Hallo nochmal,

nach dem in der heutigen Karate-Welt gängigen Bild sind Kata ganz offensichtlich „interpretierbar“: Sie wurden als sportliche Vorführstücke, als „Werkzeugkisten“ bzw. „Trickkisten“ für Selbstverteidigungssituationen u. Ä. „interpretiert“. Im ersten Fall wird eine bestimmte Kata als Ganzes vorgeführt, im zweiten Fall werden einzelne Bewegungen oder Bewegungsfolgen aus einer bestimmten Kata von Selbstverteidigungsexperten „interpretiert“.

Beide Fälle haben nichts mit herkömmlichen Karate, wie es von den Karate-Pionieren Anfang des letzten Jahrhunderts in Wort (japanisch) und Bild (gezeichnet oder fotografiert) vorgestellt wurde, zu tun.

Für die Karate-Pioniere waren Kata die grundlegende Übungsform, mit der sie einen Schüler – nachdem sie diesen hinsichtlich seiner körperlichen und geistigen Anlagen eingeschätzt hatten – die erforderliche körperliche Kondition (spezifische Muskelarbeit, Körpermechanik usw.) angedeihen ließen. Dazu ließen sie den jeweiligen Schüler ganz bestimmte, z. T. auf den Einzelnen zugeschnittene (veränderte) Kata üben. Parallel dazu zeigten sie ihnen, wie genau sie sie etwa mit dem Makiwara zu üben hatten, um die erforderliche körperliche Kondition aufzubauen, und gaben ihnen mündliche Lektionen in Bezug auf Verhaltensweisen und Kampftaktik.

Auf dieser Grundlage bauten sie dann mit ganz bestimmten – vorher bekannten, also nicht in die Kata hineininterpretierten – Kumite-Formen auf, die dem Schüler ermöglichten, mit ganz bestimmter – also nicht frei interpretierter – Körpermechanik bewaffnete oder unbewaffnete, zeitlich und kulturell verankerte Gewalttaten auszuüben bzw. zu unterbinden.

Diesen Vorgang nenne ich manchmal „kohärentes Lehrgebäude“, da nicht eine einzelne Kata der Knackpunkt ist, sondern die Kampfkunst Karate insgesamt, die damals inhaltlich je nach Übertragungslinie des „Karate“-Wissens unterschiedlich ausgestattet war.

Dummerweise wurde Karate recht schnell Opfer seines eigenen Erfolgs in Japan (einschließlich Okinawa), so dass die „Karate-Verkörperungen“, wie G. Funakoshi (1868–1957) oder C. Motobu (1870–1944) aufgrund der schieren Masse an neuen (ungeduldigen und/oder besserwissenden) Karate-Schülern keine echte Kontrolle darüber hatten, wie genau ihr Karate aufgenommen und weitergegeben wurde. Vermutlich kennt der ein oder andere Mitleser hier G. Funakoshis ins Englische übersetzten Worte der Gram über den Zustand „seines“ Karate am Ende seines Lebens, die er im Vorwort der Neuauflage seiner „Lehrnorm des Karate-Dō“ ausformulierte. 1991 wurde mein Karate-Lehrer vom „Shōtōkan Magazine“ gefragt, wie er G. Funakoshis Meinung zum Karate Jahrzehnte darauf, um 1990 herum, einschätze – „sehr traurig“, war seine Antwort. Und es ist seitdem nicht besser geworden, eben weil es eine „neue Normalität“ in der Karate-Welt gibt, die „Mainstream“ ist und sich selbst mit besten historischen Quellen und zigfachen gut begründeten Erläuterungen nicht mehr ändern wird.

Leider konnte ich die kurze Frage nicht mit einem kurzen Satz beantworten …

Grüße,

Henning Wittwer