Tag 3:
Es ist soweit! Aikido hat wirklich einen Einfluss auf mein tägliches Leben, allerdings glaube ich nicht, dass die Art und weise im Sinne des Erfinders ist. Ich habe mich heute Nacht bestimmt eine halbe Stunde hin und her gewälzt bei dem Versuch eine Schlafstellung zu finden in der meine Nackenschmerzen mich nicht wach halten. Schließlich schlafe ich jetzt in einer Art stabilen Seitenlage, denn alles andere tut zu weh...
6:55 Uhr - der Wecker klingelt, das Piepsen der Armbanduhr von meinem Zimmerkollegen bleibt natürlich aus, aber ich bin zuversichtlich: Es ist Mittwoch! Wenn wir das Frühtraining überstehen, dann haben wir DIE HÄLFTE geschafftZuerst wandert mein Dogi nach dem Aufstehen auf die Elektroheizung, ich packe den Kragen direkt an die Heizstäbe. Das kleine Schild mit einem durchgestrichenen T-Shirt auf der Heizung ignoriere ich einfach mal, der Dogi hält das schon aus. Dann fällt mein Blick auf das Auto im Hof und meine Zuversicht zerbröselt: Die Scheiben des Wagens sind komplett zugefroren
Also pack ich mich in meinen warmen Dogi, Jacke drüber und zum Frühstück. Der warme Kragen ist echt angenehm gegen die Nackenschmerzen die ich noch vom letzten Abendtraining habe.
7:55 Uhr bin ich in der Halle, erstmal sitzen alle im Seiza bevor das Aufwärmtraining los geht. Die Fenster sind natürlich alle offen und ich würde ehrlich lieber in meiner Jacke trainieren. Inzwischen ist es in der Halle so kalt, dass man den eigenen Atem als kleine weiße Wolke in der Luft sieht. Ich fühle mich ein bisschen wie die Überlebenden bei The Day After Tomorrow, die sich in einen Raum zurückgezogen haben und zusehen können wie die Kälte in Form von Eisblumen über den Boden kriecht. Das Aufwärmtraining beginnt mit einigen Übungen um die Zehen etwas lebendiger zu bekommen -fail- Die Matten indes fühlen sich wirklich wie gefroren an, ich weiß nicht obs an meinem geschundenen Körper liegt, aber ich habe das Gefühl ich würde auf blankem Hallenboden rollen. Normalerweise trainieren wir in unserem Dojo mit Matten auf dem Schwingboden der Turnhalle, aber hier liegen die Matten auf blanken Fliesen - und das spürt man. Aber heute habe ich wirklich gut, das Aufwärmtraining besteht zu einem großen Teil aus Seitwärts-Rückwärts Fallen (Rückwärts 'Rolle' Nr.2, Ukemi für Sokumen-Iriminage). Das wird in unsrem Dojo anscheinend deutlich intensiver geübt als bei einigen anderen, denn viele haben Schwierigkeiten mit dem korrekten Aufstehen. Das bedeutet für mich hingegen, dass ich länger im Kamae stehen kann, bevor die nächste Rolle folgt
Das Training fängt gewohnt intensiv an. Heute steht Nikajo auf dem Programm und angefangen wird wieder mit Suwari-Waza, diesmal Suwari-waza Katate-mochi Nikajo Osae Ichi. Und natürlich wird die Technik erst einmal in kaum schaffbaren Tempo auf Zählen geübt, bis allen Leuten die Knie so weh tun, dass sie sich nurnoch mit letzter Kraft über den Boden robben. Dann stellt Muguruza das Training auf eigenes Tempo um und man kann wirklich die vielen Feinheiten üben, die er jetzt erklärt und auch zeigt. In diesem Teil des Trainings nehm ich wirklich eine Menge mit -ich glaube mein Kamae hat sich deutlich verbessert und auch bei den Techniken stellen sich mehr und mehr Details richtig ein. Im weiteren Verlauf des Morgentrainings machen wir eine Menge Variationen von Nikajo, einige Würfe als Folgetechnik zB Nikajo-Kotegaeshi / Ude Garami oder Kokyunage. Danach folgen auch einige Kaeri-waza (Konter-Techniken) auf Nikajo, welche wirklich Interessante Möglichkeiten bieten.
