Zitat Zitat von Julian Braun Beitrag anzeigen
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Corona. Carsten hat es im Hoffnung-Thread erst gestern geschrieben: "In Bezug auf Corona habe ich den Eindruck, daß der Ernst der Situation vielen Menschen nicht bewußt ist, zum Einen weil sie wenig bis nichts davon selbst im eigenen Umfeld erleben. Zum anderen, weil es nie einfach ist, die Wahrheit einer existenziellen Krise anzuerkennen."
Ich vermute, viele hier kennen Leute aus der Sicherheitsbranche oder Polizei. Und nicht selten - so meine Erfahrung - kann man da hören, dass die Probleme mit bestimmten Gruppen/Teilen der Gesellschaft besonders hoch sind. Aber der öffentliche Tenor ist (so mein Eindruck), dass in diesem Fall immer vehement darauf hingewiesen wird, dass die Erfahrungen der Beamten auf der Straße ja nicht verallgemeinerbar wären.
Ist ja vom Prinzip logisch: als Arzt auf einer Covid-Station erlebe ich jeden Tag das Schlimmste, als Streifenbeamter in manchen Großstadt-Ecken vermutlich auch...

Natürlich ist jeder geprägt durch sein persönliches Umfeld und seine Erfahrungswerte. Ich kenne es bspw. aus der politischen Bildungsarbeit mit Polizisten, dass die aufgrund ihres beruflichen Umfeldes eher dazu tendieren, z.B. Migration und Kriminalität in Zusammenhang zu bringen, weil sie, wenn sie Kontakt zu Ausländern bzw. Flüchtlingen haben, sich dies meist im Rahmen von Straftaten und Ermittlungsarbeit abspielt.
Genauso kenne ich aber auch gestande Cops, die Vergleiche ziehen können zwischen heute und von vor 20 Jahren, was bspw. den Respekt angeht, den Bürger unseren Polizeibeamten entgegenbringen. Da werden schon Tendenzen deutlich. Oder aus meinem Metier, dem Schuldienst; wo gestandene Kollegen sagen, die Ansprüche von vor 15/20 Jahren kann ich heute in Klassenstufe XY so nichtmehr stellen, weil die Kinder reihenweise mit 5'ern und 6'ern nachhause gehen würden. Gut sehen kann man das an den Normen im Sportunterricht.
Und genauso sehe ich es in der Praxis von Ärzten und medizinischem Personal, wo der Tenor doch häufig der zu sein scheint, dass viele das, was seit Corona los ist, in 10, 15 oder 20 Jahren Berufsleben noch nicht erlebt haben.

Von daher, ja, eine gewisse Voreingenommenheit und Betriebsblindheit gibt es immer, und die sollte man auch nicht überbewehrten. Den Hinweis, bestimmte Entwicklungen ernst zu nehmen und nicht zu bagatellisieren, mit Betriebsblindheit abzutun, halte ich aber für genauso falsch.
Der Königsweg liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Und im genauen hinschauen und zuhören.