Grundsätzlich kann man sehr wenig zu dem Thema mit definitiver Sicherheit sagen, ob nun technisch oder juristisch. Ich würde sowohl wegen dem einen wie dem anderen äusserst ungern vor Gericht stehen müssen (wobei, immer noch lieber als 6 Fuss unter der Erde, um eine alte Plattitüde zu bemühen); aber wenn es ein Video gibt, wo man sieht, wie beide ein Messer ziehen und ich ggf. noch das grössere, sich dann lauernd umkreisen und aus der Distanz gegenseitig versuchen, sich an der Messerhand zu treffen, dann sieht das aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr nach Notwehr aus, sondern eben nach einer duellartigen Situation. Und dann ist man sehr schnell zumindest bei gefährlicher Körperverletzung mit einer tödlichen Waffe, wenn nicht gar bei Vorsätzlichkeit (evtl. nochmals abhängig vom verwendeten Messer etc.).
Wir können historisch gesehen festhalten: es gibt Klingenstile, die in der langen Distanz bleiben wollen, da spielen Reichweite, Distanzgefühl etc. immer eine massgebliche Rolle. Viele davon sind im Grunde Duellstile, zumindest die italienischen Systeme. Wenn man genug Platz, Vorbereitungszeit, ebenen Untergrund, eine passende Waffe, nur einen Gegner usw. hat, super.
Und es gibt nicht wenige Stile, die gegen eine Klinge nach vorne gehen, darunter so ziemlich alle Systeme, die nicht für das Duell, sondern für Schlachtordnungen und ähnliches entwickelt worden sind. Die haben auch eher eine reelle Chance, wenn man grad keine Waffe zur Hand hat. Ohne Waffe in der langen Distanz ist man noch schneller zerschnitten, als wenn man reingeht. Aus diesem Grund neige ich persönlich eher den Stilen zu, die gegen Waffen in der Regel reingehen.
Schnitte zur Waffenhand kann man natürlich versuchen, aber die sind - gerade wenn man nicht das längere Messer hat - auch inhärent riskant. Und man sollte auch nicht den Fehler machen zu erwarten, dass es dann automatisch vorbei ist, wenn man nicht grad eine wichtige Sehne durchtrennt: ich habe eine ganze Reihe von Mitgliedern einer Mocro-Gang getroffen (die waren in dem Viertel aktiv, wo ich einige Jahre gewohnt habe), deren Unterarme ein wahres Netz an Schnittnarben aufwiesen. Für die ist sowas unter Umständen Dienstag.
Wenn man in der langen Distanz arbeitet definitiv.
Ebenfalls ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: ich habe jahrelang verdeckt getragen zwar nie in einer Auseinandersetzung gezogen, aber mehrfach täglich bei allen möglichen Arbeiten und in allen möglichen Lebenslagen, von auf einer Leiter stehend bis in einem Graben liegend. Und genau deswegen weiss ich auch, dass keine Variante davon so schnell und unproblematisch zu ziehen ist wie offen getragen, und das wiederum nicht so schnell wie schon in der Hand - auch wenn es Leute gibt, die in 0.4 Sekunden ziehen und zustechen können, zumindest unter Laborbedingungen. Ich habe aber nicht selten schon erheblich länger gebraucht.
In Sizilien heisst es "Il bastone per la difesa, il coltello per l'onore" (Der Stock für die Verteidigung, das Messer für die Ehre, d.h. zum Duell). Der Stock ist in diesem Fall ca. 1.20-1.40 m lang, besteht aus Hölzern wo man auch mit einer Machete keine Chance hat durchzukommen und ist je nach Modell auch schon mal 750 Gramm schwer; wenn genug Distanz da ist und der Stockmensch weiss was er macht, sieht dagegen jedes Messer ziemlich alt aus. Stile, die den kurzen Spazierstock gegen Messer nutzen, gibts international auch genug; die Hand zu treffen, ggf. zu brechen und zu entwaffnen ist damit entschieden sicherer, als das mit dem Messer zu versuchen. Ist dann halt immer ein Reichweitenspiel - und schief gehen kann grundsätzlich jede Form der Verteidigung gegen ein Messer, da sollten wir uns auch nichts vormachen.
Ein klarer Vorteil des Stockes ist einerseits, dass man den immer schon in der Hand hat. Ein weiterer mögliches Plus beim Stock war damals wie heute, dass es (wenn wir jetzt mal von den wenigen, sehr spezifisch gestalteten Sonderfällen absehen) schwieriger ist, damit Vorsätzlichkeit zu unterstellen, als mit einem einschlägig geformten Messer. Der Unterschied ist, dass in der Zeit, wo die Stile entwickelt wurden, so ziemlich jeder mit dem Stock rumlaufen konnte, heute gilt das eher nur für bestimmte Kontexte und nicht zuletzt Altersgruppen.






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