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Thema: Warum so viel Desinformation in der Karate-Welt?

  1. #1
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    Standard Warum so viel Desinformation in der Karate-Welt?

    Hallo,

    auf meiner Facebook-Seite stellte ich ebenfalls diese Fragestellung zum „Karate-Wissen“ zur Diskussion und dabei kam eine neue Frage auf, nämlich (verkürzt): Warum ist in der Karate-Welt so viel Desinformation, Unwahrheit und Missgunst verbreitet, und inwieweit waren die Karate-Pioniere „aufrichtig“ um korrekte Wissensverbreitung bemüht?

    Meine Antwort teile ich in der Hoffnung, dass sie dem ein oder anderen Mitleser weiterbringt, auch mal hier im Forum:

    Alle Karate-Pioniere waren keine staatlichen, sondern private Akteure, d. h. es gab für sie keine direkten staatlichen Weisungen, was und/oder wie sie über Karate denken und/oder schreiben sollten. Obwohl es ab Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erste Institutionalisierungsversuche in der Karate-Welt und damit einhergehend gelenkte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Karate-Pionieren gab, ist recht deutlich, dass es sich letztlich immer um differenziert zu betrachtende, individuelle, d. h. von je einer Einzelperson ausgehende Bemühungen blieben. (Daher meine Betonung von „Übertragungslinien“ und mein Schwerpunkt „Shōtōkan“.)

    So handelte jeder Karate-Pionier „eigenverantwortlich“, was die Weitergabe seines Wissens (Theorie wie Praxis) gab. Ihr Hauptproblem war nun, dass sie selbst so gut wie keine Literatur über Karate zur Verfügung hatten, mit der sie arbeiten konnten. Ihre Hauptquellen für ihr Wissen war das, was sie von ihren Lehrern gezeigt und erzählt bekommen haben. Das konnten sie dann aus dem Gedächtnis heraus verarbeiten und z. T. niederschreiben und veröffentlichen. Selbstverständlich geschah bereits das nur unvollständig, d. h. für das Gesamtbild fehlen uns heute schon viele Informationen, über die die Pioniere verfügten, die sie aber aus verschiedenen Gründen nicht öffentlich kundtaten. Hier ist eine mögliche Quelle für Halbwahrheiten zu finden.

    Eine zweite Quelle für Ungenauigkeiten oder geschichtliche Fehler ergab sich aus dem Vertrauen in die akademische Arbeit der (wenigen) frühen Okinawanologen. Z. B. lässt sich darauf die von G. Funakoshi in die Karate-Welt überführte Fehlannahme eines Waffenverbots, dass weitergesponnen ursächlich für die Karate-Entstehung gewesen sein sollte, zurückführen. Da die Karate-Pioniere selbst keine Akademiker waren, konnten sie solche Informationen nur bedingt auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen.

    Eine nächste mögliche Ursache für Halbwahrheiten und möglicherweise Propaganda besteht in einer Art „Selbstorientalisierung“. Z. B. las G. Funakoshi Anfang der 1920er Jahre etwas über Shaolin und Kampfkunst, und das blähte er im Laufe der Zeit zu einer immer größeren Geschichte über Bodhidharma als einen Urvater des Karate auf, worauf auf dem Fuße Ch’i-Kung und Zen mit Karate in Verbindung gebracht wurden. D. h. hier begann der Faden mit dem aufrichtigen Verstehen-wollen der Ursprünge des Karate, aber offenbar spielten dann auch gewisse romantische Vorstellungen/Wunschbilder eine Rolle (siehe Kapitel in „Band II“).

    Weiterhin war der Informationsfluss in der Zeit der Karate-Pioniere noch nicht so umfangreich wie heute. Das könnte z. B. in dem hier von mir beschrieben Fall erklären helfen, weshalb G. Funakoshi sich noch in den 1940ern als denjenigen darstellt, der die Schreibweise „leere Hand“ popularisierte:

    https://www.gibukai.de/funakoshi-gic...er-des-karate/

    Zugleich könnte er, wie von mir erwähnt, aber auch den Namen von C. Hanashiro bewusst unerwähnt gelassen haben …

