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Thema: Hintergrundwissen

  1. #46
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    Zitat Zitat von oxox Beitrag anzeigen
    Das ist wohl der Grund warum Hintergrundwissen eher nicht unterrichtet wird, weil es manchmal unangenehme Fragen aufwirft und man ohne Kontext leichter kontrollierbar ist. Oder ist halt unangenehm weil der eigene Stil eine nicht ganz so glorreiche Hintergrundgeschichte hat und man nicht gerne drüber spricht, selbst wenn man eigentlich kompetent ist. Rückblickend hätte ich mir für manche Sachen ein bisschen mehr Kontext gewünscht. Wenn da einer irgendwo sagt wir machen sowas wie japanisches Jiu-Jitsu sagt man halt ok und gibt das so weiter, wenn das Hintergrundwissen fehlt. Ich habe jedenfalls Leuten Jahre lang gesagt, dass ich neben anderen Sachen japanisches Jiu-Jitsu gemacht hätte, von wegen halt nachgebende Kunst oder sowas und Samurai und so. Da geht Leuten die Ahnung von der Materie haben glaube ich die Hutschnur hoch.
    Ja, aber darüber wird hier in nahezu regelmässigen Abständen diskutiert, seit Jahren.
    Und ich bleibe bei meiner, vielleicht etwas harten Meinung: Jeder ist selbst verantwortlich, mehr zu lernen und erfahren. Wenn man das Glück hat, in einer authentischen Linie zu stehen, wo dies ganz selbstverständlich gefördert (und gefordert) wird, umso besser.
    Aber jeder, der sich jahrzehntelang etwas erzählen lässt (Budôromantik anyone?), ohne ein einziges Mal auch nur kurz ins Grübeln zu kommen, hat es leider nicht besser verdient.
    Hokushin Ittô-ryû Hyôhô - Shibu Schweiz
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  2. #47
    oxox Gast

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    Zitat Zitat von ryoma Beitrag anzeigen
    Ja, aber darüber wird hier in nahezu regelmässigen Abständen diskutiert, seit Jahren.
    Und ich bleibe bei meiner, vielleicht etwas harten Meinung: Jeder ist selbst verantwortlich, mehr zu lernen und erfahren. Wenn man das Glück hat, in einer authentischen Linie zu stehen, wo dies ganz selbstverständlich gefördert (und gefordert) wird, umso besser.
    Aber jeder, der sich jahrzehntelang etwas erzählen lässt (Budôromantik anyone?), ohne ein einziges Mal auch nur kurz ins Grübeln zu kommen, hat es leider nicht besser verdient.
    Ja ich weiß, wir hatten die Diskussion schon mal glaube ich. Das eigentliche Problem ist imho wenn man anfängt sein eigenes Selbstwertgefühl bzw. Statussymbole an schlechten Kontext zu binden. Jemand der den 10.Dan im "japanischen Jiu-Jitsu" hat wird wohl eher nicht öffentlich Kritik an sich selbst üben. Desto mehr Zeit man in so eine Lebenslüge steckt desto schwieriger wird es sich das einzugestehen. Oder die Leute interessiert es überhaupt gar nicht mehr. Kann ja auch sein.

  3. #48
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    Was mich persönlich ja wundert ist, dass Budo Romantik so hoch angesehen ist? Ich war da immer eigenen, mich haben Martial Arts Filme immer davon abgeschreckt mich für Kampfkunst zu interessieren. Nur komplett unrealistische Kampfstile die im echten Leben nicht möglich sind, (wie z.B die Kampfkunst der Jedi Star Wars ) hatten auf mich ein gewisses "Appeal".

    Aber für viele Leute sind diese Bruce Lee oder Ninja Filme ja ein Einstieg in die Kampfkunst. Da gehen die Leute auch mit bestimmten Erwartungen heran. Ich fand diese Geschichten aber schon immer unglaubwürdig. Am "besten" gefällt mir ja immer noch der Karate Mythos, dass Karate eine Kampfkunst der armen Bauer war um sich unbewaffnet gegen einen Samurai mit Schwert zu behaupten. Selbst ohne das kleinste Hintergrund Wissen über Kampfkünste erschien mir das immer schon wie der reinste Mumpitz.

