Hallo Karl-Heinz!
Als Erstes möchte ich Dir für Deine ausführlichen Kommentare und Analysen danken. Ich bedaure es sehr, daß Du die "Welt der Foren" nicht als die Deinige ansiehst und sie lieber meidest. Das verhindert Gespräche, auf die ich mich sehr gefreut hätte und wo ich hätte viel lernen können, da aus Deiner Argumentation eine bestimmte Art von Sachverstand ersichtlich ist, den man zu selten antrifft.
Diesbezüglich ein aufrichtiges und respektvolles "OSU!" an Dich!
Letztlich ist es deswegen auch schade, daß Du Deine überaus interessanten Ausführungen in den Kontext einer Betrachtung über die Physik des Karate stellst, da Du mit Deiner Meinung eben genau diese Physik in Frage stellst. Was letztlich dazu führt, daß wir wieder einmal Äpfel mit Birnen vergleichen.
Bitte versteh' mich keineswegs so, daß ich Deine Erfahrungen irgendwie in Zweifel ziehen möchte. Du bist inn jeder Hinsicht der Ältere, wovor ich großen Respekt habe, und Du hast sicher sehr gute Gründe dafür, daß Du Dich letztlich dem Karate abgewandt hast. Selbst davor habe ich großen Respekt.
Jedoch, und das bitte ich Dich zu verstehen, zwingt mich Deine Argumentation, den Rahmen, in dem ich mich nach wie vor wohl fühle und den ich nicht einmal annähernd verstehe, bereits wieder zu verlassen.
Das habe ich vielleicht noch vor mir, kann es aber noch nicht erkennen.
Aus diesem Grund bin ich praktisch auch gezwungen, mir eine Gegenargumentation zu dem, was Du geschrieben hast, "aus den Fingern zu saugen". Bitte, ich wiederhole es noch einmal, sieh dies nicht als Respektlosigkeit an.
Trotz Deiner Ankündigung, Dich endgültig zu verabschieden, hoffe ich, daß Du diese Zeilen trotzdem liest.
OSU!
Vorweg eine nette Anekdote:
Wer C.W. Nicols' "Moving Zen" gelesen hat, erinnert sich sicher an die dort beschriebene Begebenheit, als der Autor auf einen wirklichen Tai-Chi-Meister traf, sich mit dessen Leistungsfähigkeit konfrontiert sah und diesbezüglich Nakayama Sensei um Auskunft bat.
Nakayama's Antwort war so einfach wie verblüffend und offenbarte eine so wohltuend ego-lose Standortbestimmung des Selbst, wie es wohl nur wirkliche Meister zustande bringen. Nakayama antwortete sinngemäß, daß die offensichtlich nahezu übermenschlichen anmutenden Fähigkeiten einiger Tai-Chi-Meister aus der Sicht des "Normalbürgers" genau dies seien: übermenschlich. Für den Normalbürger reiche deswegen "einfaches" Karate.
Um hier gleich vorzubeugen: Ich halte es für begrenzt sinnvoll, über diese Aussage Nakayama's zu diskutieren, denn das einzig Wesentliche der Aussage steht klar geschrieben: Selbst die größten Karatemeister sind sich der Existenz einer Welt, die sich mit unseren Kategorien oder zumindest mit unseren derzeitigen Vorstellungen über unsere Kategorien nicht oder nur schwer erklären läßt, bewußt. Sie wissen aber auch: Es ist eine ANDERE Welt.
Zur Sache:
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, läuft Deine Argumentation auf Zweifel bezüglich der Wirksamkeit des Fokussierens der Technik an ihrem Ende hinaus, was Dich dann zu drei Schußfolgerungen führt, daß nämlich
1. die Technik eher weiterzuführen anstatt anzuhalten und
2. das Fokussieren zum "Verdauen" der auf den Karateka zurückwirkenden Kraft nicht geeignet sei und daß schließlich (unabhängig vom Fokussieren)
3. das trotzdem notwendige Maß an Anspannung beim Schlag zur Überwindung des Widerstandes des Zielobjektes Resultat eines natürlichen Spannungsprozesses des Körpers sei, der sich abgekoppelt vom Bewußtsein von selbst einstelle.
Ich hoffe, Dich insoweit richtig verstanden zu haben.
