Ich sollte ja eigentlich arbeiten, aber dem Thema kann ich unmöglich wiederstehen![]()
Aaalso, die Sache mit langen einschneidigen Klingenwaffen in Europa ist etwas komplexer. Einerseits gibt es ja schon der klassischen Antike das griechische Kopis – von der Klinge her fast ein Kukri – oder die dakische Falx – eine sichelartig gekrümmte Klinge in unterschiedlichen Ausführungen, z.T. auch beidhändig geführt. Wenn wir aber das Mittelalter als solches anschauen, dann gibt es einerseits das Sax in unterschiedlichen Varianten – mal eher im Bowie-Format, mal in Schwertlänge. Die Bowie-Formen sind vermutlich einerseits Allzweckwerkzeug und andererseits Nahkampfwaffen im Schildwall, die schwertartigen Formen scheinen für spezifische Anwendungen optimiert zu sein – aufgrund der Klingenform und Klingengeometrie würde ich einigen davon erhöhte Schneidfreudigkeit unterstellen, v.a. in Spitzennähe (leider hab ich keins, das ich testen könnte – ich sollte wohl auf patreon gehen oder soZudem gibt es in wikingischer Zeit zumindest einen einschneidigen Schwerttyp (in Hinblick auf die Griffkonstruktion, im Gegensatz zum Sax, das weder Knauf noch Parierstange hat), und immerhin ca. 26% der von Petersen erfassten wikingerzeitlichen Schwerter waren einschneidig (siehe http://www.vikingsword.com/petersen/ptsn089h.html) Andererseits gibt es im reiternomadischen Kontext – ich habs v.a. von den Magyaren im 9./10. Jh. im Kopf – einschneidige Reiterschwerter bzw. Säbel, die z.T. auch eine leicht gekrümmte Klinge aufweisen (falls es da einen spezifischen Begriff für gibt, ist mir der entweder nie untergekommen oder entfallen).
Im Hochmittelalter gibt es dann den Falchion in unterschiedlichen Varianten, die generell die schwertartige Griffkonstruktion mit Angel und Parierstange gemeinsam haben. Der Falchion hat im Gegensatz zu den typischen mittelalterlichen Schwertern eine für den Schnitt optimierte Klingengeometrie (Anmerkung: bei gleicher Klingendicke und –Breite kann eine einschneidige Klinge wesentlich schneidfreudiger geschliffen werden als eine zweischneidige, einfach weil der Schneidwinkel viel flacher gehalten werden kann); gelegentlich liest man, Falchions seien schwere, kopflastige Hiebschwerter gewesen, was aber so nicht generell haltbar ist. «Schnittschwerter» träfe es besser. Die übrigen europäischen Schwertformen werden im Hoch- und Spätmittelalter immer mehr auf die Doppelrolle Hieb und Stich optimiert und, was noch wichtiger ist, ihre Entwicklung läuft parallel zu der Entwicklung der Rüstungen. Es könnte Zufall sein, dass die ältesten mir bekannten Falchions in etwa zeitgleich mit den Kreuzzügen auftauchen, aber genausogut könnte es ein bewusster Optimierungsversuch auf die andersartigen Schutzwaffen sein, denen man in dem Kontext begegnet ist.
Spätestens im 15. Jh. gibt es dann einen neuen einschneidigen Klingenwaffentyp, das Lange Messer, das definitiv keine Reiterwaffe, sondern primär eine zivile Seitwaffe ist. Zu dem Zeitpunkt sind die Schwerter bereits so stark auf den gerüsteten Kampf optimiert, dass sie praktisch «untragbar» und im ungerüsteten Kontext auch alles andere als optimal sind. Stattdessen kommt mit dem Langen Messer eine Lösung auf, die sich bei Länge und Gewicht näher an einem Einhandschwert bewegt, aber eine schnittoptimierte Geometrie aufweist (wenn auch nicht so krass wie der Falchion – die meisten Langen Messer haben deutlich schmalere Klingen, was auch einfacher in der Herstellung ist), häufig mit einer kurzen Rückenschneide an der Spitze. Zudem ist die Griffkonstruktion anders, nämlich mit breitem, durchgehenden Erl und aufgenieteten Griffschalen, statt wie beim Schwert einer Angel und einem einteiligen, aufgesteckten Griff. Das Lange Messer ist eine enorm flinke und vielseitige Waffe, das Technikarsenal wird recht schnell mindestens so komplex wie mit dem zweischneidigen Schwert, wenn nicht noch komplexer. Dazu kommt, dass mit dem «Nagel» quasi «erstmals» in der europäischen Schwertgeschichte der Handschutz optimiert wird, sodass man auch ohne Schild oder (Panzer-)Handschuhe (!) sinnvoll fechten kann. Dazu kommt noch der rechtliche Aspekt: nach der mittelalterlichen Definition ist das Schwert zweischneidig und an bestimmte Restriktionen (je nach Zeit und Region Rittertum, Adel, aber auch städtische Führungsverbote) geknüpft. Das Lange Messer kann dagegen «frei» getragen werden, es ist also sowas wie das frühe Äquivalent des §42a konformen kleinen Fixed oder überlangen Zweihand-Klappmesser. In Folge dessen erfreut es sich im Kontext der immer selbstbewusster werdenden Stadtbewohner, aber auch im Vorfeld der Bauernaufstände einer wachsenden Beliebtheit.
Im 16. Jh. geht die Entwicklung dann erneut weiter, vermutlich stärker mit Einflüssen aus Tschechien, Ungarn, Polen usw. Zunächst tritt der Dussack als Trainingsmittel in Erscheinung, im Prinzip ein Langes Messer mit Knochenbügel als Handschutz (oft ist der Nagel noch da). Von dort ausgehend scheint der Säbel populär geworden zu sein, wo es ja in Polen, Ungarn usw. reiche Traditionen gibt, mit deren Geschichte ich mich im Einzelnen aber bisher weniger befasst habe. Evtl. spielen die diversen Türkenkriege auch noch eine Rolle in der Übernahme dieser Waffenform.
So, jetzt muss ich aber wirklichEs ist mir klar, dass das alles nur ein sehr grober Überblick war - gewissermassen ein Rundumschlag -, ich schreibe gerne bei Gelegenheit mehr dazu oder gebe Literaturhinweise. Wichtig ist bei der Entwicklung von Klingenwaffen aber m.E. primär die Frage «Was will ich damit in welchem Kontext (= auch gegen welches Ziel) machen». Dass die Techniken mit einschneidigen Klingenwaffen «simpler» wären als die mit zweischneidigen, kann man zumindest für den europäischen Raum so nicht sagen, es geht primär um andere Szenarien («horses for courses»). Die Herstellung einer guten einschneidigen Klinge ist ggf. auch nur auf den ersten Blick einfacher als die einer zweischneidigen, nachdem die spitzwinkligere Klingengeometrie andere Herausforderungen mit sich bringt, v.a. beim Härten.
Beste Grüsse
Period.





Zudem gibt es in wikingischer Zeit zumindest einen einschneidigen Schwerttyp (in Hinblick auf die Griffkonstruktion, im Gegensatz zum Sax, das weder Knauf noch Parierstange hat), und immerhin ca. 26% der von Petersen erfassten wikingerzeitlichen Schwerter waren einschneidig (siehe
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