    Hinzu kommt, besonders mit der Ausbreitung in Europa und Amerika, eine anti-intellektuelle Kultur im Karate. D. h. die Personengruppen, die sich damals für Karate interessierten, waren oft keine Akademiker, da Karate von Soldaten erlernt oder als (brutaler/effektiver) Kampfsport vermarktet wurde, der eher für „starke Mannsbilder“ attraktiv war. Diese Leute hatten kaum Interesse an der tatsächlichen Geschichte und Lehre. Deren Ignoranz „vererbte“ sich oft bis heute …

    Darüber hinaus wurde und wird durchaus etwas benutzt, dass ich „Stilpropaganda“ nenne. Dabei geht es im Kern tatsächlich darum, den eigenen Stil (das eigene Geschäft) als qualitativ besser darzustellen, indem Vertreter anderer Karate-Richtungen wie auch immer kleingeredet/-geschrieben werden. Das findet bis heute statt.

    Schließlich gibt es im deutschsprachigen wie im englischsprachigen Raum noch das von mir immer wieder angesprochene Problem des z. T. unfassbar mangelhaften Umgangs mit japanischen Originalquellen zum Thema, die entweder gar nicht genutzt werden (können) oder schlecht und sinnverzerrend übersetzt werden:

    https://www.gibukai.de/2017/02/15/%C...his-biografie/

    Also handelt es sich um eine Mischung aus verschiedenen Faktoren.

    Dann danke für die freundlichen Worte und Anregungen zu meinen Büchern! Das zu lesen motiviert mich tatsächlich. Dass ich eher wenige Leser erreiche, ist eine Tatsache, die ich nur bedingt verbessern kann, auch wenn ich es versuche.

    „Die Wahrheit ist fragmentiert und schwierig zu erschließen.“ – Das trifft den Nagel auf den Kopf und ich befürchte, dass viele Karateka heute, wenn überhaupt, dann eher schlichte, unterkomplexe Karate-Erzählungen im Harry-Potter-Stil konsumieren wollen …

    Grüße,

    Henning Wittwer

  2. #2
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    Standard Warum so viel Desinformation in der Karate-Welt?

    Also ich finde, beim Karate gehts doch sogar noch - wenn ma' sich mir dagegen mal so z.B. die "KungFu"-/CMA-Szene anguckt...

    VG Dorschi

  3. #3
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    Zitat Zitat von Gibukai Beitrag anzeigen
    Hinzu kommt, besonders mit der Ausbreitung in Europa und Amerika, eine anti-intellektuelle Kultur im Karate. D. h. die Personengruppen, die sich damals für Karate interessierten, waren oft keine Akademiker, da Karate von Soldaten erlernt oder als (brutaler/effektiver) Kampfsport vermarktet wurde, der eher für „starke Mannsbilder“ attraktiv war. Diese Leute hatten kaum Interesse an der tatsächlichen Geschichte und Lehre. Deren Ignoranz „vererbte“ sich oft bis heute …

    Darüber hinaus wurde und wird durchaus etwas benutzt, dass ich „Stilpropaganda“ nenne. Dabei geht es im Kern tatsächlich darum, den eigenen Stil (das eigene Geschäft) als qualitativ besser darzustellen, indem Vertreter anderer Karate-Richtungen wie auch immer kleingeredet/-geschrieben werden. Das findet bis heute statt.

    Schließlich gibt es im deutschsprachigen wie im englischsprachigen Raum noch das von mir immer wieder angesprochene Problem des z. T. unfassbar mangelhaften Umgangs mit japanischen Originalquellen zum Thema, die entweder gar nicht genutzt werden (können) oder schlecht und sinnverzerrend übersetzt werden.
    Grundsätzlich ist ersteres auch ok. Nicht jeder der Karate trainiert oder unterrichtet, muss sich für die Geschichte interessieren. Das gilt ja grundsätzlich für jede andere Aktivität - wenn ich in einen Handball Verein gehe, möchte ich in erster Linie Handball spielen und nicht unbedingt Geschichten von vor 200 Jahren hören. Manche interessiert das vielleicht und die können sich ja entsprechend weiterbilden. Gilt auch ganz allgemein für alles andere - wenn ich beim Zahnarzt bin, ist mir lieber der weiß, wie man schmerzfrei bohrt als dass er die medizinische Geschichte der alten Griechen kennt usw.

