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Thema: Der Hirtenstock und die Knochenbrecherkunst Gambetto

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    Standard Der Hirtenstock und die Knochenbrecherkunst Gambetto

    Der Hirtenstock
    und die
    Knochenbrecherkunst Gambetto



    Die Reise führten meinen Freund und Schüler, Marc Bauer, und mich diesmal zu Maestro Peppino aus Apulien und erneut nach Genua, zu Maestro Parodi. Den Schwerpunkt setzten der apulische Hirtenstock und das genuesische Gambetto.

    Il Bastone Pugliese/ der pulische Hirtenstock
    Beim apulischen Hirtenstock, dem Bastone Pugliese, handelt es sich um die Kunst von Schäfern und Hirten im Umgang mit einem circa 135cm langen Stab. Im Gegensatz zu seinem sizilianischen Schwesternstil verwendent man bei dieser Kunst sehr schwere Hölzer im Training und im Kampf (i. d. R. die Zerreiche).

    Zuerst erlernt man eine Ansammlung von 16 Figuren, die, zusammengefügt, eine Form darstellen, welche sobald wie möglich in freier Zusammenstellung durchlaufen wird. Die ersten 10 Figuren sind die für den Kampf relevantesten. Im Einzelnen handelt es sich dabei um:


    Mulinelli da fermo (Wirbelschläge stehend)

    Mulinelli camminando (Wirbelschläge gehend)

    Coltello stretto (enges Messer)

    Coltello largo (weites Messer)

    Passettini giranti (kreisende-/ drehende kleineSchritte) oder auch: Passi d`assalto (Ansgriffs-/ Ansprungschritte)

    Sfilata con quadrato liscio (Stich mit glattem Quadrat)

    Quadrato liscio (glattes Quadrat)

    Tre passi di divisione (drei Teilungsschritte)

    Quattro passi di divisione (vier Teilungsschritte)

    L`assalto (Angriff/ Ansüprung)

    Puntata di gran gala

    Mutilato di gamba e colpo traverso

    Due mezzi giri e colpo alla testa

    Sottomani con mezzo giro di polso

    Cavalcante con mezzi giri d`assalto





    Diese Stockkampfkunst ist auf Fluß und Eleganz ausgelegt. Da der Stock sehr schwer ist, liegt der Fokus vermehrt darin, diesen in steter Bewegung zu halten. Das Eigengewicht des Stockes sorgt für die nötige Aufprallwucht. Die zur Führung der Waffe spezifische Kraft generiert sich aus den Beinen und der Hüfte.

    Weiterhin enthält die Kunst Sprünge und Tritte, sowie gesprungene Tritte. Auch der Kampf auf engen Raum wird abgedeckt. Kurze Paraden, Stiche und Schläge unter Einsatz der Hüfte und Handgelenksrotationen sorgen für die benötigte Kraftentwicklung. Der apulische Hirtenstock ist eine Kunst und erfordert ein hohes Maß an Übung und Liebe zum Detail.

    Auch fördert der Hirtenstock die für den Messerkampf wichtigen Attribute wie Beweglichkeit, Stand, Sprungkraft, Distanzgefühl et cetera.


    Der dritte von links ist Maestro Peppino. Auf dem Bild sieht man eine Position aus der Messermethode, la Galleota


    Um die beanspruchtesten Regionen des Körpers, die Handgelenke, die Schultern und den Rumpf, vorzubereiten, gibt es die sogenannte ginnastica (deut. Gymnastik). Dabei handelt es sich um spezifische Übungen, welche idealerweise auch zum Aufwärmen verwendet werden können ... und auch wird.


    Von Wucht, Blei und Knochenbrechen
    In Genua komplettierte ich zuerst den Spazierstpock und das Messer. Zudem erlernte ich den zweihändigen genuesichen Stock (ital. bastone a due mani), Diese Kunst stammt aus dem Jahr 1450 und wurde direkt vom zweihändigen Schwert abgeleitet. Im Gegensatz zum apulisch-sizilianischen Hirtenstock, handelt es sich um ein sehr einfaches System, welches nahezu nur brachiale Elemete aufweisst.

    Die Anzahl der Techniken ist sehr begrenzt. Durch die hohe Schlagwucht erfodert das Parieren ohne Schutzausrüstung einiges an Überwindung. Es ist ein schlichtes System, dass duch Agressivität besticht. Man kann es an einem einzigen Tag erfassen. Somit ist es ein ideales Werkzeug für die Liebhaber der Einfachheit und Härte.

    Das für mich Interessanteste war jedoch das Gambetto, welches ich gemeinsam mit Marc trainieren durfte. Es handelt sich dabei um eine reine Nahkampfkunst, deren Herkunft nicht mehr nachvollziehbar ist. In Italien existieren Legenden, dass diese Methodik des Kampfes auf das griechische Pankration zurückgeht. Ob dem so ist weiss kein Mensch. Den Prinzipien und Ideen der Kunst nach zu urteilen, liegt dies aber sehr wohl im Rahmen des Möglichen.

    Im Gegensatz zu asiatischen Künsten, konzentriert sich das Gambetto nicht im Ansatz auf Hebeltechniken. Vielmehr handelt es sich bei allen Aktionen um reine Bruchtechniken. Man fokusiert dabei die Finger, die Hangelenke, die Ellbogen, das Genick und das Gesicht des Gegners. Einige dieser Aktionen werden z. B. durch das Ausdrücken der Augen begleitet. Auch spielen Würfe eine Rolle, deren Sinn darin liegt, den Hinterkopf des Gegners gegen den Asphalt zu schmettern.

    Es gibt zwei Tritte und drei Fauststöße. Das Gambetto wird auch verwendet, falls man beim Stockkampf veresehentlich oder nach eigenem Willen in den Nahkampf gerät. Auch hier wird das Prinzip der catena, der Kette, als Trainingmittel eingesetzt. Es geht dabei darum, von einer Bruchtechnik in die andere zu gelangen, sofern der Gegner die geplante Aktion nicht zuläßt. Im Ganzen handelt es sich um eine Verkettung von circa 12-18 Bewegungen.

    Zum Abschluß zeigte mir Maestro Parodi noch den sehr schlichten Umgang mit dem Stocca Osse, dem Knochenbrecher. Dieser mit Blei gefüllte Kurzstock (ca. 40cm) ist eine reine Schlägerwaffen, und hat nur das Ziel das Opfer aus der Überraschung heraus zu zerlegen. Die Methode besteht aus ungefähr sechs bis sieben Bewegungen, welche jedoch, richtig umgesetzt ihre Wirkung nicht verfehlen.


    Roberto Laura
    Neckarsulm, 16. Oktober 2006
    Geändert von roberto (16-06-2008 um 14:33 Uhr)

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