In der Mittagspause gibt es wie gewohnt gutes Essen und nach einer ausgiebigen heißen Dusche gehts ins Nachmittagstraining. Ich beschließe mit meinem Kollegen aus Deutschland, dass wir definitiv am Abend anstoßen werden (natürlich mit Tee, is ja kein Alkohol erlaubt) weil wir tatsächlich die Hälfte geschafft haben. Bevor der Spass losgeht gibt es allerdings erstmal Aufwärmprogramm mit Vorwärts-Rollen und ich entscheide dass diese definitiv das Schlimmste sind was das Aufwärmprogramm zu bieten hat, denn in dem Tempo in dem wir die Rollen durchziehen verliert man spätestens nach der 30. Rolle die Kontrolle und Schlägt mehr und mehr mit Beinen oder Rücken auf den kalten Matten auf. Aber auch das haben wir irgendwann überstanden und das Nachmittagstraining gestaltet sich wieder richtig interessant. Muguruza ist einfach ein ausgezeichneter Lehrer. Ich bin ja ein großer Fan der Devise "Claim it - Proof it" Und so kann ich mich nur selten damit anfreunden, wenn mir jemand sagt ich soll zB meine Hand anders halten, ich aber keinen Sinn darin sehe und keinen Vorteil für meine Technik spüre. Muguruza erklärt aber wirklich jedes Detail und steht auch bei Fragen immer direkt zur Seite und führt die Technik direkt an einem vor, mit der falschen und der richtigen Haltung, so dass man direkt merkt warum man bestimmte Details anders machen muss
Im ersten Teil des Nachmittagstrainings gibt es eine ganze Reihe an Sankajo-Variationen, auch hier wieder eine Reihe von Folgetechniken auf Sankajo-Ni, wenn Uke sich zB losreist, oder sich weiterdreht und einen Ellenbogenschlag ansetzt usw. wirklich super Training! Allerdings hat Muguruza auch seine philosophische Seite und erzählt gegen Ende des ersten Nachmittagstraining von Energie, Reinkarnation, Harmonie usw. was an sich wirklich Interessant ist, uns allerdings fast 20 Minuten unserer 25-Minütigen Pause kostet. Gerade als ich nach dem Abgrüßen zum Tee-Automaten gehen will fängt mich der Hilfstrainer ab und weist mich darauf hin, dass ich bitte fürs letzte Training das Blut aus den Knien meiner Hose waschen soll. Das Suwariwaza-Training vom Morgen ist nicht ohne Spuren an der Hose vorüber gegangen, die zusätzliche Stoffschicht über den Knien ist total zerrissen und die Schicht darunter blutgesprenkelt. Ich frage ihn, ob er das ernst meint, dass ich in den 5min Pause die uns noch bleiben versuchen soll das eingetrocknete Blut vom Morgen von Hand raus zu waschen und er meint nur ich müsse mich dann wohl beeilen. Also renn ich hoch ins Badezimmer, pack eins meiner Handtücher und fang an mit Seife und warmen Wasser das Blut aus meiner Hose zu Schrubben. Der Erfolg hält sich in Grenzen, größtenteils Verteile ich das Blut nur zu einem großen gelblich braunen Fleck. Dann kurz unter den Handtrockner und zurück zur Halle. Inzwischen bin ich allerdings 3 Minuten zu spät zu dem 5-Minütigen Seiza-sitzen vor dem Training und der Hilfstrainer gibt den dezenten Hinweis an alle "Auch wenn es anstrengend ist und man gerne nachgibt und etwas faul wird, versucht euch zu disziplinieren, immer Pünktlich zu sein -5min vor dem Training hier im Seiza sitzen!"Ich denk mir meinen Teil und warte aufs Training.
Der zweite Teil des Nachmittagstrainings ist auch richtig gut, wir machen einge ganze Reihe von Techniken auf Ushiro-waza Kata-Mochi (Griff zu beiden Schultern) und üben so Detailliert die richtigen Bewegungen um Uke aus dem Gelichgewicht zu bringen. Am ende gibt es noch eine Reihe von Würfen auf Kata-Mochi, so dass am heutigen Abend nicht nur meine Knie und Ellenbogen, sondern auch meine Schultern richtig schön unter der Dusche brennen. Der raue Dogi hat sie richtig schön wund gescheuert. Nach dem reichlichen Abendessen fall ich nurnoch ins Bett und verschiebe meinen Blog doch wieder auf die Mittagspause des nächsten Tages
Gute Nacht und drückt mir weiterhin die Daumen!
Nurnoch 2 Tage -nurnoch 2 mal Früh-Aufwärmtraining![]()




Zuerst wandert mein Dogi nach dem Aufstehen auf die Elektroheizung, ich packe den Kragen direkt an die Heizstäbe. Das kleine Schild mit einem durchgestrichenen T-Shirt auf der Heizung ignoriere ich einfach mal, der Dogi hält das schon aus. Dann fällt mein Blick auf das Auto im Hof und meine Zuversicht zerbröselt: Die Scheiben des Wagens sind komplett zugefroren
Also pack ich mich in meinen warmen Dogi, Jacke drüber und zum Frühstück. Der warme Kragen ist echt angenehm gegen die Nackenschmerzen die ich noch vom letzten Abendtraining habe.
Ich denk mir meinen Teil und warte aufs Training.
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