    Aus meiner Sicht hat man im Karate aber eine gewisse ungesunde Mischung - viele Danträger fühlen sich berufen, irgendwelche "Hintergründe" von anno dazumal, Japan und Okinawa zu erzählen, ohne irgendeine Ahnung zu haben. Das passiert dann beim Handball vermutlich nicht so oft, da wird der Trainer kaum mit irgendwelchen Geschichten ankommen. Außerdem hat man noch eine starke Hierarchieebene - der Ältere, Meister oder auch Japaner hat automatisch Recht, denn er hat ja die höhere Graduierung. Nur ist Danträger oder auch Japaner zu sein keine Qualifikation bzgl. Hintergrundwissen. Es wird aber kaum einer einen japanischen Shihan oder sonstigen "Altmeister" irgendwie berichtigen wollen. Ich habe das mal vor zig Jahren im alten Forum vom Budo Studien Kreis erlebt, da hatte ich mal erwähnt, dass Lind irgendein Zeichen falsch übersetzt hat und gleich wurde ich von mehreren BSK Lehrern niedergemacht, wie ich denn wagen können Lind zu berichtigen, der schon Karate gemacht habe, als ich noch in den Windeln... So what? Schlagt einfach mal ein Wörterbuch auf. Und mache Ausübende wollen halt auch eine Art oberflächliche Asia Atmosphäre mit Samurai und Co. - ähnlich wie wenn in einem Yoga Studio irgendwo ein Buddha in der Ecke steht und Räucherkerzen angezündet werden. Ist halt null authentisch aber so gewollt. Da sind mir die Leute die einfach nur trainieren ohne irgendeinen Quatsch zu erzählen doch lieber.

  4. #4
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    Hallo,

    ganz ehrlich: Ich kenne mich in der heutigen deutschen Karate-Szene wirklich nicht aus, da ich kein Mitglied in den großen Dachverbänden bin und ich deren Karate nicht ausübe. Daher weiß ich nicht, was da derzeitig so in Mode ist.

    Mein Beitrag oben ist ein Überblick über jene Faktoren, die ich historisch nachweisen kann (und das sind sicher nicht alle).

    Grüße,

    Henning Wittwer

  5. #5
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    Zitat Zitat von FireFlea Beitrag anzeigen
    Grundsätzlich ist ersteres auch ok. Nicht jeder der Karate trainiert oder unterrichtet, muss sich für die Geschichte interessieren. Das gilt ja grundsätzlich für jede andere Aktivität - wenn ich in einen Handball Verein gehe, möchte ich in erster Linie Handball spielen und nicht unbedingt Geschichten von vor 200 Jahren hören. Manche interessiert das vielleicht und die können sich ja entsprechend weiterbilden. Gilt auch ganz allgemein für alles andere - wenn ich beim Zahnarzt bin, ist mir lieber der weiß, wie man schmerzfrei bohrt als dass er die medizinische Geschichte der alten Griechen kennt usw.
    So siehts auf jeden Fall aus. Ich kann mich z.B. auch nicht erinnern, in irgendeiner Boxbude, in der ich so trainiert habe irgendwelche Exkurse über historische Aspekte (mit Ausnahme vielleicht den Verweis auf technische Besonderheiten am Beispiel früherer Boxgrößen) o.ä. mitbekommen zu haben - das tat der Qualität und Intensität des Trainings aber i.d.R. keinen Abbruch.