    Aber die Leute scheinen das echt zu kaufen, sonst hätte man das nicht in zig Vereinen verbreitet. Ein weitere Klassiker sind die Ju Jutsu Geschichten oder Jiu Jitsu Geschichten wie es in unseren Breitengraden oft genannt wird. Diese Räuberpistolen findet man viel zu oft.

    Was mich am meisten schockiert ist ja der Umstand, dass in unserer Gesellschaft ja normalerweise kritisches Denken gefragt ist und das man selten alles für bare Münze nimmt, was einem erzählt wird.

    Nur in den Kampfkünsten ist das wohl anders. Da scheinen manche Leute ihr Gehirn echt zusammen mit der Straßenkleidung abzulegen sobald sie in der Umkleide ihren Gi anziehen und die Sporthalle zu gehen.

  4. #49
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    Zitat Zitat von karate_Fan Beitrag anzeigen
    Was mich persönlich ja wundert ist, dass Budo Romantik so hoch angesehen ist?
    Die Leute wollen unterhalten werden, das ist was zählt. Je actionreichen die Story und je bunter die Bilder, desto besser.

    Ist ja prinzipiell auch nichts verwerfliches dran. Damit kann man Wissen in die Massen transportieren.

    Karate Kid 1 & 2 sind die beiden besten Filme zum Karate (und den traditionellen KK) die ich kenne. Der Drehbuchautor kam aus dem Isshin-ryu und hatte Zugang zu gutem Wissen. Klar, ist viel Klischee drin, aber dennoch...

    Matrix 1-3 packt extrem viel philosophischen Kontext in ein modernes Gewand und erreicht die Massen.

    Budoromantik muss nicht schlecht sein, man muss sie nur richtig einordnen und die Show vom eigentlichen Inhalt trennen können.

    Wurde früher übrigens genauso gemacht. Man muss sich nur die Erzählungen wie „Water Margin“ oder „Journey to the West“ angucken...

  5. #50
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    Leider sind "Geschichten" in der Kunst die ich trainiere Gang und gebe- glauben kann man davon leider nichts! Das fängt bei der Geschichte des ollen LapuLapu an und zieht sich durch die gesamten Systeme(Stichwort: indigene Kampfkunst- gerade mein Stiloberhaupt verbreitet da sehr viel Mist und Blödsinn)
    Nicht desto trotz ist das Training für mich gut und ich bin zu frieden mit dem, was ich in der Hand habe

  6. #51
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    Zitat Zitat von kanken Beitrag anzeigen
    Um „Schüler“ zu sein muss man nicht zum Mitbewohner des Lehrers werden und ein quasi klösterliches Leben leben!
    Mein Lehrer hat es, in meinen Augen, sehr schön auf den Punkt gebracht:

    Du musst zum Freund des Lehrers werden.

    Freunde haben die gleichen Interessen, tauschen sich über diese Dinge aus, stehen zueinander, helfen einander. Wenn jemand etwas besser kann und weiß, dann wird der Andere automatisch zuhören um zu verstehen was gesagt wird. Er fragt nach und es wird ihm gezeigt.
    Man kann aber nichts einfordern, es kommt aus einem inneren „Wunsch“ heraus. Wie bei einer Freundschaft eben. Es ist ein geben und nehmen.

    Der eine ist Unternehmer, der andere Angestellte. Der eine kennt sich in Medizin gut aus, der andere in Physik oder Jura oder BWL. Der eine hat eine Familie, der andere nicht. Das ist egal. Die KK ist das verbindende Element. Jeder bringt seine Kompetenzen ein und stärkt die Gemeinschaft.

    Die Wurzel der TCMA liegt in den Familienclans und den diversen „Hilfsgemeinschaften“ und Sekten. Da steht die Gemeinschaft an oberster Stelle und natürlich die Freundschaft (bzw. im Konfuzianismus die Familienstruktur, das würde aber hier zu weit führen). Aus ihr heraus funktioniert das Leben und man ist abgesichert. Im Dtld./Europa des 21. Jhd. ist diese Struktur natürlich etwas „aufgelockerter“ zu sehen, daher ja auch das:

    Der Lehrer muss dein Freund sein. Das trifft es im Kern sehr gut.
    Dann Schüler

  7. #52
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    Zitat Zitat von Stixandmore Beitrag anzeigen
    Leider sind "Geschichten" in der Kunst die ich trainiere Gang und gebe- glauben kann man davon leider nichts! Das fängt bei der Geschichte des ollen LapuLapu an und zieht sich durch die gesamten Systeme(Stichwort: indigene Kampfkunst- gerade mein Stiloberhaupt verbreitet da sehr viel Mist und Blödsinn)
    Nicht desto trotz ist das Training für mich gut und ich bin zu frieden mit dem, was ich in der Hand habe
    Ich würde sagen, es mehre Arten von KK Romantik.

