhlen.

    Ich mache es mal kurz: Ich bin unglaublich glücklich und positiv überrascht, in meiner Gegend hier auf so viele aufgeschlossene Geister gestoßen zu sein, ich sehe da wirklich wieder einen positiven Trend. Man öffnet sich in den traditionellen KK und kommt zur Opem-Mat und macht gesittetes und vor allem lehrreiches Sparring. Genau das, was es in den geschlossenen Kreisen ja eigentlich nicht geben darf... oder sagen wir bald "durfte"?

    Ich geh' jetzt Duschen und dann den Wetterbericht gucken, die nächste Woche wird entgeil. URLAUB auf Balkonien.

    Ciao mit V
    Als das Teleklingel fonte, treppte ich die Rannte runter und türte gegen die Bumms. - Laozi

  8. #8
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    Zitat Zitat von LahotPeng Beitrag anzeigen
    Auf einmal kommen dicke "Great Grandmaster" um die Ecke, die hauptsächlich Laien ihre Künste beibringen und sich in deren Anerkennung suhlen.
    Ist halt Marketing. Als ich noch Kampfsport gemacht habe waren mir die Lehrer am liebsten die Verehrung eher peinlich fanden, nur verkauft sich das nicht so gut. Ein bisschen Show muss man machen, jedenfalls wenn man eine "Karriere" haben möchte. Ich glaube ein Problem ist die Erwartungshaltung vieler Leute die unterhalten werden möchten und den Zirkus mögen.

    Ich mache es mal kurz: Ich bin unglaublich glücklich und positiv überrascht, in meiner Gegend hier auf so viele aufgeschlossene Geister gestoßen zu sein, ich sehe da wirklich wieder einen positiven Trend. Man öffnet sich in den traditionellen KK und kommt zur Opem-Mat und macht gesittetes und vor allem lehrreiches Sparring. Genau das, was es in den geschlossenen Kreisen ja eigentlich nicht geben darf... oder sagen wir bald "durfte"?
    Ich bin schon länger raus, wäre aber tatsächlich eine positive Entwicklung. Das fand unterschwellig empfunden schon vor 10 Jahren statt, war aber teilweise ein Ringen um Dominanz und Status. Wurde mit unter als Kampfkunst-Hopping verschrien. Die Leute haben halt ihr Programm und Wandel mag niemand. Sicherlich auch fraglich ob jeder Klugscheisser einen Einfluss haben sollte. Andererseits hast du dann die Leute die Jahrzehnte in bestimmte Sachen investiert haben und dann nicht loslassen können. Naja, nur meine Erfahrung. Auf jeden Fall hatte sich damals schon schnell viel getan wenn der Trainer offen dafür war und Schüler ermuntert wurden Erfahrungen auch anderswo zu suchen und einzubringen.

    Ich geh' jetzt Duschen und dann den Wetterbericht gucken, die nächste Woche wird entgeil. URLAUB auf Balkonien.
    Nächste Woche solle es wieder gutes Wetter geben, guter Zeitpunkt für Balkonien.

  9. #9
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    Es gibt meiner Meinung nach zwei Probleme.
    Einmal eine fehlende Kontrolle durch den Mangel von Sparring und unkooperativen Partnern. Das startet dann eine Abwärtsspirale.

    Der wichtigere Punkt ist aber, dass heute viele Kämpfer sein wollen, ohne wirklich kämpfen zu lernen. Zum Kämpfen lernen gehört mehr als nur ein paar Techniken zu üben. Es fordert Anstrengungen, Zeit, Schweiß und Blut, Diziplin und vor allem eine Leidensfähigkeit. Und man muss sich mit Gewalt auseinander setzen und auch die gewalttätige Seite an einem akzeptieren. Dazu sind aber viele nicht mehr bereit. Sich auszupowern und auch mal ins Schwitzen zu kommen ja. Aber die wenigsten kommen damit klar salopp gesagt regelmäßig was aufs Maul zu bekommen. Auch mal mit Blessuren, die einen Muskelkater übersteigen, aus dem Trainig zu gehen. Und vor allem auch mal zu verlieren und zu merken wie anstrengend es eigentlich ist zu kämpfen.
    Und vor allem habe ich das Gefühl, dass die wenigsten bereit sind Jahre in ein Training zu investieren. Zumindest nicht wenn diese Jahre anstrengend sind und man sich regelmäßig am nächsten Tag so fühlt, als hätte eine Panzerdivision auf einem gewendet.
    Da geht man dann lieber ein, zwei Jahre zum Krav Maga, haut da dynamisch auf ein paar Pratzen, powert sich mal heftig am Boden aus und hört nach der Zeit dann als Killermaschie auf. Oder er geht zu WT, bezahlt jahrelang einen Haufen Geld, muss dafür dann wenigstens nicht Schwitzen. (Ja das sind extreme und nein nicht alle WT/Krav Maga Schulen sind so.)