    Zitat Zitat von FireFlea Beitrag anzeigen
    Aus meiner Sicht hat man im Karate aber eine gewisse ungesunde Mischung - viele Danträger fühlen sich berufen, irgendwelche "Hintergründe" von anno dazumal, Japan und Okinawa zu erzählen, ohne irgendeine Ahnung zu haben. Das passiert dann beim Handball vermutlich nicht so oft, da wird der Trainer kaum mit irgendwelchen Geschichten ankommen. Außerdem hat man noch eine starke Hierarchieebene - der Ältere, Meister oder auch Japaner hat automatisch Recht, denn er hat ja die höhere Graduierung. Nur ist Danträger oder auch Japaner zu sein keine Qualifikation bzgl. Hintergrundwissen. Es wird aber kaum einer einen japanischen Shihan oder sonstigen "Altmeister" irgendwie berichtigen wollen. Ich habe das mal vor zig Jahren im alten Forum vom Budo Studien Kreis erlebt, da hatte ich mal erwähnt, dass Lind irgendein Zeichen falsch übersetzt hat und gleich wurde ich von mehreren BSK Lehrern niedergemacht, wie ich denn wagen können Lind zu berichtigen, der schon Karate gemacht habe, als ich noch in den Windeln... So what? Schlagt einfach mal ein Wörterbuch auf. Und mache Ausübende wollen halt auch eine Art oberflächliche Asia Atmosphäre mit Samurai und Co. - ähnlich wie wenn in einem Yoga Studio irgendwo ein Buddha in der Ecke steht und Räucherkerzen angezündet werden. Ist halt null authentisch aber so gewollt. Da sind mir die Leute die einfach nur trainieren ohne irgendeinen Quatsch zu erzählen doch lieber.
    Das was du schreibst ist sicherlich richtig - aber gibts denn dieses "Bullshido"-Ding bzw. die Nachfrage danach noch in signifikantem Ausmaß? Ich hatte eher so den Eindruck, dass das massiv nachlässt.

    VG Dorschi

  6. #6
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    Hallo nochmal,

    also, dieses "Bullshido"-Ding existiert leider sehr wohl im Karate. Beispielsweise bot sich 2012 ein gewisser deutscher Professor an, eine Rezension meines damals erschienenen "Band II" zu verfassen. Nachdem er mein Kapitel über die Shaolin-Legende im Karate gelesen hatte, wollte er keine Rezension mehr schreiben - sein Karate-Weltbild war nämlich plötzlich zerstört bzw. er wollte meine historische, auf japanische und chinesische Quellen gestützte Aufklärungsarbeit, die seinem Karate-Weltbild nicht entsprach, nicht unterstützen.

    Ein anderer, sehr von sich überzeugter deutscher Karateka, schickte mir mal eine Liste mit Inhalten, die ihm im Buch nicht zusagten ("Klassiker" wie Shaolin usw.), und forderte mich ernsthaft dazu auf, meine Texte zu überarbeiten ...

    Vor Jahren rief mich ein bekannter deutscher Karateka mit der Bitte an, mit ihm Informationen über zwei, drei Themen der Karate-Geschichte und -Lehre zu teilen, was ich eigentlich immer gerne (und kostenlos) mache. Doch bevor er überhaupt richtig zu reden begonnen hatte, musste er mir klarmachen, dass er ein "8. Dan" sei. Bis heute frage ich mich, weshalb der tolle "8. Dan" mich kleine Nummer überhaupt kontaktieren musste (im Karate meiner Linie ist der 5. Dan die "höchste" Stufe). Seine Fragen jedenfalls waren wirklich naiv/verklärt, obwohl er mir anfangs ungefragt mitteilte, wie viele Dekaden er schon trainiere und unterrichte.

    Dann gibt es zahlreiche Youtube-Filme, in denen Bunkaiisten (Kata-Interpreten) ihre modernen Selbstverteidigungstricks, die sie wehrlosen Kata überstülpen, mit vermeintlichen Zitaten von Karate-Pionieren zu unterauern versuchen, was auf Laien vermutlich beeindruckend wirkt, mich allerdings entgeistert ...

    Ein paar persönliche Erfahrungen mit anderen deutschen und englischsprachigen "Bullshido"-Verbreitern behalte ich für mich, da sie zu deutlich bestimmte Personen mit der Anekdote verknüpfen ...

    Grüße,

    Henning Wittwer

  7. #7
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    Zitat Zitat von Gibukai Beitrag anzeigen
    ...
    Vor Jahren rief mich ein bekannter deutscher Karateka mit der Bitte an, mit ihm Informationen über zwei, drei Themen der Karate-Geschichte und -Lehre zu teilen, was ich eigentlich immer gerne (und kostenlos) mache. Doch bevor er überhaupt richtig zu reden begonnen hatte, musste er mir klarmachen, dass er ein "8. Dan" sei. Bis heute frage ich mich, weshalb der tolle "8. Dan" mich kleine Nummer überhaupt kontaktieren musste (im Karate meiner Linie ist der 5. Dan die "höchste" Stufe). Seine Fragen jedenfalls waren wirklich naiv/verklärt, obwohl er mir anfangs ungefragt mitteilte, wie viele Dekaden er schon trainiere und unterrichte.
    q.e.d. passt ja zu meinem Beitrag.