    Hat man wie es in den FMA wohl üblich ist im Grunde einen effektiven und realistischen Stil, dann sind die Geschichten die zwar historisch fragwürdig sind, aber den Ruf der KK nicht schaden und keine falschen Informationen über Anwendbarkeit geben, wohl nur ein kleines Ärgernis.

    Gefährlich wird es nur wenn man es wie im Japan Sektor macht. Wenn man Karate als die ultimative Kunst geben einen Schwertkämpfer verkauft dann wird es gruselig.

    Oder der Klassiker im Judo. Wo behauptet wird, Würfe und Würgetechniken seien sanfter und wesentlich verletzungsarmer als Schlagtechniken.

    Dabei können Würfe und besonders Würger ebenso so gefährlich sein wie Schlagtechniken.

    Solche Geschichten die falsches Zeugnis über die Techniken oder den eigentlichen Sinn der KK abgeben sind meiner Meinung nach suboptimal.

    Die Verbesserung des Image der Kk mit Geschichten über historische Personen die man nicht zu 100pro belegen kann, sind da nur ein kleines Übel. Muss nicht sein, aber schadet der KK nicht da es den Leuten kein falsches Bild vermittelt.

  8. #53
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    Zitat Zitat von karate_Fan Beitrag anzeigen
    Was mich am meisten schockiert ist ja der Umstand, dass in unserer Gesellschaft ja normalerweise kritisches Denken gefragt ist und das man selten alles für bare Münze nimmt, was einem erzählt wird.

    Nur in den Kampfkünsten ist das wohl anders. Da scheinen manche Leute ihr Gehirn echt zusammen mit der Straßenkleidung abzulegen sobald sie in der Umkleide ihren Gi anziehen und die Sporthalle zu gehen.
    Wird in unserer Gesellschaft wirklich kritisches Denken gewürdigt? Unser Sohn hat vergangenes Jahr Abitur gemacht. Wir hatten während seiner gesamten Schulzeit endlose Diskussionen darüber, dass er immer wieder irgendeinen Blödsinn einfach hinnehmen sollte, was ihm völlig gegen den Strich ging. Zum Glück ist unser Sohn ziemlich selbstbewusst und hatte (und hat) auch vollen Rückhalt durch uns. Er ist am Ende sehr gut durch die Schule gekommen, aber er hätte es einfacher haben können, wenn er die Klappe gehalten und einfach alles hingenommen hätte.

    Ich selbst bin durch einen Gen-Defekt auch ein Mensch, der sehr vieles in Frage stellt. Und mit Blödsinn finde ich mich einfach nicht ab. Damit habe ich mir aber auch in meinem Karateleben eine ganze Weile lang nicht unbedingt Freunde gemacht. Nach einigen Jahren war ich so mutig bzw. unvernünftig, offensichtlichen Blödsinn offen anzusprechen. Nach einer Weile bin ich dann dazu übergegangen, nur zu fragen, ob denn irgendetwas so wirklich anwendbar oder gesund wäre. Selbst das war für viele "Meister" noch zu viel. Inzwischen teile ich solche Gedanken nur noch mit Menschen, von denen ich weiß, dass sie dafür offen sind.


    Das Problem des Tiefgangs in den Kampfkünsten hat meines Erachtens drei Dimensionen:

    Erstens ist es grundsätzlich sehr zeitaufwendig, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen, diese zu verarbeiten und daraus etwas abzuleiten. Da muss man sich vielleicht auch noch mit andere Sprachen, Kulturen, Philosophie, Religion, etc. auseinandersetzen.

