Hi Openmind,


Ich kannte den Mann bisher nicht.
Ich sitze bei diesen ganzen Chisao-Videos mittlerweile auch fast nur noch
kopfschüttelnd vor dem Rechner. Kann und will da jetzt auch gar nicht so
in die Tiefe gehen wie Du, möchte aber sagen, dass ich mich immer weiter
davon distanziere. Hab zwar selbst diese Woche mal wieder ein bißchen
gekurbelt, es dann nach ein paar Minuten auch wieder gut sein lassen, weil
ich es immer befremdlicher finde. Es trainiert ein bißchen die Reflexe und so -
ok. Aber die kann man bestimmt auch anders trainieren.
Ich habe genau dieses Problem schon erwähnt, in meinem Posting. Wenn man "Lei Kiu" kämpft, braucht man kein Chi Sau. Deshalb - und ich wiederhole mich - ist es Zeitverschwendung eine Übung zu machen, die für etwas anderes gedacht ist. Das wäre als ob man Pummeling üben würde, um sein Boxen zu verbessern...


Was ich im Speziellen immer abstoßender finde - sobald es kompetitiv wird,
wird es hart, blockierend und bricht völlig zusammen. Das stelle ich bei mir
fest und das ist überall, auch bei den Meistern, zu sehen.
Überall! Tassos vs Lun Kai, Obasi vs wen auch immer, Danny Horgan vs ..., etc.
Nun, der Grund dafür ist ganz einfach und einleuchtend:

Diese Leute trainieren es schon seit Jahren - wenn überhaupt - unter entsprechenden Bedingungen geübt. Wenn man ausschliesslich eine Lehrerrolle hat ist dies ja auch gar nicht überraschend. Dies ist zu vergleichen mit einem Box-Coach, der seine Schützlinge gut ausbildet, aber wenn er selber in den Ring steigt ziemlich mies aussieht, weil er eingerostet ist...

Ist ganz normal.

Nun kann man mir wieder widersprechen und mir sagen, dass Chisao ja gar
nicht kompetitiv geübt werden soll. Ja, das habe ich auch schon seit längerer
Zeit verstanden. Das Problem ist - es steht damit halt im völligen Gegensatz
zu dem, was Kampf eigentlich ist. Konträrer und kompetitiver als Kampf geht
es gar nicht. Kampf ist immer hart, angespannt und verkrampft und ich habe
das Gefühl, dass man sich mit dieser Übung ein falsches Verhaltensmuster
einschleift.
Darauf ging ich auch schon in meinem vorigen Posting ein, aber gut:

"Luk Sao", "Laap Sau", "Huen Sau", etc. sind alles UEBUNGEN mit mehr oder wenig klar definierten Zielen. Im Rahmen der Übungen kann man das sehr wohl kompetitiv Üben, und sollte es auch. Das heisst Speed, Power usw. sollten nach und nach sich der Anwendungsintensität anpassen.

"Chi Sau" an sich ist aber keine klar definierte Übung, sondern läuft so ab:

Brückenkontakt und los geht es - keine Regeln, man versucht seine Konzepte umzusetzen und seine Techniken anzuwenden.

Klar das so etwas steif, eckig, usw. abgeht - aber desto Mehr man dies trainiert, desto flüssiger, lockerer wird es. Das ist beim Grappling genau so...

Der Virtuose ist im Kampfgeschehen locker und entspannt, nicht verkrampft und hart, Saenchai oder Leozinho sind beide gleich locker, ob im Sparring oder im Wettkampf. Warum wohl?

Im Chi Sau geht es nicht darum sich "zu lösen", um dann schlagen zu können - das lösen ist ein zurück zu "Lei Kiu" - was aber nicht wirklich die bevorzugte Wing Chun Strategie ist. Chi Sau ist "Chi Kiu Chi Da", also den Gegner schlagen, werfen, etc. AUS/MIT Kontakt. Genau dafür trainiert man diese ganzen Übungen (Luk Sau, Laap Sau, etc.), nicht für "Lei Kiu".

Aber um das zu verstehen muss man den Unterschied und die Rolle des "Lei Kiu" und "Chi Kiu (Chi Da)" kennen...

Wo man merkt, dass man ein bißchen davon profitieren kann, ist
das Grappling - aber warum dann nicht lieber gleich vernünftiges und kompetitives
Grappling üben?
Antwort steht oben...

Kompetitiv ist das Stichwort.
Warum sollte ich meine Trainingszeit mit kooperativem, abstraktem Theorie-
kram füllen, dessen Wert seit Jahrzehnten umstritten ist, wenn ich in der Zeit
bewärte Techniken und Verhalten, deren Wert seit Ewigkeiten völlig außer
Zweifel steht, mit meinen Trainingspartnern völlig unkooperativ, also kämpferisch,
üben kann?
Ich empfehle Muay Thai oder Boxen, das sind beides supertolle und vor allem super praktische Kampfstile.


MfG