    Eine richtige Bereitschaft etwas langfristig zu investieren um auch ein richtiger Kämpfer zu werden sehe ich recht selten.

    Das führt dann wiederrum dazu, das Gyms/ Dojos/... ihre Angebot anpassen. Die meisten wollen halt kein richtiges Kämpfen lernen. Also lässt man dann das Sparring weg. Macht Drills und sonstige Partnerübungen halt mit weniger Widerstand. Und lässt halt Grundlagen weg, die zwar wichtig fürs Kämpfen sind, aber langweilig für den Möchtegernkämpfer.
    “Das ist zwar peinlich, aber man darf ja wohl noch rumprobieren.”
    - Evolution

  10. #10
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    Ein schönes Thema, das du ansprichst.
    Das ist bei mir so, nach Tagen getrennt.
    Montags: Wir turnen in weißen Schlafanzügen unser Programm ab und schwitzen ein wenig dabei, die Pratzen klatschen und ich fühle mich gut.
    Donnerstags: Fuck, Deckung war schei*e, das gibt ein blaues Auge, aber ich habe ihn danach zu Boden bekommen und dann kalt gestellt....
    Die reinen Montagsleute sieht man nie am Donnerstag (okay, einmal, aber dann haben die die Schautze voll), wohingegen man die Donnerstagsleute an allen Tagen sieht, teilweise mit den Sprüchen: Basics aufarbeiten, Kondition powern, ...
    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!

  11. #11
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    Die Sachen, die in unserer Gesellschaft "schief gelaufen" sind, ala Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass, wurden ja schon aufgezählt. Für viele tcma scheint es mir so zu sein, dass Distanztiming, auspendeln u.s.w. nicht mehr, oder kaum trainiert werden, vieles läuft nur aus dem Armkontakt. Der Eindruck entsteht jedenfalls bei mir wenn ich die XY-Meister verliert gegen xy-moderner Stil ansehe.
    Sprich, da wurde etwas trainiert, was nicht zielführend war. - Ist aber auch eher ein "modernes" Problem (glaube ich jedenfalls).

    Generell denke ich was zu der heutigen Situation der "traditionellen" Systeme [was ist das eigentlich? Ist Shotokan oder Kyokushin traditionell? Was ist mit MT (erster Ring lt. WP 1921)?) führte, ist der Gedanke der Volksgesundheit und "preussisches" Training.
    Da sind aus meiner Sicht viele Inhalte (aufgrund der Zielsetzung und des Massenunterrichts) verloren gegangen.

    Es wird aber doch niemand daran gehindert, parallel zu seinem traditionellen Training, etwas zu trainieren, in dem gekämpft wird.

    Allerdings wird man da nur schwer "Karriere" machen. Da hat man dann für das "traditionelle" eher weniger Zeit (obwohl Schnueffler das ja hinbekommt).

    Meine persönliche Sicht ist da eigentlich:
    Solange man jung und fit ist, in den sportlichen (Wettkampf) Bereich gehen, wenn man merkt, man wird dafür langsam zu alt, in die traditionellen Sachen einsteigen. Dann hat man eine gute Basis und merkt auch wenn der "Meister" nur schräges Zeug oder Wellness rüber bringt,

    Liebe Grüße
    DatOlli

  12. #12
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    Die traditionellen Kampfkünste (im Sinne von ursprünglich mal im Militär und zivilen Bereich mit Waffen ausgeübt) haben verschiedene Probleme.