    Dann gibt es zahlreiche Youtube-Filme, in denen Bunkaiisten (Kata-Interpreten) ihre modernen Selbstverteidigungstricks, die sie wehrlosen Kata überstülpen, mit vermeintlichen Zitaten von Karate-Pionieren zu unterauern versuchen, was auf Laien vermutlich beeindruckend wirkt, mich allerdings entgeistert ...
    Das halte ich nicht per se für Bullshido. Denn entweder etwas funktioniert und ist schlüssig (wenn vielleicht auch nicht "original") oder eben nicht.

  8. #8
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    Naja, vielleicht sollten wie hier mal wieder auf den Boden der Tatsachen kommen: Warum gehe ich in einen Karate-Verein? Bestimmt nicht um die Variation einer Kata innerhalb eines Stils zu vergleichen und mich in dieser (endlosen) Diskussion des Bunkai zu verlieren. Nein. Ich gehe da hin, um "kämpfen" zu lernen (wie auch immer man diese für sich definiert).

    Was steht am Ende - nach Jahren des Trainings? Liegt er am Boden oder ich? Das ist die Essenz der Kampfkünste - Mann gegen Mann. Fertig.

  9. #9
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    Hallo nochmal,

    da es im Thema hier um Desinformation im Karate geht, möchte ich sicherheitshalber darauf hinweisen, dass die Karate-Pioniere G. Funakoshi (1868–1957) sehr sicher und C. Motobu (1870–1944) sicher nicht der obigen Aussage zugestimmt hätten, wenn es um die „Essenz“ ihres Karate ginge. Und auch für einige ihrer Lehrer würde ich vorsichtig behaupten wollen, dass sie die „Essenz“ ihres Karate anders auffassten.

    Warum kann ich das behaupten? Weil ich mich seit Jahren mit ihren alten japanischen Schriften auseinandersetze und sie z. T. übersetzt und kommentiert veröffentlichte. Karate war für sie (inhaltlich) etwas wirklich Großes, und aus meiner Sicht ist es bedauerlich, dass die breite Masse der Menschen, die glaubt so etwas wie Karate zu „kennen“ oder zu „lernen“, nichts davon ahnt …

    Grüße,

    Henning Wittwer

  10. #10
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    Auch ganz unabhängig von den Pionieren bin ich mir relativ sicher, dass nicht jeder ins Karate geht, um einen Kampf Mann gegen Mann zu gewinnen. Die Gründe sind individuell und vielfältig.

  11. #11
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    "Wer andere besiegen will, muss zunächst sich selbst besiegen." Mindset ist wichtiger als Technik und das kann man auch im Karate üben. Aber ich will hier jetzt keine weitere Diskussion über Yi aufmachen.

    Ja, mir ist durchaus bekannt, dass Yi mit Mindset nicht treffend übersetzt ist, aber ich gehöre auch nicht zu den diesbezüglich Erleuchteten.
    „Grau teurer Freund, ist alle Theorie. Und grün des Lebens goldner Baum.“

  12. #12
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    Zitat Zitat von Katamaus Beitrag anzeigen
    ]Ja, mir ist durchaus bekannt, dass Yi mit Mindset nicht treffend übersetzt ist, aber ich gehöre auch nicht zu den diesbezüglich Erleuchteten.
    der aktuelle stand meiner auf niedrigflamme leuchtenden erleuchtung ist, dass Yi mit intent identisch sein soll.... keine ahnung. mir riechen begriffe, wie mentale konditionierung und inkorporation einer "inneren haltung", und so was, wie "scharf machen" des predators im Homo Sapiens....

  13. #13
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    Zitat Zitat von amasbaal Beitrag anzeigen
    der aktuelle stand meiner auf niedrigflamme leuchtenden erleuchtung ist, dass Yi mit intent identisch sein soll.... keine ahnung. mir riechen begriffe, wie mentale konditionierung und inkorporation einer "inneren haltung", und so was, wie "scharf machen" des predators im Homo Sapiens....
    Nein, Yi ist absolut nicht mit Intent identisch!

