Hallo,

T. Kase ist kein „Schüler“ von Y. Funakoshi gewesen. Er selbst hat das nicht behauptet. Rein rechnerisch ist das auch nicht wirklich möglich. M. Hironishi (1913–1999) war der eigentliche Karate-Lehrer von T. Kase. Dazu kommen Einflüsse von G. Funakoshi und indirekt (via M. Hironishi) von Y. Funakoshi.

Die von mir oben genannten Kriterien lassen sich überprüfen. Wer also z. B. behauptet, Lehrmeister X sei nahe an der Lehre von G. Funakoshi dran, kann sie nutzen, um seine Behauptung zu untermauern. Wenn Lehrmeister X z. B. Karate-Wettkämpfe betrieben hat oder weitehrhin betreibt, dann ist er nüchtern betrachtet weit von G. Funakoshis Lehre entfernt. Denn er schrieb sehr deutlich, dass (sein) Karate nicht in eine Form des sportlichen Wettkampfs umgewandelt werden könne. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Wettkampf-Karate alles ist, nur eben nicht Karate nach G. Funakoshi.

T. Kase hatte u. a. genau damit ein Erklärungsproblem, da er in den letzten Jahren seines Lebens (in denen ich seine Lehrgänge besuchte) Wettkampf als eher negativen Einflussfaktor erkannt oder zumindest als solchen dargestellt hatte. Er griff dabei zu einer rhetorischen Krücke, nach der der Wettkampf, den er selbst Jahrzehnte unterstützt hat, im Karate für „junge Leute“ von Bedeutung sei, aber ab einem gewissen Punkt nichts mehr brächte. Später betonte er, wie schade er es fände, dass viele Wettkämpfer nicht über diesen Punkt hinauskämen und mit „richtigem“ Karate-Training beginnen würden. Auf diese Weise versuchte er, Sport-Karateka nicht zu verprellen. Interessant dabei ist, dass – wie geschrieben – er selbst dieses Sport-Karate über Jahrzehnte in Europa aufgebaut hatte. Ich selbst fand und finde sein diesbezügliches Erklärungsmodell eher „wackelig“. Ungeachtet dessen fand ich seinen eigentlichen Unterricht und das entsprechende Training sehr gut. Die Idee des Wettkampfs jedenfalls stammt nicht von seinem Lehrer, M. Hironishi, sondern von der JKA, die er in Europa vertrat. Solcherlei Widersprüche sollten nüchtern aufgezeigt und benannt werden können, wenn wirklich das Lernen im Vordergrund steht.

Ich selbst maße mir übrigens nicht an, jemandem zu sagen, ob er Abweichung u. ä. „zu tolerieren“ habe oder nicht. Ich liefere Hintergrundinformationen, die zum eigenen Nachdenken genutzt oder nicht genutzt werden können.

Eingangs ging es allerdings um die Frage, wer „näher“ oder „am nächsten“ an G. Funakoshis Karate dran sei. Ich beantwortete die Frage mit den sechs obigen Punkten, die zugleich eine Grundidee von Karate-Dō Shōtōkan-Ryū im eigentlichen Sinn (nach den Funakoshis) als auch ein Hilfsmittel, eigenständig bestimmte Lehrkräfte hinsichtlich ihrer „Nähe“ oder eben „Ferne“ zu überprüfen, liefern. Vielen Leuten fehlt bereits genauso eine Grundidee „ihres“ Karate, noch weniger sind bereit, sie kritisch als Maßstab zu verwenden.

Nun kommt die Frage, ob X oder Y in „der Shōtōkan-Linie“ stünde. Ich schrieb oben bereits, dass es nicht „die Shōtōkan-Linie“ gibt und erklärte es sowohl in meinen Büchern („Band I“, S. 172 ff., und „Hoplo“, S. 161 ff.) als auch in diesem Forum und dem alten Karate-News-Forum immer wieder. Das ist ein hinzunehmender Fakt, den ich nicht ändern kann. Es gibt Personen, die in einer „JKA-Shōtōkan“-Linie, in einer „DKV-Shōtōkan“-Linie usw. usf. stehen. Der Name „Shōtōkan“ wurde (leider) nie markenrechtlich geschützt, so dass quasi jeder Hans und Franz diesen Namen beanspruchen kann. Daher ist eine differenzierte Betrachtung unabdingbar.

Grüße,

Henning Wittwer