    1. Durch den Wandel in der Kriegsführung und Technologie wurden Klingen und Bögen so gut wie überflüssig, dadurch musste das traditionelle Training umgestellt werden. Weg vom Ringen und Anwendungen mit den Waffen, hin zur modernen Kriegsführung.

    2. Umstellung der Regierungssysteme und „Klassen“ (im weitesten Sinne). Dadurch wurden viele Bereiche, neben dem Militär, umorganisiert in denen früher die „traditionellen“ Kampfkünste ausgeübt wurden.
    Auf Okinawa/ Japan wurde der Adel „abgeschafft“ und musste nun keine Ordnungsfunktion mehr übernehmen, das würde durch die neue „Polizeistruktur“ mit „modernen“ Methoden übernommen.
    In China wurde das Yamen-System abgeschafft und die Yayi, die sonst als Leibwächter, Kopfgeldjäger oder Steuereintreiber gearbeitet haben, wurden durch neue Polizeibeamte mit modernen Waffen und Methoden ersetzt (siehe Faibairn).

    3. In China und Okinawa/Japan wurden die „traditionellen“ Kampfkünste, die dort als „rückständig“ angesehen wurden (Stichwort „Sick man of Asia“), auf Grund von unterschiedlichsten Motiven, abgeändert und zur Leibesertüchtigung nach preußischen Vorbild eingesetzt. Das hatte aber zur Folge dass man sich nur auf die Förderung der Körperertüchtigung konzentrierte und die alten Methoden (also Kampf mit Klinge, Ringen und Bogenschießen) nicht mehr geübt wurden. Kurz: Weg von partnerorientierten Training (sprich „Anwendungen First“) hin zu „Gruppengymnastik“ (sprich „Formen/Kata“).

    4. Bei der Übertragung in den Westen wurde sehr oft diese „reformierte“, „alte“, Kampfkunst als traditionelle Kampfkunst missverstanden, da das Wissen nicht vorhanden war dass die alten Methoden abgeändert wurden um den Volkskörper zu stärken.

    5. Im Westen wurde also hauptsächlich Körperarbeit/Gymnastik als „traditionelle Kampfkunst“ geübt, manchmal noch mit der Adaption an den modernen Wettkampfsport (Wettkampfkarate, Sanda, etc.).

    6. Asiatisches Flair klang bei einer gewissen Klientel Ende des 20. Jhd. cool und traf den Nerv der Zeit (Kung Fu Hype, New Age etc.).

    7. Wer friedlich und gewaltablehnend war fand sich beim Tai Chi wieder, wer sich hauen wollte ging, mangels Alternative, zum Karate und/oder Kung Fu, bzw, TKD.

    8. Sowohl die Chinesen, als auch die Japaner, entdeckten das Geschäftspotential hinter dem Interesse an den „traditionellen“ Kampfkünsten und bauten darum eine Marketingmaschiene auf.

    9. Heutzutage gilt das als „traditionell“ was die Mehrheit glaubt das es ist (Shaolin, „Okinawakarate“, Wudang etc.).

    10. Dadurch sind in den „traditionellen“ Kampfkünsten heutzutage eher nicht mehr diejenigen, die wirklich noch die gewalttätige Seite darin suchen.
    Diejenigen, die das Ende des 20. Jhd. taten, merkten, mehr oder weniger schnell, dass die „Gymnastikkampfkunst“ nicht wirklich praxistauglich war und wechselten entweder zu „moderneren“ Sachen, oder kreierten ihr eigenes Ding (letzteres oft auch um Geld zu verdienen, der Markt ist groß).

