Hallo,

das wäre dann eher eine geschichtliche Frage …

Zunächst ist z. B. „Karate ni Sente nashi“ kein Lehrsatz, den G. Funakoshi schuf; er lernte ihn von seinem Hauptlehrer, A. Asato (1828–1906), der wiederum aussagte, dass dieser Lehrsatz seit alter Zeit zum Unterrichten genutzt worden sei. Ganz ähnlich gab es in mehr oder weniger vielen alten japanischen Kampfkünsten Morallehre.

Zweitens gab es in Ryūkyū wohl Charakterprüfungen, bevor ein potentieller Interessent als „Karate“-Schüler angenommen wurde. D. h. der großflächige Wegfall solcher Prüfungen hinterließ quasi nur noch das „Moralisieren“ als letzte Maßnahme, um keine ungewollten Ereignisse hervorzurufen.

Das Verständnis, dass z. B. „Sente“ im Alltag keine gute Idee ist, kann (!) drittens bereits als Maßnahme des Selbstschutzes begriffen werden. D. h. es bleibt nicht beim bloßen moralischen Aspekt, sondern enthält gleichzeitig eine taktische Komponente. Dieser Punkt war in einer konfuzianisch geprägten Gesellschaft wie in Ryūkyū ebenso wichtig, da der Adept gesund und unversehrt bleiben musste, um seine Pflichten erfüllen zu können.

Es mutet tatsächlich etwas seltsam an, zu moralisieren, ja. Ich persönlich bewege mich da „nur“ auf dem Feld „möglichst vollständiges Karate“, und lasse meine eigenen Gedanken meist meine eigenen Gedanken bleiben. Aber gleichzeitig haben die Mitleser hier wohl so viel Lebenserfahrung, dass sie wissen, dass auch erwachsene Menschen ohne Not brutal handeln und so Anderen schaden können – ein Blick etwa in die hiesigen Gefängnisse oder die Schlange an der Fleischtheke dürfte reichen, um das zu erkennen. Daher war es möglicherweise nicht völlig verkehrt, auch ein wenig Morallehre in das Lehrgebäude des Karate einzubauen ...

Grüße,

Henning Wittwer