Ich glaube, daß diese Schlußfolgerungen innerhalb des Karatesystems systemwidrig sind, wenngleich sie in anderem Kontext durchaus Sinn zu machen scheinen (und daher an sich "stimmen", aber eben nur nicht beim Karate).
Natürlicher Anspannungsautomatismus anstatt absichtsvollem Spannungsprozeß?
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Wenn man das von Dir beschriebene Tai-Chi-Handauflegen als Grundlage für diese Betrachtung nimmt, vermag ich mir das von Dir Beschriebene halbwegs vorzustellen.
Jedoch nicht, wenn, wie im Karate, eine dezidierte Schlagbewegung vorliegt.
Warum?
Die Muskeln, die dafür sorgen, daß der aufgrund der Masseträgheit des Zieles beim Treffen entstehende Widerstand überwunden wird, sind die gleichen, die bereits während der Beschleunigungsphase des Schlages die Masseträgheit des eigenen Körpers zu überwinden haben. Die Energierichtung ist exakt die gleiche! Und da die Spannung zur Beschleunigung bis zum Treffen auch nicht nachläßt, handelt es sich auch nicht um zwei Spannungen (eine am Anfang und eine am Ende), wenngleich ein kurzzeitiger Spoannungsabfall nach der "Initialzündung" bereits von Nakayama nachgewiesen wurde (was aber nicht bedeutet, daß der Karateka zweimal spannt).
Mit anderen Worten: Die Muskeln, die Du während des Treffens als sich natürlich und dem entsprechenden Widerstand angepaßt sich spannen siehst, sind beim Karateschlag von Anfang an gespannt. Und diese Spannung ist sogar von Anfang an sehr hoch, da zwar die Masseträgheit der Schlaghand geringer sein mag als die des Zieles (und damit die zur Überwindung notwendige Kraft), jedoch besteht beim Karateschlag, da eine erhebliche Wegstrecke zurückzulegen ist, auch aus taktischen Gründen das Erfordernis, die Masseträgheit des eigenen Körpers so schnell wie möglich zu überwinden.
Dies führt dann, wie bereits von Dir und mir dargestellt, im Idealfall unter Ausschaltung der Antagonisten zu einem wirklich schnellen, aber keinesfalls spannungslosen Schlag. Diese Spannung dient zu Anfang der Überwindung der eigenen Masseträgheit, später der des Zieles.
Der von Dir aufgestellte Satz, daß vor dem Treffen lediglich die Muskeln anzuspannen seien, die die Positur halten, ist zwar richtig, gilt aber nur für die Positur. Nach dem 1. Newton-Axiom verharrt ein Körper in Ruhe, wenn auf ihn keine Kräfte wirken, so daß die von Dir geforderte "Minimalkraft" lediglich dem Ausgleich der Schwerkraft dient. Eine Schlagbewegung erfodert demgegenüber aber denknotwendig Spannung, wenn auch idealerweise frei von unnötiger Gegenspannung.
Anmerkung: Diese Spannung ist aber immer noch streng vom sog. Fokus zu unterscheiden. Hier gemeint war lediglich die Spannung für die Schlagbewegung und das Eintauchen ins Ziel.
Weiterführen der Technik anstatt Anhalten?
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Vorweg ist gleich deutlich zu machen (was sich aus dem Vorstehenden aber bereits ergibt), daß der Karateschlag keinesfalls an der Oberfläche des Zieles abstoppt.
Exkurs:
Aber auch dieses "surface hitting" muß es als meisterliche Technik geben, denn anders wäre die ebenfalls vom o.g. C.W. Nicol in seinem Buch beschriebene Fähigkeit von Meister Kanazawa, auf einen Stapel Ziegel schlagen zu können und dabei lediglich einen (vorher bestimmten!) Stein irgendwo aus der Mitte zu zerstören, während die restlichen Ziegel intakt bleiben, nicht zu erklären.
Exkurs Ende.
Wie funktioniert es aber?
Leicht zu verstehen ist der Fall, wo der Karateka auf ein festes, wenn auch brüchiges Ziel schlägt.
Er muß kaum eintauchen und es genügt, die Energie schockartig abzugeben, um das Ziel zu zerstören. Hier bedarf es eines Eintauchens fast nicht, da die zu treffende Materie so hoch verdichtet ist, daß sie "schockbar" ist, da sich hier die Masseträgheit des Zieles von Anfang an bermerkbar macht.
