...Über 53.000 Soldaten starben in der Schlacht bei Waterloo, aber seltsamerweise wurden bis heute kaum Überreste gefunden. Laut einem britischen Archäologen könnten die Knochen zu Dünger verarbeitet worden sein. ...Eine englische Zeitung berichtete im November 1829, dass ein schottischer Landbesitzer einen ganzen Frachter, beladen mit Knochen vom Leipziger Schlachtfeld, erworben hatte, um sie zu Knochenmehl-Dünger verarbeiten zu lassen....
Bis heute wurden seltsamerweise keine Massengräber und kaum Überreste von den vielen Gefallenen gefunden.
Es war einer der blutigsten Schicksalsschlachten in Europa: Am 18. Juni 1815 verlor die französische Armee unter Napoleon Bonaparte den entscheidenden Kampf gegen alliierte Truppen unter dem britischen Duke of Wellington und dem preußischen Feldmarschall Fürst Blücher. Am Ende lagen in dem kleinen Ort Waterloo, südlich von Brüssel, über 53.000 Männer tot auf dem Schlachtfeld.
Über 200 Jahre später hat ein Team um den britischen Archäologen Professor Tony Pollard jetzt ein vollständig erhaltenes Skelett in der Nähe eines ehemaligen Feldlazaretts auf dem historischen Schlachtfeld gefunden. Außerdem wurden die Überreste mehrerer amputierter Gliedmaßen entdeckt.
Der Fund ist erstaunlich, weil bei Ausgrabungen bisher nur wenige sterbliche Überreste gefunden wurden. Von Massengräbern fehlt jede Spur.
Professor Tony Pollard hat anhand von Briefen, Gemälden, Zeitungsartikeln und persönlichen Beschreibungen von zeitgenössischen Schriftstellern und Dichtern, Malern, Diplomaten und Schaulustigen rekonstruiert, was in den Tagen und Wochen nach der Schlacht in Waterloo geschah.
Bereits wenige Tage nach der Schlacht, so Pollard, "sobald sich der Schmauch gelegt hatte", kamen die ersten Schaulustigen und Plünderer nach Waterloo.
...In den bedrückenden Schilderungen berichten viele Zeitzeugen, dass auch die lokale Bevölkerung viele Tote vor dem Vergraben ihrer Kleider und Gegenstände beraubt hätte. "Viele kamen, um die Habseligkeiten der Toten zu stehlen, einige stahlen sogar Zähne, um sie zu Prothesen zu verarbeiten, andere kamen einfach, um zu beobachten, was passiert war", erklärt Pollard.
Unter den Besuchern waren laut Pollard auch zahlreiche Knochenhändler. "Die Schlachtfelder Europas waren günstige Bezugsquellen für Knochen", so der Direktor des Zentrums für Schlachtfeldarchäologie an der Universität Glasgow im Fachblatt "Journal of Conflict Archaeology".
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"In mindestens drei Zeitungsartikeln aus den 1820er Jahren wird die Einfuhr menschlicher Knochen von europäischen Schlachtfeldern zur Herstellung von Dünger erwähnt", so der Archäologe Pollard.
"In den zwei Jahrzehnten nach der Schlacht von Waterloo lieferten die europäischen Schlachtfelder einen reichen Vorrat an Knochenmaterial, das zu Knochenmehl zermahlen werden konnte", so Pollard. "Dieses Knochenmehl diente vor der Entdeckung der Superphosphate in den 1840er Jahren als Dünger."
Zeitzeugen berichteten, dass die ausgehobenen Massengräber gar nicht für all die Leichen ausreichten
Ähnlich verfuhr man offenkundig auch mit den Gefallenen der "Völkerschlacht bei Leipzig", bei der 1813 eine Allianz aus Truppen von Preußen, Österreich, Schweden und Russland über Napoleon Bonaparte gesiegt hatte. Bei dieser "Völkerschlacht" fielen rund 92.000 der etwa 600.000 beteiligten Soldaten. ...