Hallo Andreas,
meine erste Rückfrage wäre, mit welchem Ziel Du das Buch lesen und nutzen möchtest. T. Ōshima (geb. 1930) übersetzte grundsätzlich die 1956 fertiggestellte Neufassung des „Kyōhan“ von G. Funakoshi und H. Suzuki-Johnston übersetzte eine Neuauflage aus den 1980er Jahren (wobei als Werbelüge behauptet wird, dass es die Ausgabe von 1935 sei). In der 1956er Ausgabe fehlen technische Anleitungen zu den Würfen, aber T. Ōshima ergänzte in seiner Übersetzung verschiedene Passagen aus den früheren Ausgaben. D. h. er stellt ebenfalls die neun Würfe (und weiteres Material) von 1935 vor. Zusätzlich stellte er teilweise technische Vergleiche bei den Kata-Ausführungen an (1935er, 1956er oder Waseda-Karate-Klub-Ausführungen).
Der Hauptunterschied besteht zunächst in den verwendeten Fotos. In der 1935er und der Suzuki-Johnston-Ausgabe ist hauptsächlich G. Funakoshi selbst zu sehen, 1956 hauptsächlich S. Egami (1912–1981) und in der Ōshima-Ausgabe hauptsächlich T. Ōshima. Bildtechnisch ist letztere am umfangreichsten. Deswegen und weil deren Kata-Ausführung der in meiner Minigruppe zumindest nahekommt, empfehle ich sie in meiner Minigruppe als Gedankenstütze, wenn mich jemand fragt.
Wenn mich jemand nach den historischen Originalfotos von G. Funakoshi und englischem Text dazu fragt, ist meine logische Antwort die Suzuki-Johnston-Ausgabe.
Die Qualität der Übersetzungen ist in beiden Fällen auf „Lesbarkeit“, also Absatzzahlen gebürstet. Das führte u. a. zu einigen „Vereinfachungen“ und freien Interpretationen. In beiden Fassungen bin ich über echte Übersetzungs-, Transkriptions- und Verständnisfehler gestolpert. Einige Fehler lassen sich durch mangelnde Fachkenntnis („Karate-Lehre nach G. Funakoshi“ u. Ä.) erklären, andere Fehler sind schlicht sprachlicher Natur (oder im „günstigeren“ Fall Tippfehler). Nochmal: das betrifft beide englischen Fassungen.
T. Ōshima liefert einige Fußnoten mit (vor allem zu technischen Punkten), während H. Suzuki-Johnston nur ein oder zwei Anmerkungen hinzufügt. Meiner Ansicht nach ist das nicht hilfreich, wenn es um die Betrachtung einer historischen Quelle gehen soll. Im Gegenteil, es führt schnell zu Fehlinterpretationen seitens der Leserschaft, die ohne Erklärungen eigene Erklärungen für teilweise sehr knappe Aussagen im Buch finden muss (was problematisch sein kann).
Also falls es Dir um eine Fassung mit G. Funakoshi auf vielen Fotos und um zeitliche Nähe zur Erstausgabe von 1935 gehen sollte, dann wäre die Suzuki-Johnston-Ausgabe unter den genannten Vorbehalten folgerichtige Ausgabe …
Grüße,
Henning Wittwer





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