Hallo! Ich lebe noch
Erstmal Entschuldigung an die fleißigen Leser, dass der letzte Bericht erst so spät kommt. Aber bis jetzt hatte ich einfach noch keine Zeit über den letzten Tag zu schreiben.
Tag 5 (Finale)
6:55 Uhr - Der Wecker klingelt zum letzten mal zum Frühprogramm und ich fühl mich fürchterlich. Die Erkältung hat es sich inzwischen bei mir heimig gemacht, mit Kopfeh, Halsschmerzen und laufender Nase. Aber nichts desto trotz kommt der Dogi auf die Heizung, ein kleines Frühstück und dann gehts auf in die Halle. Ich muss mich überwinden die Jacke aus zu ziehen und auf die Eiskalten Matten zu gehen. Obwohl die Fenster noch geschlossen sind stehe ich mit klappernden Zähnen in der Reihe (und das ist nicht bildlich gesprochen) Irgendwo in meinem Hinterkopf spukt immernoch warnend das Gespräch, das ich überhört hatte - sie wollten sich jeden Tag im Training steigern. Dann taucht der Hilfstrainer auf und begleitet von allgemeinem stöhnen reißt er alle Fenster des Dojos auf. Zu dieser Zeit sind es draußen etwa -6° (ja, 6 Grad unter Null) und sofort kriecht die eisige Kälte unter meinen Dogi. Erstmal Seiza -meine Zehen sind schon fast komplett taub, dann geht das letzte Morning-WarmUp los. Die Kälte, meine Erkältung und die Schmerzen der letzten Tage lassen mich Sternchen sehen und ich kämpfe mich schnaufend durch die Liegestütze, Situps und wie ich später erfahre 140! Rückwärts Fallübungen. Nur die Motivation, dass ich mir das zum letzten mal antue lässt mich das ganze irgendwie durchstehen und am Ende sitzen wir wieder 5 Minuten hechelnd im Seiza. Meine Füße verabschieden sich in diesem Moment komplett vom Zentralen Nevernsystem und bleiben erst einmal komplett gefühllos
Muguruza beginnt die erste von den vier letzten Trainingseinheiten mit einem kurzen Rückblick: Er lässt uns nacheinander fast sämtliche Variationen von Shihonage, Ikkajo und Nikajo noch einmal in Tachi, Suwari und teilweise auch Hanmi-Handachi üben. Jede Technik wird einmal gezeigt, dann im Partnertraining ein paarmal geübt und sofort folgt die nächste Variation. Das wäre an sich wirklich interessant, doch mit den zermatschten Knien und komplett gefühllosen Füßen verkommen die Techniken auf Knien zur reinen Schikane. Jede Berührung meiner Knie mit den gefrorenen Matten tut weh und bei den Gleitschritten oder Drehungen am Boden muss ich an eine Szene aus Planet Terror denken, als die Anästhesistin sich ihre betäubten Hände am Türgriff des Autos bricht. Ich versuche meine Zehen so wenig wie möglich zu belasten. Fast jeder nutzt die Gelegenheit, wenn man als Uke am Boden liegt die Füße aneinander zu reiben, allerdings ohne Erfolg. Es folgt eine Technik nach der anderen und bei jeder Technik auf Knien bete ich nur, dass die Variante im Stehen so schnell wie möglich kommt. Doch irgendwann is die erste Einheit auch vorbei und wir können für die kurze Pause ins warme und unsere Füße an der Heizung auftauen. Langsam kommt wieder Leben in meine Zehen und zu meiner Freude kann ich noch alle bewegen und fühlen.
Das zweite Morgentraining gestaltet sich wesentlich humaner, mit frisch gewärmten Zehen machen wir interessante Varianten auf Ushiro-waza Ryote- und Eri-mochi. Das Training macht wirklich Spaß, doch die Kälte macht mir immernoch zu schaffen. Aber unsere Gebete wurden anscheinend erhört, denn weder im Aufwärmprogramm, noch im Morgentraining mussten wir Rollen oder Flippen (freies Fallen) und Muguruza schließt das Morgentraining mit einer ausgiebigen Rede über das Leben und die Gesellschaft ab. Ich bin für das frühere Ende des Morgentrainings mehr als Dankbar und steh nach dem Abgrüßen so schnell ich kann unter der heißen Dusche. Nur noch das Nachmittagstraining und ich habe es geschafft!!! Ich habe das ganze fast überlebt, aber irgendwie habe ich immernoch ein etwas mulmiges Gefühl im Magen, dass das noch nicht alles gewesen sein kann. Nach dem Mittagessen setze ich noch schnell den Tagebuch-Eintrag von gestern ins Forum und bereite mich dann schonmal innerlich auf die letzten beiden Einheiten vor. Das Nachmittags-Aufwärmprogramm kann meine neu gefasste Motivation kaum noch erschüttern und vergeht wie im Fluge. Die Sonne hat das Dojo inzwischen bestimmt über 0° aufgewärmt und die vorletzte Trainingseinheit startet. Wir machen eine ganze Reihe interessanter Techniken, verschiendene Kokyunage-Variationen auf Katate-mochi und wirklich schöne Eingänge auf Shomen-Tsuki, viele habe ich noch nicht gesehen und präge sie mir für die abendlichen Notizen ein. Das Training ist wirklich super und angenehm, irgendwie fast schon zu angenehm. Ich gehe mit einem seltsamen Gefühl in die Pause - irgendwie hatte ich mehr Schinderei erwartet.
