Im Falle Ueshibas scheint mir wichtig, unterschiedliche Linien der Rezeptionsgeschichte zu differenzieren:
Gruppen, die sich weitgehend vom ursprünglichen historischen Kontext abgelöst haben und das Bild Ueshibas in ihren eigenen kulturellen und weltanschaulichen Kontext assimiliert haben, verstehen ihn als weisen alten Mann und als Vertreter einer pazifistischen "Liebesreligion".
Gruppen, die eine Verbindung zum historischen, bzw. kulturellen Kontext erhalten haben (also konkret eine enge Verbindung nach Japan und zu den japanischen Vertretern seiner Schule), deuten ihn im Rahmen und nach Mustern dieses Kontextes.
Das bedeutet dann eine weitere Differenzierung, nämlich das nach Außen, in der Öffentlichkeit transportierte Bild "des Begründers". Und das Bild, das im Inneren der Schule vermittelt wird. (Klassisches Beispiel dafür sind die je nach Fragesteller unterschiedlichen Antworten ein und derselben Schüler auf die Frage, ob Ueshiba am Ende seines Lebens tatsächlich noch werfen konnte, oder ob sie aus Respekt vor ihrem Lehrer gefallen sind. Oder die Aussagen über Ueshibas Verhalten als Familienmensch.)
Eine dritte Rezeptionslinie besteht in dem Bild, das Vertreter anderer Schulen, die Berührung mit Ueshiba hatten, von ihm haben. Und auch da ist wieder zu unterscheiden zwischen dem Bild, das nach Außen, in der Öffentlichkeit transportiert wird. (Weiser Begründer einer anderen Schule, dem aller Respekt gebührt.) Und dem Bild, das schulintern vermittelt wird. (Jemand der kein aiki hat, oder weniger als gedacht. Jemand, der nicht mit dem Schwert umgehen kann. usw. ...)
Diese Differenzierung von Innen und Außen ist ja ein grundlegender Aspekt der japanischen Kultur. Und die schein-Heiligkeit des im Westen rezipierten Bildes von Ueshiba hat m.E. u.a. damit zu tun, daß es durch Mensch vermittelt wurde, die nicht wirklich Zugang zum Innen hatten. - Oder eben dieses Innen ganz bewußt nicht öffentlich transportieren wollten.





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