Danke für den Einwurf, Lofantyr.
Du sprichst zwei Ebenen an.
1. Die Entwicklung der Kampfkunst des Helden, bis man von einem eigenen Stil sprechen kann.
2. Seine individuellen Erfahrungen, die ihn zu neuen Ideen bringen.
Beides verdient eine genaue Betrachtung. Hier nun meine Gedanken dazu:
Zu 1:
Nehmen wir einmal an, wir haben einen jungen überaus talentierten Kampfkünstler, der seit 13 Jahren eine Kombination aus traditionellem Karate und Kobudo lernt und hier die Stufe eines hohen Dan-Grades erreicht hat. Sein Fokus war schon immer die Selbstverteidigung. In den drei Monaten, bevor er seinen Militärdienst antritt, hat er ein paar Auseinandersetzungen. Nicht alle gehen gut für ihn aus. Manchmal muss er seinen üblichen Pfad verlassen, um die Herausforderung zu bestehen. Zudem trifft er in dieser Zeit auf Experten in Kali, MMA und Krav Maga, die ihm wichtige Impulse für die Kampfkunst geben. Jetzt geht er zum Militär und erhält den Auftrag ein Ausbildungsprogramm zusammenzustellen, dass seine Kameraden in Zukunft in der Nahkampfausbildung lernen sollen, um es im Orts- und Häuserkampf anzuwenden. Er bekommt dafür ein halbes Jahr Zeit und eine Gruppe von Kameraden, um es zu erproben.
Es stellen sich nach diesem Beispiel nun folgende Fragen:
a) Wird unser Kampfkünstler hier noch seinen Ursprung unterrichten können oder doch etwas deutlich modifiziertes?
b) Kann man es ihm krummnehmen, wenn er diesem Ausbildungsprogramm den Namen „Taktischer urbaner Nahkampf (TaurNaka)“ gibt und damit einen neuen Stil schafft?
c) Wie lange hat er nun wirklich für die Entwicklung gebraucht? 14 Jahre, 1 Jahr oder 6 Monate?
Meine Schlussfolgerung: Wenn eine passende Basis vorhanden ist, neue Impulse gesetzt wurden und es eine entsprechende Motivation gibt, dann kann ein neuer Stil sehr schnell entstehen. Ab wann man seine Entwicklung rechnet, ist dabei eine Frage der Definition.
Zu 2:
Ich habe mal von einem Dan-Träger im Kendo die Aussage gehört, dass man, um eine Technik wirklich zu meistern, sein ganzes Leben benötigt, und für eine zweite Technik daher keine Zeit mehr hat. Legt man diese Messlatte an, dann sind wir alle absolute Anfänger und irgendwie ist das auch ein sympathischer Gedanke beim stetigen Streben besser zu werden.
Nach meiner Erfahrung ist das Vorankommen in einer Kampfkunst von Schlüsselmomenten und Lernphasen gekennzeichnet. Das kennt sicher jeder hier im KKB: Etwas, dass lange keinen Sinn gemacht hat oder man einfach nicht hinbekommen hat, wird auf einmal anders betrachtet und schon klappt es. Solche Inspirationserlebnisse begleiten auch die Entstehungsgeschichte von Kampfkünsten. Bei den Chinesen sind es gerne die Kämpfe irgendwelcher Tiere gegeneinander. Dabei sollen die Entwickler ihre zündenden Ideen gehabt haben.
In der beschriebenen Szene in Kapitel V, die eine eskalierende Sparringssituation beschreibt, nutzt der Held ihm bekannte Techniken nach einem neuen Prinzip. Das geschieht zuerst intuitiv, wo es nicht klappt (S. 73), dann nochmal in einer geplanten Aktion (S. 74f). Dabei entdeckt er eine Gesetzmäßigkeit. Er übt sie dann mit seinem Sparringspartner (sie vertragen sich wieder) in entspannter Atmosphäre. Nach zwei Stunden kann er das Prinzip so anwenden, dass er einen Vorteil hat. Nicht mehr und nicht weniger.
Der Held der Geschichte ist sicherlich auf diesem Gebiet ausgesprochen talentiert. Er erkennt Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge sehr exakt und schnell. Da er sein Vorankommen oft genug schmerzhaft erkauft, denke ich, dass es in der Geschichte so passt. Ich halte das nach meinen Erfahrungen für möglich und damit auch realistisch.





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