Ich habe Lindy beim Fightcamp 2018 tatsächlich getroffen. Ich finde, er ist ein lustiger Typ, aber halt ein totaler Ultranerd, wie es sie in den HEMA (u.a.) eben nicht selten gibt. Ich würde mal so sagen, seine Stärke ist das Reden, vielleicht auch das Tanzen - keine Ahnung. Ich hab mir jetzt tatsächlich die 45 Minuten Video über den Abend verteilt gegeben und fands ziemlich unterhaltsam. Psychologisch würde ich sagen, an der Theorie als "Paarungsritual" ist fast sicher was dran. Aber ich war ehrlich gesagt ein bisschen enttäuscht war, wie viel er spekuliert und dass er auf den Kampfkunst-Aspekt extrem oberflächlich eingeht (gewissermassen "so isses, brauchen wir gar nicht zu diskutieren"). In den HEMA würden mir da gleich ein paar Beispiele einfallen. Zum einen Hans Talhoffer, der im Königsegger Codex zur ritterlichen Lebensart im Allgemeinen und die Duellvorbereitung im Besonderen empfiehlt "Mit Freuden sollst du üben: Steinwerfen und Stangen drücken, Tanzen und Springen, Fechten und Ringen, Lanzenstechen und Turnierkampf und dazu schönen Frauen hofieren." Dann gibt's da noch ein irisches Sprichwort ("Never give a sword to a man who can't dance"). Schliesslich hatte ich mal im Zug eine spassige Unterhaltung mit einer Wiener Profitänzerin, die sich mit dem Thema befasst hat und die sehr starke Parallelen zu der Beinarbeit in den Barocktänzen und der zeitgenössischen Fechtkunst sieht, und die auch gemeint hat, es sei am französischen Hof üblich gewesen, dass der Tanzmeister auch der Fechtmeister gewesen sei (ich habs nicht nachgeprüft, einfach mal so abgespeichert). irgendwas in der Art hätte ich bei Lindys HEMA-Hintergrund und 45 Minuten Redezeit eigentlich erwartet. Auch sonst gäbs verschiedene Tänze, die man hätte thematisieren können, Hopak, Tanz mit Shashka/Shamshir etc.
Was Lindy auch aussen vor gelassen hat, ist die Religion als Faktor, der einschränkend oder unterstützend wirken kann. Mir ist das deshalb eingefallen, weil in der Ecke von Dagestan, aus der mein Trainer kommt (und ein paar der weltbesten Ringer wie Sadulaev, Kurugliev usw.) Tanzen im Gegensatz zu vielen anderen Kaukasus-Regionen oder Persien ein religiöses Tabu darstellt ("Gott nicccht lieben Tanzen."), keinerlei wie auch immer gearteten Einfluss auf die Partnerwahl und schon gar keine Rolle bei der kampfsportlichen Ausbildung hat, auch wenn bestimmte Drills im Training - alleine oder mit Partner - durchaus einen gewissen tänzerischen Charakter haben, auch wenn das ganz anders motiviert wird.
Schliesslich - und partiell darauf aufbauend - ergibt sich dann noch die Frage, wie es sich mit Tänzen in Kulturkreisen verhält, wo es reglementierte mehr oder weniger sportliche Zweikampfsysteme mit hohem gesellschaftlichem Stellenwert gibt. Ich denke da z.B. an den "Adlertanz" der mongolischen Ringer usw., die im Kampfablauf als Auftakt oder Siegesgeste eine traditionelle Rolle haben, aber wenn dann nur sehr eingeschränkt mit dem potentiellen Statusgewinn des Kämpfers zu tun haben.
Auch den sozialen Status bzw. kulturellen Hintergrund der Frauen* in solchen Tests müsste man akribisch festhalten - platt gesagt, wenn es üblich ist, dass sich die Alphamännchen kloppen um zu zeigen, wer der Silberrücken ist (oder welches Auto man fährt usw.), dann wird Tanz vielleicht weniger als vollwertiger Ersatz gesehen, während in anderen kulturellen Kreisen evtl. auch Fähigkeiten im Klavier spielen oder Gedichte rezitieren den Ausschlag geben mögen, während einschlägige Gewalterfahrung evtl. als negativ angesehen wird (wobei man immer noch unterscheiden muss, was Leute in der Theorie glauben und was passiert, wenn sie mit etwas konfrontiert werden - wie unterschiedlich Leute reagieren, die sich über Bodybuilder-Schönheitsideale aufregen, wenn sie dann mal tatsächlich einen treffen, ist ähnlich unterhaltsam wie wenn sie mal physisch in einer hochkarätigen Kampfsport-Veranstaltung landen - beides meiner Erfahrung nach fast unabhängig vom sozialen Hintergrund und extrem individuell, häufig überraschend). Lindys Beschreibung, was ihm so widerfahren ist, als er eine Dame in Begleitung zum Tanz aufgefordert hat, ist aus meiner Sicht ein klassischer Fall von jemand, der unerwartet mit einem anderen Organisationssystem (frei nach MacYoung) konfrontiert wird und dem nicht klar ist, dass bei allen anthropologischen Konstanten und was auch immer in unterschiedlichen Kreisen die gleiche Handlung ganz unterschiedlich bewertet wird (Aufforderung der Partnerin zum Tanz als absolut ernste Aufforderung zu einem Männlichkeitsvergleich usw.), und dann aus eigentlich ziemlich banalen Vorkommnissen ein Theorie-Gerüst baut, das den Kern der Sache vielleicht trifft, aber z.B. Sozialdeterminierung komplett aussen vor lässt
Insgesamt also m.E. aus verschiedenen Perspektiven ein wesentlich komplexeres Thema, als hier in den 45 Minuten auch nur angeschnitten.
Beste Grüsse
Period.






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