    Ich hab hier mal ein wenig zu Yi geschrieben:

    Yi & Zhan Zhuang

    Intent ist einfach der Ausdruck der Natürlichkeit. Yi kann zu Intent führen, ist aber nicht mit ihm gleichzusetzen.

    Ebenen, Kreise und Vektoren bilden die Grammatik der Bewegung.
    Der Körper ist das Papier.
    Yi ist die schreibende Hand.
    Technik ist nur der sichtbare Text.

    Desinformation gibt es nicht nur im Karate sondern auch (und noch viel mehr) in den CMA, was aber nicht immer böse Absicht sein muss, sondern einfach daran liegt dass bestimmte Konzepte schwer zu verstehen sind. vor allem wenn man sie aus einem kulturellen Umfeld in ein anderes bringen will.
    Geändert von kanken (Heute um 16:36 Uhr)

  14. #14
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    Im traditionellen Techniklernen steht häufig die sichtbare Ausführung im Vordergrund. Der Schüler lernt Bewegungen, Abläufe oder Anwendungen und versucht, diese möglichst genau zu kopieren. Das kann zu Beginn sinnvoll sein, weil Form Orientierung gibt und eine erste äußere Struktur schafft. Problematisch wird es erst dann, wenn diese äußere Form mit dem eigentlichen Inhalt verwechselt wird. Dann wird nur reproduziert, was zu sehen ist, ohne zu verstehen, welche innere Logik, welche räumliche Ordnung und welche funktionale Idee dahinterstehen.

    In einem systemischen Verständnis von Kampfkunst hat Xing/Form/Kata/Partneranwendung deshalb einen anderen Stellenwert. Form ist nicht das Ziel, sondern ein Mittel. Anhand der Form lassen sich Ebenen, Kreise, Richtungen, Winkel, Vektoren und Übergänge erforschen — sowohl allein im Stehen und Kreisgehen als auch in der Partnerarbeit. Die Form wird damit zu einer Art Labor, in dem die grundlegende Grammatik der Bewegung sichtbar und erfahrbar wird. Entscheidend ist jedoch, dass diese Prinzipien erklärt und spürbar gemacht werden. Ohne entsprechende Anleitung sieht der Anfänger meist nur die äußere Gestalt und kopiert Armhaltungen, Schritte oder Drehungen, ohne die innere Struktur zu erkennen. Er sieht die Form, aber nicht das Prinzip; er wiederholt die Bewegung, aber nicht die Idee.

    Gerade die Körperarbeit mit Kreisen, Ebenen und Richtungen verändert dabei nicht nur das Verständnis von Bewegung, sondern auch das eigene Körpergefühl. Der Übende lernt, den Körper nicht mehr als Ansammlung einzelner Glieder zu benutzen, sondern als zusammenhängenden, räumlich organisierten Zusammenhang wahrzunehmen. Er beginnt zu spüren, wie sich Kräfte im Körper ausrichten, wie Rotationen entstehen, wie Ebenen miteinander gekoppelt sind, wie Vektoren durch den Körper laufen und wie sich Struktur im Raum aufbaut. Auf diese Weise verfeinert sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers: Balance, Verbindung, Richtung, Spannung, Entspannung und Übergang werden klarer, differenzierter und bewusster. Das ist mehr als Techniktraining — es ist eine Schulung von Körperorganisation.

    Yi kommt dann als steuernde Instanz hinzu. Wenn durch Form und Körperarbeit die innere Grammatik und das passende Körpergefühl entwickelt wurden, kann Yi all dies funktional einsetzen. Yi gibt der Struktur Richtung, Bedeutung und Absicht. Es entscheidet, welche Ebene betont wird, in welche Richtung der Vektor läuft, welcher Kreis geöffnet oder geschlossen wird, wie auf den Partner reagiert wird und welche Qualität in einem bestimmten Moment gebraucht wird. Erst dadurch wird aus bloßer Körperarbeit lebendige Anwendung. Ohne Yi bleibt Struktur passiv; mit Yi wird sie handlungsfähig.