Aber meine Vorahnung sollte doch noch Recht behalten, wir hatten es noch nicht geschafft. Zuerst kam die Information in der Pause, dass wir die Matten noch am gleichen Abend abbauen und nach Girona transportieren müssen. Die Matten werden am nächsten morgen von den Judoka in der Halle gebraucht, also verschiebt sich das Abendessen für uns an diesem Abend voraussichtlich nach halb 11. Dann startet die letzte Trainingseinheit und diesmal gibts das volle Programm. Wir starten mit Suwari-waza auf zählen. Danach folgen eine ganze Reihe weitere Techniken, von denen ich nurnoch weiß dass viele mit Kotegaeshi oder ähnlichen Würfen endeten und ich dauernd auf die Matte aufschlug. Nach einer endlos scheinenden Reihe von Würfen sind wir komplett außer Puste und mein Rücken schmerzt inzwischen von oben bis unten. Zeit für das Finale: Shomen-Uchi Shomen Iriminage-Ni. Eine Technik die nicht nur viel Schwung und Drehung mit sich bringt, sondern auchnoch ekelhaft für Uke zu fallen ist. Und für einen würdigen Abschluss des Trainings gibt Muguruza einen einfachen Befehl: Die Technik 100 mal Rechts, 100 mal Links und dann Shite-Uke-WechselJeder Angriff mit Kiai und bei jedem Wurf muss Shite laut die aktuelle Zahl schreien. Ich fange als Shite an und brülle mich durch die ersten 20 Stück, der Hilfstrainer steht schon parat und ruft "quick quick!" Uke bleibt kein Moment zum ausruhen, Dogi richten ist auch untersagt -es gibt nur Technik-Sanshin-Kamae und sofort die nächste Ausführungen. Gürtel die sich lösen werden vom Hilfstrainer sofort aufgesammelt und an den Rand gelegt. Ich kämpfe mich weiter durch die ersten 100 Ausführungen, meine Technik ist inzwischen nurnoch Uke am Kragen zu packen, einmal rum zu wirbeln und irgendwie mit Kraft zu Boden zu Schubsen. Für saubere Technik bleibt einfach keine Zeit und mit jedem Wurf spüre ich meinem Uke den Unwillen für ein weiteres Fallen mehr an. Ab 60 Sperrt sich mein Partner fast gegen jeden Wurf und nur das beständige Zurufen des Trainers bringt ihn wieder auf die Beine... Irgendwann sind wir bei den letzten Zehn und mein Partner wirft sich noch die letzten paar mal in die Technik, bevor ich endlich Hyaku! (100) schreie. Mein Partner stellt sich schnaufend im Kamae auf, denn immerhin hat er das schlimmste jetzt hinter sich und schaut mich auffordernd an. Doch leider muss ich seine Hoffnung enttäuschen und kläre ihn darüber auf, dass auf die 100 Ausführen rechts jetzt 100 Ausführungen links folgen, bevor wir wechseln und ich angreife. Ich kann zusehen wie das kleine bisschen Hoffnung aus einem Gesicht bröckelt und er ein weiteres mal widerwillig den Arm hebt um sich in die Technik zu stürzen. Inzwischen ist meine Ausführung zu einem reinen Rumfuchteln mit einem Kräftigen Schubser am Ende verkommen, nachdem die Beine meines Partners einfach nachgeben und er sich kurz fallen lässt, bevor er sich für den nächsten Angriff aufraffen muss. Doch irgendwie stehen wir auch die zweiten 100 durch.
Ich bin jetzt schon total außer Atem, meine Arme und Beine aufgeschrammt und irgendwie von leichter Taubheit am kribbeln, doch die richtige Arbeit fängt erst an, denn jetzt muss ich Angreifen und Fallen. Ich hab keine Ahnung wie ich wirklich 200 Ausführungen durchgehalten habe, aber ich weiß dass ich im Endeffekt nurnoch schreiend in die Technik gerannt bin. - Irgendwie Aufraffen, den Arm heben, schreiend nach vorn Kippen, zwei schritte um den Partner herum, dann die Beine hoch werfen und hoffen dass der Kopf nicht aufschlägt... Obwohl Muguruza inzwischen für meinen Partner laut weiterzählt, da dieser nurnoch ein müdes Krächzen heraus bekommt, höre ich nicht mehr zu. Die einzige Chance das ganze irgendwie zu überstehen ist nur, sich durch jeden einzelnen Angriff zu kämpfen, bis es irgendwann vorbei ist. Irgendwann höre ich nurnoch "LAST ONE!!!" Und nach einem letzten mal aufstehen darf ich mich endlich in Seiza fallen lassen. Nach einer kurzen Verschaufpause folgt das Ende des letztens Trainings. Wir setzen uns in Seiza in zwei Reihen gegenüber und machen "Hanse", jeder geht kurz in sich und beschreibt nacheinander was er von dem Training mitgenommen hat, seine Gefühle usw. In meinem Kopf hallt nur eins wieder "Wir haben es geschafft, wir haben es wirklich bis zum Ende durchgehalten!!!"
