Wing Chun funktioniert, aber dieser "funktionale Kern" ist über die Jahrzehnte komplett verwässert worden. Vor lauter Macht-, Programm- und Sektionenfetisch werden die wesentlichen Elemente nicht mehr vermittelt. Ob nun bewusst oder aber unbewusst.
Was macht es in meinen Augen funktional?
Überraschung gekoppelt an Power, ja die Universallösung. Belächelt, ungeliebt und oftmals als nicht effektiv abgetan. Daher sollten wir einmal den Kontext beleuchten: Normalmensch, normales Umfeld, geregeltes Leben, Einkommen, Familie, alte Eltern - hat wenig mit dem Milieu und Gewalt zu tun - kommt in eine entsprechende Situation. Die Universallösung ist ein absolut tragbares Konzept, wenn das einmal sitzt, dann ist das auch noch Jahre später abrufbar. Kein Anspruch auf MMA oder aber lange Kampfrunden: Zack, druff und wegrennen. Nicht mehr und nicht weniger. Ja, das funktioniert - als Überraschung, wenn damit keiner rechnet und genau daher funktioniert es - für den normalen Menschen- zumindest ist die Wahrscheinlichkeit durchaus vorhanden, dass du heil aus so einer Nummer wieder rauskommt.
Wo liegt dann das Problem? Naja, das ist recht zügig vermittelt. Keilprinzip, Grundkonditionierung für das Dauerfeuer, die Angst des "nach-vorne-gehens" soweit wie es eben geht "runter" konditionieren und dann immer wieder und wieder drillen, drillen, drillen. Kraft und Druck aufbauen - das will geübt werden. Kognitive Seite - Situationen unter Stress. Mal ins Auto, an der Haustür. Wird aber nicht gemacht. Da fällt aber irgendwie was weg. Was denn? Die Formen? Die Programme und Sektionen? Da sind wir sehr schnell beim Krav-Maga et al und deren Art des Stresstrainings - du wirst konditioniert. Ob da nun ein Keilprinzip, eine komplette Kampfkunst oder aber nur Fragmente dahinter stehen - das ist erst mal egal. Wichtig ist, dass "gemacht" wird und zwar zielorientiert. Ich denke hier liegt die Krux begraben - diesen ganzen "Wing-Chun-Eimer" braucht es doch gar nicht, wenn es um SV für "normale" Menschen geht.
Insofern: Es funktioniert, aber dazu brauchst du eigentlich kein Wing Chun. Paradox geradezu, aber hier sehe ich eine mögliche Ursache, warum sich die Szene seit Jahren im Kreis dreht: Auf der einen Seite effektiv, auf der anderen Seite verlieren wir uns sehr schnell im Formen und Programm- sowie Sektionendschungel. Was braucht es? 1. Form - nehmen wir die mal unter "formenden" Aspekten und "steh einfach mal ruhig und konzentriere dich auf wenige Bewegungen", Schlafpoltert (Wandsack, schwerer Sandsack) und da sind wir schon fertig für den normalen Menschen und sein Paket ist geschnürt. Wer tiefer in diese Kampfkunst eintauchen möchte, gerne - aber in Sachen "Funktion" sehe ich hier eine erste Sättigung, denn es gibt auch ein Leben nach dem Wing Chun.





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