
Zitat von
Pyriander
Ein Gedankenexperiment: Stell Dir vor, Deine Schwester (Tochter, Freundin, Schwägerin, Bruder, Freund, Schwager, Sohn usw.) fragt Dich zum Thema Selbstverteidigung. Er will in einem halben Jahr eine große und lange Auslandsreise machen, hatte in letzter Zeit mit Müh und Not gerade so eine potentielle Auseinandersetzung vermeiden können und hat sich dabei sehr unwohl gefühlt und hat auch jetzt öfter ein ungutes Gefühl, gerade wenn er nachts unterwegs ist.
Kurz: er will sein schon lange gehegtes Vorhaben umsetzen, mal Selbstverteidigung zu lernen. Dazu fragt er Dich um Rat.
Und mal ehrlich: würdest Du ihn IRGENDWO hinschicken, wo Du wüsstest, der Trainer wurde 'ganze' 3 (DREI) Tage "ausgebildet"?
Ich würde die Person dahin schicken wo ich ich wüsste, dass die Trainer eine gute boxerische und grapplerische Grundlage haben. Wo ich wüsste, dass die Trainer auch in der Lage sind, die Techniken die sie unterrichten gegen Widerstand selbst anzuwenden. Denn wenn ein Trainer die Techniken schon nicht gut kann, dann werden die Schüler sie noch weniger können. Und wo ich wüsste, dass die Trainer nicht nur alles aus der Theorie kennen.
Und ja, die theoretischen und taktischen Anteile in der SV werden wohl häufiger gebraucht. Aber wenn die physischen Aspekte gebraucht werden, dann ist die Kacke am Dampfen und sie müssen sitzen. Deshalb sind Technikdrills mit Widerstand und Vollkontaktsparring bzw Szenariodrills mit aktivem Widerstand der Rollenspieler zwingend notwendig.
Von daher muss für mich ein SV Trainer das können. Und nicht nur ein bißchen. Kann ein Trainer die Techniken nicht sauber ausführen und sie nicht gegen Widerstand anwenden, dann bringt den Schülern auch das größte Theoriewissen nichts. Jemand der selbst kein Sparring kann, kann auch kein Sparring unterrichten. Und ohne Sparring kannst du die Techniken nicht ordentlich lernen. Klar, es stimmt dass viele SV Situationen durch ein selbstbewussteres Auftreten vermieden werden können. Aber wenn die Techniken nur in einer kooperativen Trainingsatmospähre, im schlimmsten Fall nur gegen unterstützende Partner klappen, dann vermittelst du den Schülern in deinem Training kein Selbstbewusstsein, sondern nur eine Selbstillusion. Also im Prinzip eine homöopathische SV. Die Schüler denken sie können was, dadurch passiert erstmal weniger aufgrund des erhöhten "Selbstbewusstseins/ Selbstillusion und wenn es dann hart auf hart kommt, dann bricht das Kartenhaus zusammen.
und was für die Techniken gilt, das gilt auch auch für das Auf- und Abwärmen. Ein Trainer der die Übungen nicht sauber ausführen kann sollte sie auch nicht unterrichten. Denn wie soll er beim Schüler die Fehler erkennen und viel wichtiger abstellen können, wenn er es selbst nicht kann?
Ja, drei Tage Ausbildung dürften für die allermeisten zu wenig sein und ich würde von so einem Trainer auch erstmal abraten. Es gibt aber auch "Trainer" die nach x Monaten Vollzeitausbildung keine guten Trainer sind. Und es gibt welche, die nie eine Trainerausbildung genossen haben und trotzdem gute Trainer sind. Im Endeffekt würde ich jemanden eher zu einem Trainer schicken der 20 Jahre MMA und Türsteher Erfahrung hat, als zu jemanden der zwar Jahre in eine Trainerausbildung investiert hat aber nur ein paar mal leichters Vollkontaktsparring gemacht hat und alles nur aus der Theorie kennt.
Ich würde aber auch von Trainern abraten, die nach zwei, drei Jahren Kampfkunst"Erfahrung", dazu zähle ich auch KM oder ähnliches, einen längeren Trainerschein machen. In der Zeit kann man, wenn man nicht ein Ausnahme Talent ist oder mehrmals am Tag trainiert, einfach nicht die Grundlagen so lernen, dass man sie unterrichten kann. Schon gar nicht wenn man wie beim KM verschiedene Distanzen hat.
Also wenn eine Option, ein 3 Tage ausgebildeter KM Trainer wäre, dann würde ich zu einer MMA fähigen Kampfkunst(am besten mit Grappling) und zusätzlichen Seminaren für die SV Theorie raten. Denn für Eskalation und Deeskalation, so wie Taktik und Co brauche ich nicht viel Geld für einen SV Trainer ausgeben, wenn dieser das selbst nur theoretisch kann. Das kann man dann genauso gut aus Büchern und auf Seminaren lernen. Und was Methodik und Didaktik angeht, so denke ich dass sie bei den meisten Trainerausbildungen vernachlässigbar sein dürfte. Es gibt Leute die können ohne so eine Ausbildung unterrichten und welche die können es trotz einer nicht. Und im Endeffekt dürfte die Ausbildungszeit zu kurz sein um wirklich viel theoretisches Wissen zu vermitteln, denn das braucht mehr als ein Wochenendblock. Selbst eine Vollzeitwochen dürfte zu kurz sein, wenn die angehenden Trainer noch praktische Übungen machen sollen. Zumal die Praxis eh wichtiger ist, als die Theorie. Ein Ausbilder von mir meinte mal, dass man Lehren nur durchs Lehren lernt. Also ja, man sollte das alles mal gehört haben, aber in einer SV Trainerausbildung sehe ich viel wichtigere Aspekte.
“Das ist zwar peinlich, aber man darf ja wohl noch rumprobieren.”
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