    Zweitens geht es sehr viel um - nach westlichen Maßstäben - nicht einfach messbare Dinge. Solche "Kleinigkeiten" wie zum Beispiel "Schulter runter", "leichtes Verlagern des Schwerpunkts", etc. sind (momentan noch) nicht alle mit westlichen Methoden mess- oder erklärbar.

    Drittens bringen "Mythen" und selbstbewusst vorgetragene Erzählungen großer Meister ("Der war mal Vizeweltmeister! Der muss es wissen.") oft viel Nebel und Blödsinn in die Kampfkunstwelt. Das wiederum erschwert die ersten beiden Punkte.

    Da ist es doch wirklich einfacher, Gehirn und Straßenkleidung in der Umkleide abzulegen. Für mich wäre das nichts, aber ich möchte es auch nicht verurteilen.

  9. #54
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    Morsche,

    zu Bagua sag ich mal zum ersten Punkt nichts, da weißt Du es ja eh was ich schon mache und irgendwann mal machen werde (das weißt du sogar besser ;-)).

    Wie ist es bei Euch? Gibt es überhaupt „Theorie“, oder macht man einfach nach was der Lehrer zeigt?

    Karate: Gab es leider kaum Theorie. Vor und nach der DAN Prüfung habe ich mir einiges an Literatur besorgt und bin bei geschichtlichen Themen dabei leider in einige Fallen getappt.

    Judo: Im Unterricht wird viel Theorie (Bewegungslehre, Geschichte) vermittelt, alles durchaus wichtig um die Details besser zu verinnerlichen\umsetzen zu können und zu verstehen warum bei uns viele Dinge „anders“ gemacht werden. Häufig gibt es die Aufgabe sich bestimmte Bewegungsdetails in Videos (Hirano) nochmal genau anzusehen.


    Welchen Stellenwert hat eigenständiges Lernen bei Euch?
    Karate: Für mich hatte es einen hohen Stellenwert, da war ich aber eher die Ausnahme
    Judo: Ist es im Schülerbereich nicht zwingend gefordert (bei 3x Training pro Woche mit Dauer von 2 – 3,5h) , für den DAN aber dann notwendig. Für mich hat es von Anfang an einen sehr hohen Stellenwert.
    Bagua: Naturgemäß sehr wichtig

    Wie wichtig ist das Verständnis dessen, was man übt für Euch (im Sinne von Einordnung „wo kommt es her und was mache ich da eigentlich“)?
    Karate: War es mir erst ab der DAN Vorbereitung wichtig. Vorher: Hauptsache es funktioniert.
    Judo: Wichtig
    Bagua: Sehr wichtig

  10. #55
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    Im Zhong Xin Dao I Liq Chuan kommt man ohne ein weites Verständniss der Philosophy mit Sicherheit nicht weit. Die Basisübungen sind so aufgebaut dass sie nicht dazu da sind einfach nur wiederholt zu werden sondern als Werkzeuge genützet zu werden, um gewisse Prinzipien und körperliche Zusammenhänge zu erkennen. Dadurch wird mit der Zeit den Schülern bewusst dass jede Bewegung für sich einzigartig ist und man eigentlich gar nicht im Stande ist eine Bewegung genau gleich zu reproduzieren, man gibt sich höchstens der Illusion hin, dass man das tut. Das Gleiche gilt für die Haltung und Stabilität ... so etwas wie eine stabile Haltung gibt es nicht, man muss das erkennen und sich davon lösen. Dann erkennt man auch was Gleichgewicht bedeutet. Man erklärt diese Dinge sehr genau, weil das intelektuelle Verstehen eine gute Basis ist, um diese Dinge in sich zu entdecken und zu kultivieren. Wir haben einen Leitfaden in dem sehr viel der "Theorie" steht und auch eine Definition des Vukabulars dh bestimmte Ausdrücke werden ganz klar beschrieben und definiert damit die Schüler sie nicht nach eigenem Ermessen interpretieren, sondern ganz genau lernen können was damit gemeint wird.
    Geändert von Lubo ILC (05-11-2019 um 16:28 Uhr)

  11. #56
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    Interessanter Thread mit schönen Beiträgen. Ich trainiere und unterrichte Ju-Jutsu und zwar das, was allgemein unter deutschem Ju-Jutsu bekannt ist. Meine Sichtweise ist recht pragmatisch. Geschichtliche Hintergründe gibt es aus Sicht der Budokünste sicherlich, aber das nimmt gerade bei Anfängern eigentlich kaum Platz ein.