    So entsteht ein grundlegend anderes Lernmodell als im bloßen Techniktraining. Technik ist dann nicht mehr der Ausgangspunkt, sondern nur der sichtbare Ausdruck eines tieferen Systems. Form hilft, die Grammatik der Bewegung zu erkennen. Körperarbeit macht diese Grammatik im eigenen Leib spürbar und verfeinert das Körpergefühl. Yi schließlich verbindet beides und macht daraus funktionale, anwendbare Handlung.

    Über Xing, Kata oder Formen werden Ebenen, Kreise und Vektoren sichtbar.
    Über die Körperarbeit werden sie im eigenen Körper fühlbar.
    Über Yi werden sie schließlich sinnvoll eingesetzt.

    Die überlieferten Anwendungen mit und ohne Waffen sind in diesem Verständnis weit mehr als ein Katalog alter Techniken. Sie sind einerseits konkrete Vorlagen, an denen sich die Grammatik der Bewegung studieren lässt: Ebenen, Kreise, Richtungen, Vektoren, Übergänge, Distanz und funktionale Körperorganisation werden in ihnen sichtbar. Andererseits sind sie gerade zu Beginn wichtige Werkzeuge der Wehrhaftmachung. Sie geben dem Übenden früh brauchbare, geordnete und erprobte Handlungsmuster an die Hand. Damit dienen sie zugleich als praktische Schutzmittel und als didaktische Schlüssel. Mit wachsendem Verständnis werden sie dann nicht verworfen, sondern tiefer gelesen: zunächst als Technik, dann als Prinzip, schließlich als Ausdruck eines lebendigen Systems.

    Yi-Training vertieft nicht nur die Steuerung des Körpers, sondern auch das verkörperte Verständnis der Welt. Es schult die Fähigkeit, die Essenz von Dingen, Kräften und Beziehungen wahrzunehmen und sie im eigenen Körper und Geist wirksam werden zu lassen.

    Kampfkunst ist kein primäres Techniksystem, sondern ein Lernweg, auf dem der Übende zunächst die Grammatik der Bewegung erkennt, diese dann durch Körperarbeit verkörpert und schließlich durch Yi funktional, lebendig und situativ sinnvoll einsetzt. Formen und Anwendungen dienen dabei als didaktische Vorlagen und als praktische Werkzeuge, dürfen aber nie mit der eigentlichen Essenz verwechselt werden. Die Essenz liegt nicht in der äußeren Form, sondern in der Wahrnehmung und Organisation von Struktur, Qualität, Beziehung und Bedeutung — im eigenen Körper, im Gegenüber und in der Welt.
    Geändert von kanken (Heute um 18:02 Uhr)

  15. #15
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    Zitat Zitat von kanken Beitrag anzeigen
    Nein, Yi ist absolut nicht mit Intent identisch!

    Ich hab hier mal ein wenig zu Yi geschrieben:

    Yi & Zhan Zhuang.
    danke. das mit "ist identisch" hatte ich gestern hier im board aufgeschnappt und hab mir dabei gedacht, dass ich das in diesem sinne falsch verstanden hätte (weil ich immer dachte, das habe irgendwie miteinander zu tun, aber eher, dass das eine das andere hervorbringen/begünstigen kann). dazu kam dann die superschlaue KI:
    "Intent" (oft als Yi, 意, im chinesischen Kontext) bezeichnet in der Kampfkunst die bewusste Absicht, Konzentration oder geistige Ausrichtung, die einer physischen Technik vorausgeht. Es handelt sich um den Einsatz des Geistes zur Lenkung von Energie (Qi) und Körperstruktur, um Bewegungen präzise, effektiv und zielgerichtet auszuführen.
    was intent ist, ist klar (ist auch nicht genau das, was da im zitat steht), was Yi ist, aber wohl dann doch nicht. deshalb meine konfusion. ist halt nicht mein thema als nicht CMA oder Okinawa/Japan KKler... bin gespannt, ob ich da was rauslese, das unter anderem namen mit ähnlichem kozept vieleicht im Silat vorkommt oder sonstwo, wo ich eher zu hause bin.
    Geändert von amasbaal (Heute um 18:59 Uhr)

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