Hallo,
auf meiner Facebook-Seite stellte ich ebenfalls diese Fragestellung zum „Karate-Wissen“ zur Diskussion und dabei kam eine neue Frage auf, nämlich (verkürzt): Warum ist in der Karate-Welt so viel Desinformation, Unwahrheit und Missgunst verbreitet, und inwieweit waren die Karate-Pioniere „aufrichtig“ um korrekte Wissensverbreitung bemüht?
Meine Antwort teile ich in der Hoffnung, dass sie dem ein oder anderen Mitleser weiterbringt, auch mal hier im Forum:
Alle Karate-Pioniere waren keine staatlichen, sondern private Akteure, d. h. es gab für sie keine direkten staatlichen Weisungen, was und/oder wie sie über Karate denken und/oder schreiben sollten. Obwohl es ab Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erste Institutionalisierungsversuche in der Karate-Welt und damit einhergehend gelenkte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Karate-Pionieren gab, ist recht deutlich, dass es sich letztlich immer um differenziert zu betrachtende, individuelle, d. h. von je einer Einzelperson ausgehende Bemühungen blieben. (Daher meine Betonung von „Übertragungslinien“ und mein Schwerpunkt „Shōtōkan“.)
So handelte jeder Karate-Pionier „eigenverantwortlich“, was die Weitergabe seines Wissens (Theorie wie Praxis) gab. Ihr Hauptproblem war nun, dass sie selbst so gut wie keine Literatur über Karate zur Verfügung hatten, mit der sie arbeiten konnten. Ihre Hauptquellen für ihr Wissen war das, was sie von ihren Lehrern gezeigt und erzählt bekommen haben. Das konnten sie dann aus dem Gedächtnis heraus verarbeiten und z. T. niederschreiben und veröffentlichen. Selbstverständlich geschah bereits das nur unvollständig, d. h. für das Gesamtbild fehlen uns heute schon viele Informationen, über die die Pioniere verfügten, die sie aber aus verschiedenen Gründen nicht öffentlich kundtaten. Hier ist eine mögliche Quelle für Halbwahrheiten zu finden.
Eine zweite Quelle für Ungenauigkeiten oder geschichtliche Fehler ergab sich aus dem Vertrauen in die akademische Arbeit der (wenigen) frühen Okinawanologen. Z. B. lässt sich darauf die von G. Funakoshi in die Karate-Welt überführte Fehlannahme eines Waffenverbots, dass weitergesponnen ursächlich für die Karate-Entstehung gewesen sein sollte, zurückführen. Da die Karate-Pioniere selbst keine Akademiker waren, konnten sie solche Informationen nur bedingt auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen.
Eine nächste mögliche Ursache für Halbwahrheiten und möglicherweise Propaganda besteht in einer Art „Selbstorientalisierung“. Z. B. las G. Funakoshi Anfang der 1920er Jahre etwas über Shaolin und Kampfkunst, und das blähte er im Laufe der Zeit zu einer immer größeren Geschichte über Bodhidharma als einen Urvater des Karate auf, worauf auf dem Fuße Ch’i-Kung und Zen mit Karate in Verbindung gebracht wurden. D. h. hier begann der Faden mit dem aufrichtigen Verstehen-wollen der Ursprünge des Karate, aber offenbar spielten dann auch gewisse romantische Vorstellungen/Wunschbilder eine Rolle (siehe Kapitel in „Band II“).
Weiterhin war der Informationsfluss in der Zeit der Karate-Pioniere noch nicht so umfangreich wie heute. Das könnte z. B. in dem hier von mir beschrieben Fall erklären helfen, weshalb G. Funakoshi sich noch in den 1940ern als denjenigen darstellt, der die Schreibweise „leere Hand“ popularisierte:
https://www.gibukai.de/funakoshi-gic...er-des-karate/
Zugleich könnte er, wie von mir erwähnt, aber auch den Namen von C. Hanashiro bewusst unerwähnt gelassen haben …
Hinzu kommt, besonders mit der Ausbreitung in Europa und Amerika, eine anti-intellektuelle Kultur im Karate. D. h. die Personengruppen, die sich damals für Karate interessierten, waren oft keine Akademiker, da Karate von Soldaten erlernt oder als (brutaler/effektiver) Kampfsport vermarktet wurde, der eher für „starke Mannsbilder“ attraktiv war. Diese Leute hatten kaum Interesse an der tatsächlichen Geschichte und Lehre. Deren Ignoranz „vererbte“ sich oft bis heute …
Darüber hinaus wurde und wird durchaus etwas benutzt, dass ich „Stilpropaganda“ nenne. Dabei geht es im Kern tatsächlich darum, den eigenen Stil (das eigene Geschäft) als qualitativ besser darzustellen, indem Vertreter anderer Karate-Richtungen wie auch immer kleingeredet/-geschrieben werden. Das findet bis heute statt.
Schließlich gibt es im deutschsprachigen wie im englischsprachigen Raum noch das von mir immer wieder angesprochene Problem des z. T. unfassbar mangelhaften Umgangs mit japanischen Originalquellen zum Thema, die entweder gar nicht genutzt werden (können) oder schlecht und sinnverzerrend übersetzt werden:
https://www.gibukai.de/2017/02/15/%C...his-biografie/
Also handelt es sich um eine Mischung aus verschiedenen Faktoren.
Dann danke für die freundlichen Worte und Anregungen zu meinen Büchern! Das zu lesen motiviert mich tatsächlich. Dass ich eher wenige Leser erreiche, ist eine Tatsache, die ich nur bedingt verbessern kann, auch wenn ich es versuche.
„Die Wahrheit ist fragmentiert und schwierig zu erschließen.“ – Das trifft den Nagel auf den Kopf und ich befürchte, dass viele Karateka heute, wenn überhaupt, dann eher schlichte, unterkomplexe Karate-Erzählungen im Harry-Potter-Stil konsumieren wollen …
Grüße,
Henning Wittwer



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