    Zunächst einmal gibt es unter Einsteigern eine gemeinsame Motivation: sie suchen Spaß, sportliche Betätigung und wollen Kämpfen lernen. Es gibt die aufgedrehten, meist jungen Leute, die tatsächlich oft vom Fernsehen inspiriert werden, es gibt Menschen mit negativer Gewalterfahrung, die sich verteidigen wollen und es gibt natürlich auch Personen, die aus anderen Stilen gewechselt haben. Das alles ist sehr interessant, aber ich habe noch niemanden erlebt, der von Anfang an auf Wissen über die Historie aus war. Den meisten ist es anfangs eigentlich egal, ob sie jetzt Ju-Jutsu oder Aikido oder Karate lernen, sie sind einfach nur der Internetseite oder Empfehlungen gefolgt.

    Als Lehrer muss man all diese Dinge auf einen Nenner bringen. Das geht bei uns über die Atmosphäre, man ist tatsächlich gerade anfangs auch ein Entertainer. Die Leute wollen Spaß vermittelt bekommen, Spaß haben und ganz wichtig: sie wollen auch erste Erfolge "erfahren" (Resultate, aber auch Feedback).
    Unsere Aufgabe ist immer, in einem gewissen Rahmen auf Hintergründe einzugehen. In aller Regel sind das technische Erläuterungen. Man muss Anwendungsbereiche verstehen lernen, sonst ist das Training sehr schnell Zeitverschwendung, oder besser: wenn man die Prinzipien einer Anwendung versteht, beginnt erst das eigentliche Training. Das geht mal schneller (Bewegungslehre. Distanz, Deckungsverhalten), mal langsamer (Technikabfolgen, Sparring, Würfe, Fallschule).
    Ich selber lege tatsächlich relativ schnell Wert darauf, eine Beziehung zu meinen "Schülern" aufzubauen. Techniken lernt man, indem man sie gemeinsam erarbeitet. Natürlich zeige und erläutere ich Dinge, im Gros und unter ständigen Partnerwechseln erarbeiten sich die Schüler dann aber ihr Verständnis und meine Aufgabe ist es, Hilfestellungen zu geben, wenn es hakt. Ich erwarte außerdem sehr frühzeitig, dass die Leute Fragen stellen. Wir geben uns große Mühe, aber es ist nicht immer möglich, auf jede Person ausführlich einzugehen, daher zählt es für mich zur Aufgabe und vielleicht auch Pflicht eines Schülers, Dinge anzusprechen oder nachzufragen, die jemanden interessieren oder wo es Verständnis-/Umsetzungsprobleme gibt.
    Ich versuche also sehr schnell, ein Wir-Gefühl aufzubauen, Dialoge (in angemessenem Rahmen) zu fördern. Das führt auch zu dem ehrlichen Nebeneffekt, dass Diejenigen, die vielleicht mit einer falschen Vorstellung das Training angegangen haben, die Chance haben, frühzeitig einen anderen Weg zu suchen. Finde ich alles sehr wichtig.

    Ansonsten: Trainer und Schüler gehen einen gemeinsamen Entwicklungsweg (beide Seiten!) und das ist ein sehr schöner Prozess, keine Frage. Ich biete vieles, es ist aber die Aufgabe des Schülers, Dinge anzunehmen und für sich selbst anzuwenden (eben eigenständiges Lernen). Schüler, die über die Jahre regelmäßig trainieren, lernen und fordern es, über den Tellerrand zu schauen: wo kommt unser Stil her, was war die Intention, wo führt die Reise hin oder wo kann sie hinführen? Das folgt oft dem sportlichen Weg über Lehrgänge, Seminare, separate Trainingseinheiten, aber durchaus auch ab und zu über längere Gespräche.

    Zitat Zitat von kanken Beitrag anzeigen
    Du musst zum Freund des Lehrers werden.

