Was man bei den HEMA anmerken sollte: sehr häufig sind die Szenarien problematisch bzw. unklar, und der Wettkampfmodus im Sinne des Regelwerks hat gewisse Probleme, dies wiederzugeben. Zum Beispiel sind die «klassischen» HEMA-Wettkämpfe Blossfechten, historisch gesehen eine absolute Randerscheinung im 15. Jh., jedoch geht der Aspekt des nicht-Getroffenwerdens oft ziemlich unter. Das beginnt bei den Händen – gerade mit dem Langen Schwert sind die sehr exponiert, und ein guter Treffer an den Fingern würde den Kampf faktisch beenden. Die meisten Regelwerke reflektieren nur sehr begrenzt darauf, wenn überhaupt. Das andere sind Doppeltreffer («double kills»), die man in einem Duell tunlichst vermeiden möchte (auch wenn sie nachweislich vorgekommen sind). Das sieht man im ersten Video sehr gut – der Herr mit dem Langen Schwert verliert ein Bein, der mit dem Miaodao parallel seine Schädeldecke. Faktisch wären beide nach dem Duell entweder tot oder für den Rest des Lebens kampfunfähig, was kaum der intendierte Ausgang gewesen sein dürfte (eine Verwundung in einem Rapierduell überlebt man dagegen eher).
Ein anderes Thema ist der gerüstete Kampf, der eher im Format «Battle of the Nations» (Schluderns wäre ein Beispiel für ein solches Regelwerk, wobei ich im Einzelnen jetzt nicht weiss, ob bzw. wie es sich davon unterscheidet) widergegeben werden. Das Problem dabei ist, dass hier in der Praxis Vollstoff auf den Helm gekloppt wird, in der Hoffnung, den Anderen gewissermassen auszuknocken. Das scheint in der historischen Praxis aber ein extremer Einzelfall gewesen zu sein. Richtig ist, dass man auch mit einem scharfen Schwert in der Praxis kaum Aussichten hat, im Schnitt durch Vollplatte durchzukommen, durch Kettenhemden auch kaum (mit Stichen schon eher). Im Kampf gegen Vollplatte wurde das Lange Schwert (Einhandschwert gegen Vollplatte ist Schwachsinn, dann lieber ein Streitkolben oder besser noch eine Mordaxt) entweder mit einer Hand in der Klinge zum Halbschwert gefasst um kontrollierter mit der Spitze arbeiten zu können, der man fasst es mit beiden Händen in der Klinge (!) um Knauf und Parierstange ähnlich eines Streitkolbens oder einer Mordaxt zu zweckentfremden. Statistisch gesehen wird die Waffe aber eher als Ringhilfe eingesetzt und das Duell in voller Rüstung am Boden mit dem Dolch beendet.
In Summe beides lustige Wettkampfformate, die die historische Realität meiner Meinung nach allerdings höchst begrenzt (wenn überhaupt) wiedergeben.
Beste Grüsse
Period.





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