Nachdem wir jetzt einige Prüfungen hinter uns haben, widmen wir uns mal wieder dem Thema Bunkai.
Im Grunde sehe ich 3 Stufen (Bsp. Bassai Dai):
1. Omote Bunkai: Die Techniken der Kata werden an Angreifern demonstriert. Hier geht es zunächst darum, dass die Schüler die Richtungen der Kata sauber einzuhalten lernen und die Techniken so ausführen wie in der Kata. Die Angriffe werden passend gemacht und die Angreifer kommen aus verschiedenen Richtungen, so dass auch die Richtungswechsel in der Kata zum Angreifer hin gehen. Es werden nur minimale Änderungen und Ergänzungen vorgenommen
Sowas also:
Im Grunde das, was man so gemeinhin kennt und übt und was jeder Fortgeschrittene mindestens können und in der Prüfung demonstrieren sollte. Dass das nicht besonders realistisch ist und nur bestimmte kämpferische Grundlagen schult und dem Erlernen der korrekten Ausführung der Kata dient, sollte klar sein und brauchen wir hier nicht weiter zu diskutieren.
2. Ura Bunkai
Da wird es in der Tube schon schwieriger, geeignete Beispiele zu finden. Ich würde als Beispiel mal das hier nehmen, wobei ich die Angriffe durch realistischere ersetzen würde (Bsp. Greifen ans Revers oder zum Hals anstatt Tsuki):
Die Angreifer kommen von vorne mit realistischen Angriffsformen (Greifen, Schwinger, gerader Tritt, etc.). Die Techniken der Kata bleiben in der äußeren Form erhalten, der Zweck weicht aber vom offensichtlichen ab. Bsp. Block als Gegenangriff und die ausholende Hand macht die Annahme; Hikite als Griff zu Kontrolle, Ziehen um Gleichgewicht zu brechen, Block als Hebel oder Wurf, etc. Hier werden also bereits wichtige kämpferische Prinzipien eingeübt, die durchaus charakteristisches Thema der Kata sein können, wie etwa in der Bassai Dai Annahme und direkte Übergabe des Arms durch die aufeinanderfolgenden Uke-Bewegungen wie etwa in der Anfangssequenz oder in der Shuto Uke-Bahn.
3. Honto Bunkai
Da das im landläufig verbreiteten Shotokan kein echte Tradierung versteckter „echter“ Anwendungen gelehrt wird, läuft es dann im Grunde auf Reengineering hinaus oder auf irgendwelche SV-Anwendungen, die ich als Lehrer in den verschiedenen Passagen imaginiere, wie etwa bei Iain Abernethy.
Bsp.:
Dazu braucht man ja nicht viel zu sagen. Mir gefallen jetzt nicht alle Anwendungen von Iain. Manche sind mir zu kompliziert aber das lässt sich ja problemlos ersetzen durch etwas, was mehr zu einem spricht. Aber im Grunde gefallen sie mir schon sehr gut.
Ob das dann die ursprüngliche Idee der Kata war, ist mir persönlich vollkommen wumpe. Ebenso, ob diese ursprüngliche Idee waffenlos oder nicht war (um das mal gleich am Anfang abzuwürgen
) Zum einen kenne ich die nicht, zum anderen wäre eh die Frage, ob mir das heutzutage noch etwas brächten (ich werde halt selten mit ner Hellebarde angegriffen
).
Wie gesagt, an dieser Stelle ist mir nur wichtig, dass die Bewegungsprinzipien und die Motorik, die ich mir durch das Training der Kata angeeignet habe, in eine realistischere kämpferische Anwendung überführbar sind.
Meine geplante Vorgehensweise wäre jetzt in der Praxis wie folgt: Stufe 1 (Omote) zum Überprüfen und quasi als Techniktraining. Dann Stufe 2 (Ura) ernsthaft üben bis das sitzt mit abnehmender Kooperation der Angreifer. Stufe 3 (Honto/Okuden) als Ausblick locker mal machen, das man es mal gesehen hat. Ich erwarte nicht, dass eine Breitensportgruppe Stufe 3 in realistischer Ausführung hinbekommt und möchte daher gar nicht erst die Illusion erwecken, dass sie sich dergestalt verteidigen können. Eher würde ich die Techniken in Stufe 2 durch SV-relevantere Techniken ersetzen (offene Hände, Hammerfaust, Eye Jabs, etc.) und einüben.
Feedback gerne reichlich.
„Grau teurer Freund, ist alle Theorie. Und grün des Lebens goldner Baum.“