Hallo,

G. Funakoshi veröffentlichte seine „Einführung in das Karate“ 1943, also mitten im Zweiten Weltkrieg, in den Japan u. a. unter dem Motto der Befreiung von den Kolonialmächten und der Schaffung einer neuen asiatischen Ordnung, die frei von westlicher Vorherrschaft ist, eintrat. Beim aufmerksamen Lesen dieses Buchs fällt jedoch auf, dass es nüchtern betrachtet als „Karate-Lehrbuch“ verfasst wurde und keine Propaganda in Richtung Militarismus enthält. Verweise auf den Kaiser oder Selbstaufopferung fehlen ebenso wie Vorworte von japanischen Militärs, Politikern u. Ä.

Da es sich um eine Kampfkunst handelt und nicht etwa um eine Kochkunst, geht es im Buch selbstverständlich um den Umgang mit Konflikten und Gewalt, nicht um Kochrezepte oder „Friede, Freude, Eierkuchen“. Aber im Buch wird Karate als „Selbstschutz“ beschrieben, bei dem u. a. „Heißblütigkeit“ fehl am Platze ist. Das steht im deutlichen Widerspruch zur Kriegspropaganda, sich jederzeit und ohne zu zögern für die Nation (bzw. den Kaiser) selbst zu opfern.

Funakoshi nennt sein Heimatland Japan im Buch „Nation vom ersten Rang in der Welt“, um darauf hinzuweisen, dass es unpassend ist, den Namen „Karate“ in der Schreibweise „chinesische Hand“ zu nutzen. Denn Karate ist für ihn selbst als echte Karate-Verkörperung eine eigenständige okinawanische/japanische Kampfkunst, keine „chinesische Kampfkunst“ (was er im Buch auch kurz aus historischer, technischer und methodischer Sicht begründet). Daraus könnte abgeleitet werden, dass er sein Heimatland „liebt“ oder stolz darauf ist. Vor allem aber geht es ihm in diesem Zusammenhang jedoch um den Stolz auf sein Karate, das er nicht als „Abklatsch“ oder unverändert übernommene Praxis einer chinesischen Kampfkunst missverstanden haben möchte. D. h. er ist stolz auf die Kampfkunst aus seiner Heimat Okinawa, die er von seinen okinawanischen Lehrern gelernt hat und nun in Tōkyō lehrt.

Der Name des Verlags selbst hat in diesem Zusammenhang wenig Gewicht. Also vom Namen des Verlags den Rückschluss zu ziehen, dass G. Funakoshis „Einführung in das Karate“ ein militaristisches bzw. nationalistisches Werk sei, wäre schlicht verfehlt. G. Funakoshi veröffentlichte wirklich viele Texte bei unterschiedlichsten Verlagen. Dieser Verlag war gewissermaßen nur einer unter vielen, der aber im Unterschied zu anderen Verlagen auf das Thema Kampfkunst spezialisiert war. Zuvor hatte er in der von diesem Verlag herausgebrachten Zeitschrift bereits zwei Artikel veröffentlicht, in denen er sein Karate vorstellt und erklärt, ebenfalls ohne militaristische Propaganda. Beide Artikel übersetze ich in Band III (ab S. 64).

Hinzu kommt folgendes Detail: Derselbe Verlag brachte andere Kampfkunstbücher heraus und deren Verfasser traten z. T. mit dem Verweis auf den Dai Nippon Butokukai, einer zu diesem Zeitpunkt quasi staatlichen Kampfkunstorganisation, auf. G. Funakoshi hingegen veröffentlichte sein Buch als „Shōtōkan Shihan“, nicht als „Butokukai Karate-Jutsu Renshi“ (ein Titel, den er und einige seiner Schüler Jahre zuvor aufgedrückt bekamen). Damit grenzte er sich selbst und sein Karate deutlich von dieser und anderen Organisationen ab. Dieses Detail steht im Einklang mit anderen seiner Handlungen, die stets die Eigenständigkeit (Unabhängigkeit) seines Karate betonten.

G. Funakoshis Karate und sein Shōtōkan waren in jener Zeit anders als Jūdō oder auch Kendō und insbesondere Juken-Jutsu (Bajonettkampf) Privatangelegenheiten. Jūdō und Kendō hingegen waren seit 1931 Pflichtfächer für Jungen an japanischen Schulen (Juken-Jutsu wurde 1937 ein Schulfach) und konnten so auch für militaristische Zwecke genutzt werden. Letztere wurden auf diese Weise staatlich gefördert. Karate hingegen wurde über private Mitgliedsbeiträge am Laufen gehalten. Der Shōtōkan hatte mit roten Zahlen zu kämpfen, die G. Funakoshis Sohn, Y. Funakoshi (1906–1945), durch sein Gehalt von seiner „richtigen“ Arbeit als Röntgentechniker ausbessern musste. Im Shōtōkan selbst gab es keine politische Agenda, sondern verschiedene private Mitglieder mit verschiedenen privaten Meinungen.

Karate-Arbeitsgemeinschaften an Universitäten (Karate-Klubs) und Lehrtätigkeiten an anderen Schulen, u. a. auch an ein paar Militärschulen, denen G. Funakoshi und einige Mitglieder des Shōtōkan nachgingen, sollten in dem Zusammenhang nicht mit der Tatsache, dass Jūdō ein Pflichtfach an japanischen Schulen war, gleichgesetzt oder verwechselt werden. G. Funakoshis Interesse bestand darin, sein Karate bekannt zu machen und zu verbreiten. Und zum Erreichen dieses Ziels unterstützte er derartige Arbeitsgemeinschaften, die es aber nicht nur an Bildungseinrichtungen, sondern auch in kulturellen und betrieblichen Einrichtungen gab. In seinem Unterricht ging es primär um die Vermittlung seines Karate.

Dieses Bekanntmachen, Verbreiten und Vermitteln seines Karate geschieht auf außergewöhnlich vollständige Weise in seiner „Einführung in das Karate“, da er darin sein Karate, wie schon erwähnt, eben nicht als bloße Technikansammlung darstellt. Wer das Buch liest, versteht, weshalb das, was heutzutage vielerorts als „Karate“ betrieben wird, kaum etwas mit dem Karate von G. Funakoshi, wie er es in seinem Shōtōkan zusammen mit seinem Sohn ausübte und lebte, zu tun hat.

Grüße,

Henning Wittwer