Tag 1 (Montag)

6:55 Uhr - der Wecker klingelt und es ist eiskalt im Zimmer, die Gebäude sind alt und kaum isoliert (einfach Glasfenster) Und als Heizung steht uns nur ein kleiner Elektro-Heizer unter dem Fenster zur Verfügung, gut dass wir die Schlafsäcke dabei haben. Dann gehts zum Frühstück, es gibt frische Brötchen und eine kleine, aber gute Auswahl an Aufstrichen und Kaffee/Tee. Nach dem Frühstück gehts direkt aufs Zimmer und Dogi anziehen, denn 8:00 Uhr geht ja schon das Aufwärmtraining los. Und was für ein Aufwärmtraining Die kleine Braungurtin, welche Muguruza mitgebracht hat, hätte sicher auch gute Karriere-Aussichten als Drill-Seargent, wir stellen uns noch etwas gemütlich in drei Reihen auf, da gehts schon los -sie brüllt Ich-Ni, der Rest San-Shi usw. immer im Wechsel, zuerst werden so ein paar Dehungsübungen im Akkord durchgespult, dann folgen die Rückwärts-Fallübungen 40 an der Zahl. Daraufhin 30 Liegestütze, 40 Situps und 40 Rollen. Wenn ein einziger nicht mitkommt, oder meint er setzt eine Rolle aus, sieht der kleine Teufel (wie sie manche hier liebevoll nennen) das sofort und steht direkt daneben "Quicker quicker, up, up do it again!" So dass keiner um das volle Pensum herum kommt.

Das ganze geht bis 8:25 Uhr dann heißt es erstmal still in Seiza sitzen, bis der Sensei kommt. Total verschwitzt mit offenen Fenstern im Rücken kühlt man so schnell wieder aus und fragt sich warum man sich die ganzen Schmerzen von zu hastigen Rollen und Fallübungen überhaupt angetan hat. Dann trifft endlich Muguruza-sensei in der Halle ein und das Training beginnt. Die erste halbe Stunde wird erstmal mit intensivem Kamae-Training und vielen Erklärungen zu bestimmten Punkten der Ausgangsstellung verbracht, dabei gehen Muguruza und ein anderer Schwarzgurt durch die Reihen und Rücken alles zurecht -hier kurz die Hände richtig ziehen, dort schnell das hintere Bein zurecht rücken. Nachdem unser Kamae wenigstens nichtmehr vollkommen falsch ist, folgt Tai-No-Henko Ichi als erste Grundübung. Auch hier trainieren wir viele Details mit Partner, erst ohne Arme, dann mit und schließlich Sokumen Iriminage als Wurf. Dann gibts die erste Pause, alle warten bis der Sensei den Raum verlassen hat und dann bedankt sich jeder bei jedem (egal wer mit wem trainiert hat)

Nach der Pause gehts direkt weiter -auf dem Plan steht Shihonage. Angefangen wird direkt mit Hanmi-Handachi-waza Katate-mochi Shihonage-Ichi (Shite sitzt im Seiza, beide Hände auf den Oberschenkeln, Uke steht, greift eine Hand von Shite und zieht) Die Technik wird zuerst auf zählen durchgeführt, wobei Muguruza das Tempo beim Zählen stetig an zieht, solang er niemanden korrigiert während der andere Trainer die ganze Zeit umher läuft und jeden mit ein paar Handgriffen in die richtige Position dreht. Hier gibts auch schon das erste Problem, da man beim Zählen sowieso immer hinterher hängt, da das Tempo immer ein bisschen schneller als die schnellste Gruppe ist. Wenn man jetzt vom Hilfstrainer korrigiert wird, hält einen das noch länger auf und statt die Technik danach sauber zuende zu führen muss man den Rest in einem Rutsch machen, sofort wieder in Kamae springen und sofort weitermachen, da inzwischen schonwieder der 3. Schritt angezählt wurde. Der Lerneffekt hält sich hierbei meiner Meinung nach deutlich in Grenzen. Allerdings folgt als nächstes Technik-training in eigenem Tempo, wobei Muguruza rum geht und bei jedem Details verbessert und diese auch Anschaulich zeigt und erklärt. Das gesamte Training gliedert sich in diese beiden Teile die sich immer Abwechseln, zum einen totales Auspowern bei ständigen Wiederholungen der Technik auf Zählen und danach Detail-Training, bei dem man sehr viel neues lernt.

Schließlich endet die zweite Hälfte des Morgen-Trainings und während sich die anderen nach gegenseitigem Bedanken noch im Dojo dehnen, führt mich mein Weg direkt unter die heiße Dusche. Die Schmerzen lassen nach und ich fühl mich erstmal wie neu geboren. Das Mittagessen folgt direkt und ist richtig gut, es gibt wie immer 2 Gänge und Dessert und ich habe das Gefühl ich esse doppelt soviel wie sonst (ob das am Training liegt?) Wir verputzen riesige Mengen an Nudeln, Fritten und Fleisch, bevor sich alle irgendwie zur Mittagsruhe begeben. Ich fange an ein bisschen Tagebuch zu schreiben und erkunde das Gebäude nach WLAN-Empfang. Aber schon 2 Stunden nach dem Essen ist es wieder soweit -Dogis an und Aufwärmtraining, diesmal nur 90% des Morgen-Programms, bevor das Nachmittags-Training losgeht. Es geht weiter mit Shihonage, allerdings als Wurf und Shihonage-Kuzushi. Beide üben wir sehr intensiv und es gibt viele Tipps zum richtigen Fallen für Uke. Dieses Training gefällt mir bis jetzt am besten, da viel erklärt wird und man Zeit hat die Details der Technik heraus zu arbeiten. Wir üben die Technik auf Shomen-Uchi, Shomen-Tsuki und Aia-mochi bis es schließlich zum Abendessen geht.

Unter der Dusche tut mir inzwischen alles Weh, besonders Handgelenke und Knie brennen unter dem warmen Wasser wie aufgeschürft. Beim Abendessen überhöre ich zufällig ein Gespräch zwischen dem Hilfstrainer und einem anderen Schwarzgurt, der am nächsten Morgen das Aufwärmtraining leiten soll. Der Plan ist das Training jeden Tag etwas zu steigern, also werden für den nächsten morgen erstmal 70 Fallübungen und 40 Liegestütze usw. angesetzt. Nach dem Essen falle ich sofort ins Bett, denn der Wecker steht schon wieder auf 6:55 Uhr.

Gute Nacht!