Hallo,

(1) Das klingt mir zu negativ, Christian. Ich selbst sah und sehe Wissenszuwachs immer positiv. Ich regte und rege mich nie darüber auf, dass ich nun mehr weiß als früher. Wenn mich jemand auf Fehler hinweist oder mir Verbesserungsvorschläge liefert, bin ich dankbar. Es gibt sehr viele Karate-Anhänger verschiedener Shōtōkan-Ausrichtungen, die inbrünstig dem sportlichen Karate-Wettkampf nachgehen und glauben, dass das im „Shōtōkan“ so sei. Ich weiß aufgrund von Quellenkenntnis, dass dem eigentlich nicht so ist. Es gibt sehr viele Karate-Anhänger verschiedener Shōtōkan-Ausrichtungen, die Ten no Kata nicht kennen. Ich kenne sie. Das sind nun nüchtern betrachtet Tatsachen, an denen ich nur insofern etwas ändern kann, als dass ich Informationen dazu zur Verfügung stelle. Ich kann nur schwer beeinflussen, ob diese Informationen „gewollt“ sind und angenommen werden. Und ja, das gilt eben auch für den Shōtōkan-Stock. Ich begann ihn zuerst begeistert zu üben, weil ich wusste, dass er historischer Bestandteil des Shōtōkan-Lehrgebäudes ist. Später stieg meine Begeisterung, als ich an mir selbst merkte, wie positiv sein technischer Einfluss auf mein Üben ist. D. h. ich schreibe hier aus Erfahrung über den Wert dieser Stock-Kata. Wie geschrieben missioniere ich aber nicht. Wer an diesen Informationen nicht interessiert ist, dem zwinge ich sie nicht auf. Allerdings liegt mir etwas an einer möglichst korrekten und vollständigen Darstellung der Geschichte des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū. Daher weise ich zumindest auf die Existenz dieses Lehrstoffs (und es gibt noch mehr, den „viele“ nicht kennen) hin.

(2) In der deutschen Übersetzung von G. Funakoshis Nachwort steht ein Mal am Ende „Meister Mabuni“ (S. 63 in Ken’eis Buch), so als würde G. Funakoshi K. Mabuni (1889–1952) mit „Meister“ anreden oder ihn als „seinen Meister“ erachten. Im japanischen Originaltext von 1934 schreibt G. Funakoshi durchgängig „Herr“, also „Herr Mabuni“, was eine üblich Anredeform von Senior (hier G. Funakoshi) in Richtung Junior (hier K. Mabuni) ist. Deutsche Leser werden damit also in die Irre geführt. Abgesehen davon schrieb G. Funakoshi auch für andere Leute Vorworte für deren Veröffentlichungen. D. h. der kurze Text in K. Mabunis Buch ist insofern nichts Besonderes. Das möchte ich hier gerne klarstellen, bevor ich auf die Frage eingehe.

(3) Bei der Frage nach „Rhythmus und Taktschlag“ bin ich mir nicht sicher, ob Du sie auf die Solo-Kata beziehen möchtest oder auf Karate allgemein. Denn auf S. 88 erklärt K. Mabuni „Mu-Hyōshi ‚ohne Taktschlag‘“ mithilfe eines harten „Blocks“ auf die gegnerische Angriffsgliedmaße. Für ihn ist dieser harte „Block“ bereits der Angriff selbst. Das bezieht er aber offensichtlich auf eine Situation mit einem Partner/Gegner. Auf S. 89 schreibt er dann von Kata zu Musik bzw. Kata nach Rhythmus, was er falsch findet. G. Funakoshi selbst schreibt z. B. über „schnell und langsam“ in den Kata, was zu einem vorgegebenen Rhythmus führt. Allerdings lehrte er „in echt“ Kata (auch) monoton, ohne Rhythmus. In seinem „Seikan“-Text, der sehr wichtig ist, schreibt er aber ausdrücklich, dass ein „natürlicher Körper“ das Trainingsziel ist, und Kata (als Übungsformen) an sich begrenzt sind (Band I, S. 64).

Grüße,

Henning Wittwer