Hallo,

„Kobudō“ ist im Zusammenhang mit Kampfkunst aus Okinawa ein relativ moderner Begriff, der nachweisbar (spätestens) 1933 verwendet wurde (siehe Hoplo, S. 71). Davor gab es schon viele andere Bezeichnungen für Kampfkunst in/aus Okinawa.

Auch die inhaltliche, auf bestimmte Waffen beschränkte Verwendung von „Kobudō“ ist demnach ein modernes Konstrukt.

Aus den beiden Gründen ist es verzwickt, allgemeingültige Aussagen über diesen Begriff zu treffen. Letztlich müsste jede einzelne Waffe und jede einzelne Übertragungslinie bezüglich ihrer geschichtlichen Herkunft überprüft werden. Für das Shōtōkan-Ryū tat ich genau das ja schon ausführlich zum Kampfstock (Bō/Kon) (Band I, S. 148 ff.; Band II, S. 110 ff. & S. 195 ff.; Band III, S. 193 ff.) und zu den Sai (Band III, S. 129 ff.).

Für diese Linie(n) würde ich Bauern mit einiger Sicherheit als Ursprünge der beiden Waffen ausschließen. Dazu kommt, dass z. B. G. Funakoshis (1868–1957) Vater den Umgang mit dem Bō übte und der unteren Gesellschaftsschicht mit Rang und Namen angehörte (also kein Bauer war):

https://www.gibukai.de/2017/02/09/da...aus-funakoshi/

A. Asato (1828–1906) übte, seinem Schüler G. Funakoshi zufolge, sowohl mit Waffen, die eher dem Kriegeradel zugeschrieben werden (z. B. Säbel), als auch mit vermeintlich „bäuerlichen“ (z. B. Nunchaku) (Band I, S. 52 & 59). Er gehörte zur oberen Adelsschicht.

Insbesondere Mitte/Ende des neunzehnten Jahrhunderts verarmten viele Adlige bzw. ehemalige Adlige Ryūkyūs und lebten dann gezwungenermaßen auf dem Land, wo sie z. T. ihre Kampfkunst weiterpflegten und regional lehrten.

Im Arte-Film wird eine Feldhacke als Waffe gezeigt. Da es sich dabei um Matayoshi-Ryū handelt, würde ich darauf tippen, dass diese Techniken mit der Hacke (wenigstens teilweise) im zwanzigsten Jahrhundert aus China mitgebracht wurden, also eher nichts mit Ryūkyū-Adel zu tun hatten. Auf dem Festland gibt/gab es viel Volkskampfkunst, als deren Teil u. a. die Hacke als Waffe Verwendung fand. Je nach Herkunft könnte es sich z. B. um Techniken einer ländlichen chinesischen Bürgerwehr o. Ä. handeln.

Es ist noch verwickelter: Techniken mit der Hacke können ebenfalls von Satsuma nach Ryūkyū gelangt sein, da sie (zusammen mit anderen ländlichen Gerätschaften) ab dem siebzehnten Jahrhundert in Satsuma explizit zur kämpferischen Vorbereitung jener Personen, die nicht zur Klasse des Kriegeradels gehörten, in der Form von „Tänzen“ gelehrt und verbreitet wurden (Band I, S. 99 & 107 ff.).

Also kurzum, solche knappen Aussagen, wie im Art-Film, sind wirklich uninformiert und ungünstig (vorsichtig formuliert), wenn es um Bildung gehen sollte, also nicht bloße „Unterhaltung“ …

Grüße,

Henning Wittwer