Naja gut ... kann man jetzt aber auch anders sehen.
Rein physikalisch ist eine Aktion stets schneller als eine Reaktion ... warum ... weil die Aktion früher startet und ihr daher ein Zeitvorteil immanent ist.
Dieser Zeitvorteil kann nur durch zwei Faktoren egalisiert werden:
1. das Ziel der Aktion ist so weit entfernt, dass der Zeitvorteil verpufft, da der Reagierende seinerseits - durch den langen Weg, den die Aktion überbrücken muss - genügend Zeit hat, auf die Aktion zu reagieren oder
2. die Grundschnelligkeit des Reagierenden ist wesentlich höher als die des Agierenden, was dazu führt, dass der Zeitvorteil keinen entscheidenden Effekt mehr entfaltet.
In der Begegnung zwischen Bruce Lee und Vic Moore ging es Bruce Lee ja darum seine Schnelligkeit zu demonstrieren.
Vic Moore hat aber in seinem Videokommentar und mit seiner - zugegeben herzzereißenden - Geschichte eingeräumt, dass er gerade nicht der schnellere Mann war, sondern sein Erfolg Bruce Lee´s Schläge abzublocken darauf beruhte, dass er Bruce Lee´s Intentionen - ob er mit rechts oder links schlagen würde - anhand von Bruce Lee´s verräterischer Körpersprache erkennen/erahnen konnte. Das wiederum sagt aber nichts über die Grundschnelligkeit von Vic Moore aus, lediglich dass er in der Lage war, sein Gegenüber zu lesen, sofern gewisse Faktoren gegeben waren, nämlich ausreichende Distanz und das zuvor angekündigte Zielgebiet des Schlages.
Vic Moore hat sich dementsprechend eher wie ein guter Soccer-Keeper beim Strafstoß verhalten. Ein Fußballtorwart reagiert beim Elfmeter auch nicht auf die Aktion des Elfmeterschützen (also auf den Schuss selbst), sondern versucht über dessen Körpersprache vor dem Pfiff und dessen Anlauf oder Blickrichtung zu antizipieren, ob der Schütze den Ball ins rechte Eck, ins linke Eck oder zentral sowie flach oder hoch schießen wird. Würde ein Fußballtorwart sich nicht schon bevor der Ball abgeschossen wurde für eine Variante entschieden haben, würde er praktisch niemals einen Elfer parieren oder halten können. Es geht also hier hauptsächlich nicht um Schnelligkeit, sondern um Antizipationsfähigkeit. Wer kann den Anderen besser lesen, wer kann seine Absichten besser verbergen.
Nichts anderes hat Vic Moore gemacht. Bruce Lee wusste nicht, dass Vic Moore dazu in der Lage war und war deshalb überrascht. Deshalb versuchte er ihn noch einmal zu testen und hat dann beim dritten Test, nachdem er wahrscheinlich gemerkt hatte, dass Moore nicht schneller war, sondern seine Bewegung vielmehr antizipiert hatte, das Zielgebiet Richtung Kopf verändert, um Moore seinerseits zu überraschen. Das sehe ich jetzt aber nicht als "cheating". Bruce Lee hat lediglich die Rahmenbedingungen verändert und dadurch Moore´s Antizipationsfähigkeit (die eben nichts mit Schnelligkeit zu tun hat) durch eine neue Variable wiederum egalisiert. D. h. auch wenn Moore ahnen konnte, ob der Schlag von rechts oder von links kam, konnte er deshalb dennoch nicht ahnen, ob er zur Brust oder zum Gesicht geführt werden würde. Somit war Moore wieder alleine auf seine Schnelligkeit angewiesen, die - trotz der großen Distanz - eben geringer war als die von Bruce Lee. Denn andernfalls hätte Moore auch den Schlag zum Gesicht abblocken können.
Bruce Lee hat demnach nicht beschissen, sondern das Bescheißen Moore´s vielmehr ausgeglichen.
Nehmen wir an, wir hätten jemand ohne die Antizipationsfähigkeiten von Vic Moore, jedoch mit identischer Grundschnelligkeit. Dann hätte Bruce Lee diesen Mann auch zweimal auf der Brust erwischt. Moore hatte zwei "Waffen" ... Antizipation + Schnelligkeit ... Bruce Lee hatte zunächst nur eine "Waffe", nämlich größere Schnelligkeit, aber gleichzeitig auch einen Nachteil, nämlich größere Distanz. Klar, dass Moore da gewinnt und auch klar, dass Bruce Lee dann die Dinge anpassen muss, um für den Schnelligkeitstest wieder relativ neutrale Bedingungen herzustellen, obwohl er ja noch immer den Distanznachteil hatte, diesen aber eben mit seiner größeren Schnelligkeit überwinden konnte. Ein Gegner, der sich nur auf seine Schnelligkeit hätte verlassen müssen, wäre von Bruce Lee dreimal getroffen worden.
Also bevor man nun lacht und Bruce Lee als den Scharlatan des 20. Jahrhunderts bezeichnet, muss man das alles erstmal in den wissenschaftlich richtigen Kontext setzen ... und wenn man das macht, dann war Bruce Lee der schnellere Mann.




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