Von vielen Autoren hört man, dass sie in erster Linie Bücher schreiben, die ihnen selbst gefallen. Mir geht es nicht anders. Gerne nehme ich ein veröffentlichtes Werk aus dem Regal und schmökere etwas. Bei der „Faust von Lwiw“ habe ich mir nun den Roman in den vergangenen Wochen vorgenommen und erstmalig nicht am Computer durchgelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Setting dieser „Legende“ wirklich extrem surreal wirkt.
Die Geschichte spielt in den frühen Zwanzigerjahren des fortschrittlichen 21. Jahrhunderts. Eine Pandemie hat bis vor Kurzem noch die Menschheit in ihrem Würgegriff gehalten und die eng verflochtene Weltwirtschaft ist gerade dabei, sich langsam hiervon zu erholen. Da überfällt der Regierungschef der vermeintlich größten Atommacht sein kulturell und verwandtschaftlich eng verbundenes Nachbarland, welches er trotz vertraglich zugesicherter Grenzen schon acht Jahre lang in einem Krieg geringerer Intensität hielt und bereits zuvor um eine große Halbinsel erleichterte.
Trotz lang angekündigter Vorzeichen und einer für jeden verfügbaren Echtzeitkommunikation gelingt es ihm, sein Volk im Glauben zu lassen, dass es nur eine „militärische Spezialoperation“ und kein Krieg sei. Das Militärbündnis, welches diese Aggression beenden könnte, schließt ein direktes Eingreifen bereits im Vorfeld aus und seine Experten rechnen dem überfallenen Staat kaum Chancen aus, sich länger als ein paar Wochen zur Wehr zu setzen.
Entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelingt es den entschlossenen Streitkräften des überfallenen Staates, die Feinde vorzuführen. Offenbar war die Propaganda des Aggressors bezüglich der eigenen militärischen Fähigkeiten weit besser als das, was seine Truppen auf dem Schlachtfeld tatsächlich zeigen können. Hohe Verluste und offensichtliches Versagen verkauft man der Bevölkerung dabei als Erfolge oder Unachtsamkeiten. Ich sage nur: Rauchen kann tödlich sein ...
Die Verbündeten des überfallenen Staates kommen mit ihren Militärhilfen anfangs nur zögerlich voran und so improvisieren die Verteidiger, um sprichwörtlich aus Mist Gold zu machen. Einige der Verbündeten müssen zudem zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie sich sehenden Auges in eine energieversorgungstechnische Abhängigkeit gegenüber dem Aggressor begeben haben, welche sie nun erpressbar werden lässt. Sie finanzieren deshalb unfreiwillig den Angriffskrieg mit und die Unterstützung in ihrer Bevölkerung bröckelt, da sich eine Wirtschaftskrise und Entbehrungen im Winter abzeichnen. Das alles spielt sich zudem in einer Zeit ab, in der niemand mit einem großen Krieg vor der eigenen Haustür rechnete, das eigene Militär nicht mehr in erster Linie für die Heimatverteidigung trainierte und über Jahrzehnte lang kaputtgespart wurde.
Ich kann mir nicht helfen, doch wenn ich mir das so überlege, gewinne ich den Eindruck, dass ich beim Setting schon etwas extrem fiktiv gewesen bin. Die Realität ist doch manchmal sehr unrealistisch ...





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