    Freunde haben die gleichen Interessen, tauschen sich über diese Dinge aus, stehen zueinander, helfen einander.
    Es ist zumindest ein sehr harmonisches Miteinander, das sich entwickelt. Wobei sich unser Teilnehmerfeld unterschiedlich gestaltet, es gibt diejenigen, die (aufgrund von Familie oder anderen Gründen) unregelmäßig ein Mal wöchentlich trainieren und dann auch wirklich abschalten und trainieren wollen, als reiner Ausgleich. Das ist vollkommen ok.
    Natürlich sind für mich diejenigen, bei denen ich die Begeisterung, die Motivation, alles aufnehmen und verstehen zu wollen, spüre die, mit denen ich persönlich in der Regel eine intensivere "Beziehung" eingehe. Meist sind es dann eben die Unterhaltungen abseits der Matte, auf denen Hintergründe, Philosophien, aber auch persönliche Einstellungen thematisiert werden. So etwas entwickelt sich, ich fordere es nicht.

    Ich finde es immer wichtig, dass man sich gegenseitig Respekt entgegenbringt. Natürlich nimmt man als Trainer auch eine Vorbildfunktion ein, aber irgendwann kommt auch der Punkt, ab dem der Schüler vielleicht einmal selbst unterrichtet, ab dem man sich mehr und mehr auf einer Höhe bewegt. Mein Wunsch ist immer, dass meine Schüler irgendwann besser sind, als ich selber. Und vielleicht trotzdem noch zu meinem Training kommen, einfach, weil man sich schätzt.

    Vielleicht ist das einmal eine etwas andere Sichtweise. Hintergrundwissen -egal in welcher Richtung- ist für mich eine Begleiterscheinung. Ich kenne kaum jemanden, der jahrelang bei uns trainiert und nicht auch die eine oder andere Fachliteratur in seinem Regal hat. Das führt dann natürlich vom deutschen Ju-Jutsu weg und hat grundsätzlich wenig Einfluss auf unser Training. Aber mich freut es immer sehr, wenn die Schüler irgendwann ihre eigenen Wege gehen.
    It 's not who I'm underneath but what I do that defines me. Bruce Wayne
    Dabei würdest Du sogar beim Schattenboxen verlieren. Kannix

  12. #57
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    So, mal völliges OT von meiner Seite:

    4 Seiten interessante, spannende und höfliche Kommunikation, selbst bei anderen Sichtweisen!
    Vielen Dank an alle und an Kanken für den Thread und das Thema an sich!

    Ich erwähne das hier speziell, weil dies leider absolut keine Selbstverständlichkeit mehr ist in der Forenwelt.

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  13. #58
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    Interessantes Thema.

    Ich selber bin kein Sinologe, beschäftige mich aber seit Jahren mit chin. Philosophischen Schulen(Daoismus,Konfuzianismus,Buddhismus etc.) die ja die Kampfkünste mitbeeinflusst haben,
    sowie mit chin. Geschichte,Kultur,Bräuchen etc. .
    Bin mit einer chin. Frau verheiratet habe eine 5 Jährige Tochter die fleissig Chinesisch in einem chinesisch-deutschen Kulturverein lernt , in dem wir Mitglieder sind.(Vermittlung der chin. Sprache,Kultur etc. an meine Tochter)

    Für mich ich das Hintergrundwissen ein wichtiger Aspekt !


    PS: Schaue aber auch über den Tellerrand und beschäftige mich auch mit anderen asiatischen Kulturen , da wir Bekannte und Freunde aus anderen asiatischen Ländern haben.
    Geändert von Huangshan (07-11-2019 um 13:24 Uhr)

  14. #59
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    Zitat Zitat von ryoma Beitrag anzeigen
    Same here! Was für ein Wunder, ne!
    Ja, trennen kann man es tatsächlich nicht. Ich habe das ja bereits kurz angedeutet mit dem Satz: "Jede Ryûha hat da meist ein umfassendes Lehrgebäude dazu, welches zudem üblicherweise Hand in Hand geht mit den technischen Prinzipien der Schule."

    Der Unterschied mag sein, dass man bei uns nicht wirklich auf (externe) Literatur verweisen kann. Alles ist in der Ryûha enthalten und kommt auch aus ihr. Wir haben unsere verschiedenen Makimono, in denen gewisse Sachen schriftlich fixiert sind. Aber auch diese kann man nur entschlüsseln, wenn einem die Kuden dazu vermittelt werden.
    Ja, ich zitiere mich selbst... sorry!

