Hallo,
die Beantwortung dieser Frage fällt mir deshalb schwer, weil es sich dabei um ein enorm verflochtenes Thema handelt. Verallgemeinerungen und Schnellschüsse sind leicht abgetippt bzw. ausgesprochen, bleiben letztlich aber nur unausgegorene Verallgemeinerungen und auf Halbwissen beruhende Schnellschüsse. Auch wenn ich mich hier im Forum kurzfasse, bitte ich also zu beachten, daß eigentlich viel umfangreichere Erläuterungen notwendig wären.
(1) A. Itosu (1831–1915) veränderte Karate für Schulkinder in „Richtung Gymnastik“.
Ja das stimmt, aber das ist nicht alles. Er schloß dabei den Faktor Selbstschutz nicht aus! (Den Begriff „Kampf“ verwende ich nicht, weil er Assoziationen zum modernen „Sparring“ zur Folge hat.) Rein technisch gibt er selbst Anweisungen für das Makiwara-Training (vgl. mein „Shōtōkan“ Band I, S. 28). Ein gut am Makiwara trainierter Tsuki und/oder Keri ist ein guter Anfang, wenn es um Selbstschutz geht. Rein von der Werbung für das „Itosu-Schul-Karate“ schreibt einer seiner Schüler 1909 in einem Organ der „Mittelschule der Präfektur Okinawa“, daß das Karate-Training dazu da sei, sich gegen Gewalt zu wappnen (vgl. mein „Shōtōkan“ Band II, S. 6). Das tut er so deutlich, daß der Aspekt der Gymnastik bestenfalls als Nebenprodukt erahnt werden kann. D. h. A. Itosu stellte von vornherein ein „Schul-Karate“ auf, das den Faktor Selbstschutz beeinhaltete und ihn nicht ausschloß.
(2) Vereinfachte und „entschärfte“ Kata.
A. Itosu stellte kurze Kata zusammen, die er in kleinen Serien für besseres systematisches Lernen stufenweise anordnete – Pinan (Heian) in fünf Stufen, Naihanchi (Tekki) in drei Stufen und Rōhai in drei Stufen (im historischen Shōtōkan gab es eine Meikyō, die aber nichts mit den drei Stufen zu tun hat). Das ist leicht nachvollziehbar. Die „Entschärfung“ dagegen ist nicht gut belegbar, weil es ganz einfach keine zeitgenössischen Bilder oder Aufzeichnungen gibt, die A. Itosus „Vorher“- und „Nachher“-Kata darstellen. Was es gibt, sind Aussagen von Schülern, die meist aus der dritten Generation stammen. Damit meine ich Personen, deren Karate-Lehrer von A. Itosu lernten. In meinem Band II führe ich beispielhaft so eine Aussage zu einer „Vorher“-Version an (S. 153, Fußnote 550). Keine öffentlich unterrichtete Pinan enthält heute genau diese Ausführung. Interessant ist diese Stelle deshalb, weil sie der Geste nahekommt, die der chinesische General C.K. Ch’i (1528–1588) 1562 beschreibt und die als Vorläufer der entsprechenden Bewegungen in der Pinan-Serie in Frage kommt. Einige (wenige) japanische Lehrmeister der Neuzeit nutzen für das Kumite-Training den Omote-Ura-Ansatz. Dabei lehren sie einmal eine Kumite-Form, die eine Kata-Geste so übernimmt, wie sie ist (Omote), und an anderer Stelle verändern sie dieselbe Kata-Geste mehr oder weniger, um eine weitere Kumite-Form zu erhalten (Ura). Auf diese Weise kann es bewußt oder unbewußt dazu kommen, daß nach der „entschärften“ Stelle eine Kumite-Form geübt wird, die A. Itosus vermeintlicher „scharfer“ „Vorher“-Version entspräche. Aber nochmal deutlich: die „Entschärfung“ läßt sich wirklich nicht gut dokumentieren (und deshalb wird sie von Bauernfängern gerne mal argumentativ mißbraucht).
Grüße,
Henning Wittwer





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