Nach Hanse schließen wir alle die Augen und Muguruza geht kurz durch den Raum. Als wir die Augen wieder öffnen, liegt vor jedem von uns eine Urkunde für das Durchstehen des SIF-2010 und ein Handtuch mit Yoshinkan-Logo. Irgendwie hätte auch eins von diesen "5 Tage lang habe ich meinen Körper geschunden im SIF-2010 und alles was ich bekam war dieses blöde T-Shirt" gepasst.Obwohl Muguruza uns zur Eile anhält, nehmen sich alle die Zeit sich in die Arme zu Fallen und zu gratulieren. Die Spannung fällt von uns allen ab und man ist einfach glücklich, dass man es geschafft hat. Doch noch eine letzte Anstrengung folgt, wir müssen alle 170 Matten durch den Gang vom Dojo bis nach draußen, dort die Treppen hoch zum Parkplatz tragen und dort in den LKW laden. Und es sind diese verdammten 2x1 Meter Matten, grausam unhandliche Teile!!! Ich weiß bis heute nicht, was an diesen Matten besser ist als an den kleinen quadratischen, man kann sie kaum vernünftig tragen ohne sie zu verbiegen und bei der kleinsten Verbiegung fangen die einzelnen Schichten an sich voneinander zu lösen und die Matte nimmt Schaden.
Aber wir haben inzwischen alle einen Zustand erreicht, in dem uns die Schmerzen in den Armen egal sind und wir einfach wie mechanisch die Matten einladen. Es folgt eine Stunde Fahrt nach Girona, wo wir die Matten direkt aus dem LKW auf Rollwägen laden können und direkt dannach gehts zurück. Es folgt eine Dusche und die Abschiedsfeier
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Jeder Angriff mit Kiai und bei jedem Wurf muss Shite laut die aktuelle Zahl schreien. Ich fange als Shite an und brülle mich durch die ersten 20 Stück, der Hilfstrainer steht schon parat und ruft "quick quick!" Uke bleibt kein Moment zum ausruhen, Dogi richten ist auch untersagt -es gibt nur Technik-Sanshin-Kamae und sofort die nächste Ausführungen. Gürtel die sich lösen werden vom Hilfstrainer sofort aufgesammelt und an den Rand gelegt. Ich kämpfe mich weiter durch die ersten 100 Ausführungen, meine Technik ist inzwischen nurnoch Uke am Kragen zu packen, einmal rum zu wirbeln und irgendwie mit Kraft zu Boden zu Schubsen. Für saubere Technik bleibt einfach keine Zeit und mit jedem Wurf spüre ich meinem Uke den Unwillen für ein weiteres Fallen mehr an. Ab 60 Sperrt sich mein Partner fast gegen jeden Wurf und nur das beständige Zurufen des Trainers bringt ihn wieder auf die Beine... Irgendwann sind wir bei den letzten Zehn und mein Partner wirft sich noch die letzten paar mal in die Technik, bevor ich endlich Hyaku! (100) schreie. Mein Partner stellt sich schnaufend im Kamae auf, denn immerhin hat er das schlimmste jetzt hinter sich und schaut mich auffordernd an. Doch leider muss ich seine Hoffnung enttäuschen und kläre ihn darüber auf, dass auf die 100 Ausführen rechts jetzt 100 Ausführungen links folgen, bevor wir wechseln und ich angreife. Ich kann zusehen wie das kleine bisschen Hoffnung aus einem Gesicht bröckelt und er ein weiteres mal widerwillig den Arm hebt um sich in die Technik zu stürzen. Inzwischen ist meine Ausführung zu einem reinen Rumfuchteln mit einem Kräftigen Schubser am Ende verkommen, nachdem die Beine meines Partners einfach nachgeben und er sich kurz fallen lässt, bevor er sich für den nächsten Angriff aufraffen muss. Doch irgendwie stehen wir auch die zweiten 100 durch.
Aber wir haben inzwischen alle einen Zustand erreicht, in dem uns die Schmerzen in den Armen egal sind und wir einfach wie mechanisch die Matten einladen. Es folgt eine Stunde Fahrt nach Girona, wo wir die Matten direkt aus dem LKW auf Rollwägen laden können und direkt dannach gehts zurück. Es folgt eine Dusche und die Abschiedsfeier
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