Hallo Mardl,
In den Augen derer, die das so betreiben aber schon. Es geht um die "reine Lehre", die "reine Wahrheit". Vor allem geht es darum, in einem kleinen Kreis zu sein, der als einziger im Besitz der reinen Lehre ist.Sehe ich auch so. Ich beziehe das aber immer mehr auf Stammbäume und Übertagungslinien. Es ist natürlich nett und beeindruckend, wenn der Trainier, meines Trainer von jemandem Trainiert wurde, der selbst von Funakoshi unterrichtet wurde, der ja wiederum ... usw. Es ist interessant, mehr aber auch nicht. Es ist kein Garant für "gutes" Karate oder "richtiges" Karate.
Realitätschecks helfen hier nichts.
Ich gebe mal ein Beispiel: Bei meinem aller letzen Lehrgang bei Lothar (ist, wie oben erwähnt schon ein paar Jahre her) habe ich mit einem seiner Adepten trainiert. Es ging um ein Enpi-Bunkai, bei dem unbedingt ein Mae-Geri-Angriff im nach vorn gehen und Gedan-Barai geblockt werden sollte.
Das funktioniert auch, falls der Angriff aus zu großer Distanz, viel zu langsam oder nicht zentral erfolgt (das berühmte freiwillig daneben treten). Ich hab das nicht gemacht, ich hab' zugetreten und den Typ getroffen. Und noch mal, und noch mal, ...
Ich bin mit der gleichen Blockbewegung ausgewichen, war nicht die reine Lehre, hat aber funktioniert. Nachdem ich den Typen nun wirklich dauerhaft immer wieder getroffen hatte, kam er drauf, warum das so war: Ich greife falsch an!! Er hat dann tatsächlich versucht, meine Angriff so zu korrigieren, dass er für ihn blockbar war.
Die Reinheit der Lehre zählt, nicht die Funktionalität.
Ich habe keinen Trainer mehr, seit ich Blaugurt bin. Mein damaliger Verein hat auf einen Schlag alle Trainer verloren. (Waren alle zum gleichen Zeitpunkt mit dem Studium fertig.)Mein Ju-Jutsu-Haupt-Trainier hat sich damals sein Können ab dem Grüngurt im trial and error Verfahren, über Besuche in Judo- und Karate-Vereinen und auf Lehrgängen angeeignet. In erster Linie hat er aber trainiert, trainiert und trainiert, ausprobiert, verändert und ausprobiert. Am Ende hat er echt was drauf gehabt. Technisch habe ich selten Trainier in den Jahren gefunden, auch auf höchster Ebene, der anwendbareres und praxistauglicheres Ju-Jutsu gelehrt hat. Die Sachen haben einfach funktioniert.
Seit dem trainiere ich für mich selbst und tingle auf Wochenendseminare, um mich weiterzubilden.
Dafür bin ich weit gekommen - aber nicht im Besitz der reinen Lehre.
Grüße
SVen





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