    11. Die wenigen, die noch die wirklich alten Methoden kennen, findet man im großen Grundrauschen der „Kampfkunstwelt“ oft gar nicht, bzw. können viele auch gar nicht einschätzen was wirklich „alt“ ist und was nur eigenkreierter Mist ist.
    Man muss nur mal bei YT nach „Bagua Applications“, „Tai Chi Applications“, „Kata Bunkai“ etc. suchen und sich angucken was man da gezeigt bekommt.
    „Traditionell“ müßten da jede Menge ringerischere Anwendungen drin sein (die man in jedem Ringerstil der Welt kennt) und jede Menge Anwendungen mit Schwert und Speer. Viel Spaß beim suchen (sagt nicht ich hätte euch nicht gewarnt )

    Das Problem „viele Menschen wissen heute gar nicht was Gewalt ist“ würde ich nicht auf die „traditionellen Kampfkünste“ anwenden, denn das ist ein generelles Problem. Leute, die da einen realistischen Blick drauf haben, suchen sich eh das zusammen was sie, für ihre spezielle Lebensrealität, brauchen.
    Geändert von kanken (22-07-2019 um 10:54 Uhr)

  13. #13
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    Zitat Zitat von kanken Beitrag anzeigen
    ...
    Danke, den Text muss ich mir merken. Die Frage kommt ja öfter auf, dann kann ich einfach verlinken.

    Liebe Grüße
    DatOlli

  14. #14
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    Ich denke das im Zuge der Vermarktung der TMAs vieles über Bord geworden wurde was mit Kämpfen zu tun hat, weil man neue Zielgruppen erreichen wollte.

    Dazu kommen dann Stilblüten wie No Touch Martial Arts und "Großmeister" die keiner treffen kann und alles umhauen. Man muss kein Kämpfer sein um zu merken das sowas blödsinn ist, aber es gibt eben auch genug Leute die auf so etwas reinfallen.

    Da es natürlich um viel Geld geht wird natürlich auch viel schöngeredet und zurechtgebogen und teilweise hat das ganz ja schon religiösen Charakter.

  15. #15
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    Zitat Zitat von oxox Beitrag anzeigen
    In großen Teilen der Kampfkunst-Gemeinde werden die traditionellen Kampfkünste scheinbar nicht besonders ernst genommen, besonders in robusteren Kampsport-Stilen mit viel Sparring und so weiter. Es gibt zwar Ausnahmen und respektierte Musterleute, aber die scheinen die Regel zu bestätigen und der Großteil der Schüler wird als nicht sonderlich wehrhaft erachtet.

    So, mal angenommen das liegt nicht unbedingt an dem ursprünglichen Geist dieser Kampfkünsten selber und alle haben etwas wertvolles zu sagen, was ist mit den Jahren schief gelaufen (wenn man das überhaupt so sagen kann)? Liegt es am fehlenden Verständnis, den Leuten die es trainieren? Kulturellen Übersetzungsfehlern? Kommerzialisierung? Am deutschen Vereinswesen? Vielleicht nur am Fehlen von robusten Kontroll- bzw. Korrekturmechanismen wie alltäglicher Gewalt?

    Eines der Argumente ist meine ich, dass sich der Fokus mehrfach verschoben hat. In dem Sinne, dass die Künste teilweise nur deswegen überlebten weil die spirituelle Komponente betont wurde und diese Systeme so freimaurermäßig dazu dienten Menschen allgemein besser zu machen, wo hingegen andere Systeme durch eine fehlende Notwendigkeit in Vergessenheit gerieten. Siehe zum Beispiel die Edo-Periode in Japan, wenn ich das richtig verstanden habe. Später dann wurden die Kampfkünste neu entdeckt und der Fokus verschob sich wieder auf die Effizienz, aber die esoterische Komponente wurde verwässert oder durch Unkenntnis pervertiert (wenn die Überlieferungsketten nicht ganz getrennt wurden).

    Alternativ zum obigen Absatz scheinen sich im südlichen Raum traditionelle Kampfkünste im Rahmen der Duell- und Ehrkultur gut gehalten zu haben, im Gegensatz zur spirituellen Variante. Oder vielleicht ist das auch Interpretationssache und das geht so ein wenig in Richtung Mannbarkeitsrituale. Nur so ein Gedanke.

    Verbessert mich gerne wenn ich Quatsch erzähle.
    Die KK in Deutschland sind zu sehr verwässert worden und damit meine ich das es weniger mit Kämpfen und SV zu tun hat sondern
    mehr mit Breitensport und Vereinsmeierei. Was für die KK nicht gut ist und beim Kampfsport geht es halt um Fitness und Wettkampf
    was bei vielen KK verloren gegangen ist. Deswegen werden KK wie Karate oder Kung Fu belächelt.

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