    Ich möchte jedoch nochmal auf dieses Thema zu sprechen kommen.
    Vor einigen Wochen wurde im Japan-Bereich dieser Thread eröffnet: https://www.kampfkunst-board.info/fo...chtb%C3%BCcher
    Es geht um zwei Vorträge im Deutschen Klingenmuseum Solingen und da im Speziellen um den von Michael Mattner: https://www.youtube.com/watch?v=KPb0...QhVfmeVhSkzBYU

    Meine Vorbehalte mit dem Vortrag habe ich bereits im entsprechenden Thread kurz dargelegt.
    Da wir hier aber nicht im Japan-Bereich sind, möchte ich das gerne noch etwas ausführen: Schriften, welche die DNA einer Ryûha betreffen, können zwingend nur mit weiteren Inhalten technischer und philosophischer (evtl. auch religiöser) Art entschlüsselt werden.

    Da Herr Mattner der Yagyû Shinkage-ryû weder als Schüler oder gar als Lehrer angehört, erschliesst sich mir diese Arbeit und dieser Vortrag nicht, bzw. nicht in dem Masse, wie es sich der Präsentator evtl. vorstellt.

    Würde sich nun ein hochrangiger Vertreter einer anderen Ryûha mit diesem zentralen Text der Yagyû Shinkage-ryû auseinandersetzen, könnte dieser u. U. auf das Wissen in seiner Schule zurückgreifen, um sich dem Text annähern zu können. Da würde es dann noch darauf ankommen, aus welcher der drei bzw. vier Hauptströmungen der jap. Schwertkampfkunst seine eigene Ryûha hervorgegangen ist. Denn Schulen, welche aus derselben Hauptströmung stammen, teilen meist auch gewisse Inhalte, was dann wieder einen direkten Einfluss auf das Textverständnis bzw. dessen Entschlüsselung hätte.
    Hokushin Ittô-ryû Hyôhô - Shibu Schweiz
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  15. #60
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    Kurz zum Thema Budoromantik,Kampfkunstlegenden... :

    China:
    In China wurden in einigen Schulen,Stilen mythische,legendäre etc. Personen oft als Stilgründer eingesetzt um einen Stil,Schule aufzuwerten, ihm mehr Ansehen zu verleihen (Status,ältere Gründungslinie...)oder aus Verschleiherungsgründen.(Geheimbünde)

    Es wurden in einigen chin. Stilen folgende legendäre Personen als Stilgründer eingefügt:

    Kaiser Taizu,General Guan Yu, General Yue Fei, Bodhidharma(Damo),Zhang Sanfeng,die 5 Ältesten(Süd Shaolin),Mulan etc.....

    In China , Asien war , ist dieses uns oft seltsam vorkommende und nach rationalen Denken, wissenschaftlichen Aspekten etc. befremdliche Vorgehen also nichts unübliches.

    Früher gab es wenige Wissenschaftler(Historiker,Sinologen,Japanologen etc.) die sich mit dem Thema Kampfkunstgeschichte befasst haben, da dieses Gebiet kein wissenschaftliches Ansehen genoss.
    Mittlerweile gibt es Autoren,Werke,Gruppen ... die sich mit Kampfkunstgeschichte im wissenschaftlichen Kontext befassen .

    Eine Gruppe ist z.B. der Bunbu Forschungskreis http://www.bunbu.de/ für Kampfkünste aus Japan,Ryukyu Inseln(Okinawa)...

    Der Forschungskreis zur Theorie, Praxis und Philosophie japanischer Kriegs- und Kampfkünste (bunbu-kenkyûkai) ist ein loser Zusammenschluss wissenschaftlich-japanologisch arbeitender Personen, die sich mit diesen Themenfeldern unter ihrem je eigenen Blickwinkel und Schwerpunkt beschäftigen.
    PS:
    ryoma hat aber einen wichtigen Punkt aufgezeigt!
    Wenn es um tiefgründiges Stil,Schulwissen,Verstädniss... geht, so sollte der Forscher auch Kenntnisse in verwandten Kampfkünsten oder speziell von der zu erforschenden Schule haben.(Theorie-Praxis)
    Geändert von Huangshan (07-11-2019 um 13:24 Uhr)

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