Wie ist es aber bei Deinem "Kissen-Beispiel"?
Die Federn des Kissens weisen nicht die gleiche Dichte auf, daß ein Schocken so ohne weiteres möglich ist. Die Masseträgheit des Zieles macht sich, wenn ich vielleicht nur 2cm in das Ziel eingedrungen bin, nicht bemerkbar, wenn die Oberfläche derartig weich ist.
Aus diesem Grund "verdichtet" der Karateka durch Eintauchen die Materie des Zieles bis zu einem Punkt, wo auch hier die Energie schockartig freigesetzt werden kann.
Ich gebe zu, daß diese Materie sehr schwer verständlich und noch viel schwerer umzusetzen ist. Es ist sehr, sehr schwer, das auf tausendstel Sekunden genaue Timing zu finden, das erforderlich ist, um die Gratwanderung zu bestehen, die entsteht, wenn es gilt abzuwägen, ob der Schlag aufgrund des durch den Widerstand des Zieles stattfindenden Abremsens noch schnell genug ist, daß ein schockartiger Zustand überhaupt noch erreicht werden kann (was auch von der "überschießenden" Bewegungsenergie des Schlages abhängt). Abzuwägen ist dies immer mit dem Grad der bereits vorgenommenen "Verdichtung", ob diese also "schon" so groß ist, daß wir gegen die sich nun bemerkbar machende Masseträgheit des Zieles "anschocken" können.
Genau dies tun wir auch am Makiwara, wo wir das Brett zuerst soweit durchbiegen, daß ein gehöriger Widerstand entsteht, aber nicht so weit, daß dieser Widerstand den Schlag merklich abbremst. Das ist der Moment für den Fokus und wirklich extrem schwer, zufriedenstellend zu erlernen.
Der Fokus selbst aber wiederum dient nur dem Umstand, die Bewegungsenergie aller Teilmassen des Körpers zu übertragen.
Lieber Karl-Heinz, Du sagtest selber, daß es nur wenige Tai-Chi-Meister gibt, die diese Kunst auch kämpferisch umsetzen können. Trotzdem zweifelst Du nicht an der Wirksamkeit des Prinzips.
Was sagst Du, wenn ich das Gleiche für das Karate behaupte? Ist das Prinzip, was ich versucht habe zu erläutern, deswegen schlecht, nur weil an jeder Ecke ein Karatedojo ist und dort bereits Grüngurte anfangen, fleißig ihre Kunst zu hinterfragen, sie deswegen nie lernen werden und es demzufolge nur wenige Meister gibt?
Weiches oder hartes Verdauen?
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Das von Dir geschilderte "weiche Verdauungs-Prinzip" ist überaus beeindruckend und eine der schwierigsten Techniken, die es in der Kampfkunst zu erlernen gibt. Ich erinnere mich, daß ich einmal Meister Asai gesehen habe, wie er sich von hochgraduierten Kämpfern "volle Kanone" angreifen ließ und diese Angriffe mit geradezu läppisch erscheinenden Bewegungen auffing und neutralisierte. Dabei war nicht das geringste Anzeichen von Spannung zu bemerken.
Und trotzdem stimmt der Vergleich nicht.
Das von Dir geschilderte und von mir bei Asai beobachtete Prinzip ist ein defensives Prinzip, daß nur dazu dient, die auf den eigenen Körper einwirkende Kraft zu neutralisieren.
Dieses Prinzip verhindert jedoch, selbst Energie in großem Umfang abgeben zu können, was aber vonnöten ist, wenn ich selbst schlagen will. Und darum ging es hier.
Das 3. Newton-Axiom besagt, daß die Kraft, die von einer Masse auf eine andere einwirkt, die erste Masse in gleicher Weise trifft wie die "Zielmasse" > actio = reactio.
Die Kraft der reactio auszuschalten geht daher nur, wenn ich in entsprechender Weise die Energie der actio zurücknehme. Das beißt sich also die Katze in den *******, so daß nur ein Weg bleibt, nämlich die Kraft der reactio irgendie "auszuhalten" und nach Möglichkeit vielleicht sogar unverbraucht zu reflektieren ... und zwar indem ich mich starr zwischen Erdboden und Ziel fixiere.
Beste Grüße
Jens




